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die ärzte: Jazz ist Anders

jazz von Anna-Selina Sander

Review:  Da sind sie ja wieder! Drei Jahre nach der opulenten, entweder geliebten oder gehassten Doppel-CD Geräusch (2004) präsentieren die ärzte neues Material auf CD - 19 Tracks auf zwei Tonträgern versammelt, endlich wieder Stoff zum Auswendiglernen und Mitgröhlen!

jazzDie Ärzte: Jazz ist Anders (Deutschland, 2007)
Plattenfirma:
Hot Action Records
Tracks: 19 Erscheinungsdatum: 2. November 2007
ASIN: B000VOEETI
Preis: ca. 16€ Jazz ist anders bei Amazon.de

Da sind sie ja wieder! Drei Jahre nach der opulenten, entweder geliebten oder gehassten Doppel-CD Geräusch (2004) präsentieren die ärzte neues Material auf CD. Die Zwischenzeit überbrückten sie neben diversen Solo-CDs von Farin und Bela im letzten Jahr mit der Bäst of die ärzte – Singlesammlung, aber viel neues gab es sonst nicht. Das ändert sich jetzt, gemeinsam mit zwei Touren 2007 und 2008 meldet sich das deutsche Urgestein zurück und die Presse überschlägt sich mit Titelstories und Reviews. Da wollen wir natürlich auch unseren Senf dazu geben!
Um gleich beim Kulinarischen zu bleiben: Bei Plattencovern war die beste Band der Welt schon immer kreativ, in diesem Fall kommen sie sogar fast an das blaue Plüsch-Ungetüm Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer (2000) heran: Die neue CD wird in einem kleinen Pizzakarton mit billigstem 3-Farben-Aufdruck geliefert. In der Vinylversion kommt das ganze natürlich größenbedingt viel besser, zumal die CD natürlich stilecht einen unglaublich ekligen Pizzaaufdruck hat. Und sie ist nicht allein, wie man erfreut feststellt! Neben der Pizza-CD purzelt eine kleine EP (im Tomatenlook) mit drei Bonus-Tracks aus dem Karton. Dem Vinylalbum liegt übrigens noch eine stilechte Peperoni mit einem Gutschein für einen MP3-Download des Albums bei.

19 Tracks sind also auf diesem neuen Album auf zwei Tonträgern versammelt, endlich wieder Stoff zum Auswendiglernen und Mitgröhlen!

Auch hier sind wieder Höhen und Tiefen in lauter Eintracht miteinander versammelt, böse Menschen, die das Album auf welche Weise auch immer im voraus hören konnten, moserten bereits Wochen vor dem Releasetermin darüber, wie beschissen die neue Platte sei. Das schürt die Vorfreude, aber nichtsdestotrotz ist das Ergebnis durchaus erfreulich!
Bei Geräusch war es ja so, dass sich die Bandmitglieder untereinander irgendwie nicht mehr leiden konnten (was man nach bummelig 25 gemeinsamen Jahren auch nachvollziehen kann) und dementsprechend jeder in Stillarbeit seine Songs ablieferte und dem Studio danach so schnell wie möglich entfleuchte. Die drei Jahre Ruhe haben der Band gutgetan, denn auf der neuen CD ist sie wieder ein Stück zusammengewachsen.

Die Musik ist wie immer voller Variationen und technisch einwandfrei, der Sound der Lieder mehr oder weniger typisch für den jeweiligen Autoren. Bela B.s Songs variieren vom albernen Licht am Ende des Sarges, ganz im Stil der guten alten Monsterparty über den Lovesong mit einem großen Haken (Perfekt, Die ewige Maitresse) bis hin zur nachdenklichen Auseinandersetzung mit eigenen Ambitionen und dem Sich-selbst-treu-bleiben (Lied vom Scheitern), die aber gut um den Spezialteil gekürzt hätte werden können, denn spätestens da kippt der Text in Chartpop-Balladen-Richtung, die völlig unpassend ist. Tu das nicht widmet sich der zuverlässigen Kundschaft mit der schnellen Internetverbindung, es hätte gut und gerne ein neues Schrei nach Liebe werden können – wäre da nicht die zweite Hälfte des Songs, die die ganze Botschaft wieder ärzte-typisch ins Lächerliche zieht. Es wäre auch verflucht unglaubwürdig gewesen, einerseits das freche „ohne Kopierschutz“-Siegel auf die Hülle zu drucken und gleichzeitig über Raubkopierer zu maulen. Aber so wurde das Ruder nochmal rumgerissen.

Farin Urlaub ist ja immer mein persönlicher Held der Band, und auch diesmal enttäuscht er mich nicht. Seine Lieder sind fröhlich-unbeschwert (Himmelblau), biestig-lästerig-ironisch (Deine Freundin, Living Hell, Heulerei), mutmachend-rebellisch (Junge, Lasse redn) und nachdenklich-melancholisch-böse (Allein, Nur einen Kuss). Die ganzen Facetten des Farin U sind hier wieder vertreten – wer davon mehr möchte, dem seien auch seine Solo-CDs ans Herz gelegt.

Bleibt Bassist Rodrigo, der mit dem Kiffersong Breit und Niedliches Liebeslied nur zwei Songs zur neuen CD beigesteuert hat, ersteres hat wieder diesen tollen „Wir sind scheiße, aber uns geht’s gut“-Unterton, das zweite... nunja. Witzig. Mehr irgendwie nicht.

Was vergessen? Ach ja, die Tomate! Drei Männer, drei Lieder, ein Größenwahn – genauso lieben wir das. Jeder der drei besingt die eigene Großartigkeit bzw. die der Band, und hier läuft auch Rod zu einer Dimension auf, die einen in Staunen versetzt – sein Song ist eine stilechte Musical-Nummer, die unwillkürlich das Bild des traurigen Tanz der Vampire-Grafen aufkommen lässt. Mit dem ärzte-Text wird das ganze natürlich tierisch komisch, passend zum Song. Ganz, ganz großartig, das sind die ärzte, wie sie früher waren.

Der Rest der CD ist dann doch wieder eine Stufe weiter als damals, musikalisch und auch inhaltlich. Man kann die Lieder nicht alle mögen, dafür sind sie zu vielfältig. Aber wie eigentlich auf jeder CD der ärzte findet man auch hier seine Lieblinge. Probiert es aus – wenn Ihr das Album nicht eh schon längst im Regal habt.
Ach so, eins noch: Bin das nur ich oder ist das Klavierthema in Vorbei ist Vorbei irgendwie von MUSE inspiriert?

Text Copyright Anna-Selina Sander 2007
Bilder Copyright Hot Action Records

 
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