von Peter Clausen
Review: Die Sieben Samurai und die Glorreichen Sieben kennt jeder. Die Sieben Bauarbeiter, die ins ferne Deutschland zogen, um sich ein neues Leben aufzubauen, sind außerhalb ihrer britischen Heimat allerdings weniger bekannt. Zu Unrecht, denn die Serie rund um die Erlebnisse jener emsigen Malocher gehört zu den signifikantesten Fernsehproduktionen der vergangenen 25 Jahre.
UK 1983-86, 2002-2004
Umfang: Insgesamt 40 Episoden, davon 26 Episoden (50 Minuten), 14 Episoden (60 Minuten) Buch: Dick Clement & Ian La Frenais, Konzept: Franc Roddam, Regie: Roger Bramford, Sandy Johnson u.a., Musik: David Mackay, Ian La Frenais; Joe Fagin Darsteller: Tim Healy, Kevin Whately, Jimmy Nail, Timothy Spall, Gary Holton, Pat Roach, Christopher Fairbank, Noel Clarke, Julia Tobin, Bill Nighy
Erschienen bei: Carlton (Staffel 1&2), VCI (Staffel 3&4, Christmas Specials)
"Workin’ on the site, from morning to night – that’s living alright“ (Joe Fagin)
Wenn das britische Fernsehen auf die Bundesrepublik Deutschland trifft, kommt selten etwas gutes dabei heraus. Egal ob nun Life on Mars mit dreisten Schnitten zerhacktstückt wird, oder Kultserien wie The Office auf sagen wir einfach mal "eigene" Art neu interpretiert werden, angelsächsisches und teutonisches Fernsehen sind einfach nicht kompatibel. Aber jede Regel hat ihre Ausnahmen. Das Comedy-Drama Auf Wiedersehen, Pet (letzterer Begriff ist in diesem Kontext übrigens ein Kosename aus dem britischen Norden), eine der erfolgreichsten britischen Fernsehserien der achtziger Jahre, verfolgt, zumindest in der ersten Staffel, den Alltag sieben britischer Gastarbeiter auf einer Düsseldorfer Baustelle und bietet neben knallharter Thatcher-Kritik, hervorragender Charakterisierung und wohldosiertem Humor einen absolut faszinierenden Einblick in die deutsch/englischen Beziehungen unserer Elterngeneration.
 
Vor zweieinhalb Jahrzehnten war die britische Wirtschaft in einer Situation, die zahlreiche Parallelen zur deutschen Gegenwart aufweist: Massenarbeitslosigkeit, Kürzungen an allen Ecken und Enden und eine unbarmherzige eiserne Lady am Hebel der Macht. Kein Wunder also, dass sich die heimische Arbeiterklasse in der Zwickmühle befand. Für viele Briten gab es nur zwei Alternativen: Stempelgeld oder Emigration. Und ausgerechnet Deutschland, eine Nation, die von vielen Inselbewohnern immer noch für die Ereignisse des zweiten Weltkrieges verteufelt wurde, war dank seiner (damals) florierenden Wirtschaft der perfekte Fluchtort für desillusionierte Angelsachsen. Aber so verfahren die Situation auch war, zumindest profitierte das Fernsehpublikum von der maroden Ökonomie, denn einmal mehr bewies das profilierte Autorenduo Dick Clement und Ian La Frenais (neben Kinofilmen wie The Commitments vor allem bekannt für ihre Sitcom-Klassiker Porridge und The Likely Lads) ein untrügliches Gespür für ebenso zeitgemäße wie originelle Stoffe und strickte eine der kulturell signifikantesten Fernsehserien ihrer Zeit um die Emigrationsprämisse herum.
„Used all my options, worked off my dues. Layed all the cards down, there’s nothing to lose. Don’t want tomorrow to be like today, that’s why I’m breaking away” (Joe Fagin)
Wie so oft in den Werken von Clement und La Frenais kommen die Hauptfiguren auch dieses Mal aus dem britischen Bitterfeld, Newcastle. Hier lernen wir drei chronisch arbeitlose Maurer kennen: Dennis Patterson, ein Vorarbeiter mit zentnerweise emotionalem Ballast, Neville Hope, ein frisch verheirateter Jungspund, und Oz Osborne – seines Zeichens Großmaul, Trunkenbold und Vorzeigeprolet par Excellence. Zusammen bricht das Trio in den Ruhrpott auf, um seiner grauen Existenz endlich einen neuen Anstrich zu verpassen. Ergänzt wird das Team von vier weiteren Briten, Cockney Casanova Wayne Norris, Trantüten-Elektriker Barry Taylor, Knastvogel Albert Moxey und Ex-Wrestler Brian „Bomber“ Busbridge. Die anfängliche Euphorie über den neuen Job schwingt allerdings schon bald in Ernüchterung um, denn anstelle des versprochenen Luxushotels dürfen die „glorreichen Sieben“ einen maroden Holzschuppen okkupieren. Aber für feste Arbeit lässt man eben auch die gefängnisähnlichen Wohnbedingungen des von den Protagonisten auch als „Stalag 17“ bezeichneten Verschlags über sich ergehen.
 
Der größte Reiz in der ersten Staffel von Auf Wiedersehen Pet liegt ohne Zweifel in der Diskrepanz zwischen deutscher und britischer Weltsicht. Doch so fremd sich die lustige Maurerschar in Düsseldorf auch fühlt, wird das Deutschland der Serie aus einem erfreulich positiven Blickwinkel dargestellt. Lediglich die wenig glaubwürdige Sprechweise der deutschen Charaktere, die fast ausnahmslos von britischen Mimen verkörpert werden, gefährdet die Illusion beim teutonischen Zuschauer (ein Zustand, der im Gorilla-Team auch als „Gabriel Knight 2 Syndrom“ berüchtigt ist). Neben der omnipräsenten Kriegsgefangenschaftsmetapher stehen vor allem Alltagsgeschichten auf dem Programm. Wie verdient man sich als Gastarbeiter ein paar Mark nebenbei? Wie lange funktioniert eine Ehe auf Distanz? Sind die Wunden des zweiten Weltkriegs auf beiden Seiten verheilt? Obwohl die Episodenstruktur zahlreiche farcenhafte Sitcomelemente aufweist werden diese Fragen für Fernsehverhältnisse extrem aufrichtig beantwortet. Clement und La Frenais haben mit ihren Drehbüchern immer etwas über Zeitgeist, Politik und den Menschen an sich zu sagen, schaffen es aber ihre Argumente so unauffällig in den Subtext der Episoden einzuweben, dass Auf Wiedersehen, Pet auf zwei Ebenen funktioniert. Was für den oberflächlich als ungemein unterhaltsames Comedy Drama funktioniert, entwickelt sich für aufgeschlossene Konsumenten zu einer ebenso realistischen wie ehrlichen Studie der Arbeiterklasse in den Achtziger Jahren. So oder so – sehenswert ist Auf Wiedersehen, Pet immer. Schade eigentlich dass die Serie, obwohl sie zu weiten Teilen vor Ort in Düsseldorf und Hamburg gedreht wurde, nie den Weg in unser heimisches TV-Programm gefunden hat.
“But we’re gonna get it right this time. Cause we’ve passed the point of no return. And we’re never gonna go down that road again” (Joe Fagin)
Als die fleißigen Maurersleute nach 13 Episoden des fröhlichen Deutschtums schließlich wieder in ihre Heimat zurückkehrten war es mit Auf Wiedersehen, Pet aber noch lange nicht vorbei. Selten hatte eine Serie dermaßen den Nerv der Nation getroffen, und die Sorgen und Bedürfnisse des Landes so präzise auf den Punkt gebracht. Kein Wunder also, dass die Sieben bereits drei Jahre später in einem neuen Epos Aufbauarbeit leisten durften. Schon zu Beginn der Fortsetzung wird klar, dass sich die Hoffnungen und Träume der ehemaligen Gastarbeiter nach ihrer Rückkehr auf die Insel nicht einmal ansatzweise erfüllt haben. Vorarbeiter Dennis arbeitet inzwischen als Chauffeur eines Erzganoven, Musterehemann Neville ist von seinen neuen Vaterpflichten vollkommen überfordert und der sorglose Prolet Oz hat sich inzwischen zur Wörterbuchdefinition des Begriffs „Ziellosigkeit“ entwickelt. Lediglich für den redseligen Elektriker Barry hat sich die Situation scheinbar zum Besseren gewendet. Eine eigene Firma, eine attraktive Verlobte, und ein gemütliches kleines Haus – kann man mehr verlangen? Eventuell schon, denn wenn das auserkorene Domizil zwei Wochen vor der Hochzeit nicht bewohnbar ist, hat man ein großes Problem. Aber wie bringt man in so kurzer Zeit die marode Bruchbude auf Vordermann? Richtig, man trommelt die alte Truppe zum Noteinsatz zusammen.
 
Damit ist die Geschichte natürlich noch nicht vorbei, denn neben einem Renovierungsjob in einem provinziellen Herrenhaus steht im Verlauf der Staffel auch noch ein ereignisreicher Ausflug nach Spanien auf dem Terminplan der nimmermüden Bauarbeiter. Insgesamt ist die zweite Runde von Auf Wiedersehen, Pet nicht ganz so politisch wie die vorhergehende Produktion, aber dieser Makel wird durch die ausgezeichnete Charakterentwicklung problemlos ausgeglichen. Das Clement und La Frenais nie vor Schicksalsschlägen und Veränderungen zurückschrecken ist lobenswert. Dass sie es nebenbei auch schaffen, ihre Geschichten ohne Melodramatik und mit messerscharf observativem Humor zu inszenieren ist ein echtes Kunststück. Aber auch die besten Serien gehen irgendwann zuende, und so schipperten die sieben ungleichen Freunde Mitte der Achtziger schließlich dem Sonnenuntergang entgegen. Nach 26 Episoden hieß es endgültig: „Auf Wiedersehen, Pet“.
“One for all, and all for anyone, as long as they play the game. Sharing chances, and takin’ all the blame. Back with the boys again.” (Joe Fagin)
 
… Oder etwa doch nicht? So sieht es aus, denn nach über 16 Jahren Sendepause fällten Clement, La Frenais und die komplette Stammbesetzung (abgesehen vom mittlerweile verstorbenen Wayne-Darsteller Gary Holton) die Entscheidung die wegweisende Serie der Achtziger für zwei weitere Staffeln mit insgesamt 14 Episoden zu reanimieren. Ein mutiger Entschluss, denn TV-Revivals sind aus gutem Grund in den allermeisten Fällen zum Scheitern verurteilt. Wenn abgehalfterte Schauspieler ihre alten Paraderollen lieblos aufwärmen ist es schlimm genug. Wenn dann auch noch so getan wird, als sei kaum Zeit seit der letzten Episode verstrichen, wird es sogar richtig peinlich. Wer eine Serie nach so langer Zeit wiederbelebt, sollte dafür auch einen guten Grund haben.
Zum Glück waren sich Clement und La Frenais dieser Tatsache aber mehr als bewusst. In den alten Staffeln waren die Protagonisten junge Männer voller Träume und Tatendrang, im Revival sind es immer noch die gleichen Charaktere, aber der Zahn der Zeit hat deutliche Spuren hinterlassen. Von der Midlife Crisis, über die Dauerarbeitslosigkeit bis hin zum dicken Eintrag im Strafregister hat sich das Leben der Sieben nicht wirklich entwickelt wie geplant. Als der, inzwischen reformierte, Rabauke Oz seine eigene Beerdigung inszeniert um die alte Truppe wieder zusammenzutrommeln, kreuzt sich der Weg der alten Garde endlich wieder. Naja, nicht die komplette alte Garde, denn Wayne Norris, der Don Giovanni von der Themse hat inzwischen das Zeitliche gesegnet. Aber keine Sorge, denn wie nicht anders zu erwarten hat der alte Wayne einen unehelichen Sohn hinterlassen, der ins Team einsteigt um seinem Erzeuger die letzte Ehre zu erweisen. Und das ist auch bitter nötig, denn diesmal haben die Jungs einen besonders heiklen Auftrag zu erledigen, müssen sie doch die berühmte Fährbrücke von Middlesbrough einreißen, und im fernen Arizona neu errichten.
“A couple of crazies, a few of them lazies a handful of serious fools. Breaking some hearts, but mostly just breaking the rules. The Seven again. A little insane, but the same old Seven again.” (Joe Fagin)
Das Konzept des Revivals ist also durchaus interessant. Aber erfüllt das Endergebnis auch die hohen Erwartungen? Nein! Es übertrifft sie. Und zwar bei weitem. Man glaubt es kaum, aber das neue Auf Wiedersehen Pet stellt die klassischen Staffeln problemlos in den Schatten. Abgsehen von der unverzeihlichen Abwesenheit der Joe Fagin Rocksongs, die in den ersten beiden Staffeln so charakteristisch für die Serie waren, hat man hier eigentlich alles richtig gemacht. Während in den Achtzigern, sowohl visuell als auch in Sachen Plotstruktur immer eine gewisse Sitcomatmosphäre vorherrschte, sind die modernen Folgen wesentlich kinematischer. Detaillierte Sets, tolle Kameraarbeit und fantastische Außenaufnahmen die ein Spektrum von Newcastle, über Arizona bis hin nach Kuba und Thailand abdecken machen das neue Auf Wiedersehen, Pet zu einem absoluten Augenschmaus.
 
Noch beeindruckender sind die Drehbücher. Neben offensichtlichen Aspekte wie dem symbolträchtigen Abriss und Neuaufbau der Fährbrücke sowie zahlreichen clever verwobenen Subplots ist die Weiterentwicklung der Charaktere abermals die größte Stärke der Serie. Fernsehserien, in denen die Protagonisten tatsächlich älter und (manchmal) weiser werden gibt es schließlich nicht gerade wie Sand am Meer. Und schon allein deswegen hat sich Auf Wiedersehen, Pet seinen Klassikerstatus doppelt und dreifach verdient. Was vor über zwanzig Jahren als originelle Gastarbeiterstudie begann, hat sich im Lauf der Zeit zu einer großartigen Geschichte über sieben Freunde im Wandel der Zeit entwickelt. Über weite Strecken realistisch, dramatisch, urkomisch und voller Überraschungen – Auf Wiedersehen, Pet ist ein echtes Fundstück in der desolaten Fernsehlandschaft.
Text Copyright Peter Clausen 2007 Bilder Copyright ITV, BBC; Ziji Productions 1983-2004
DVDs: Season1 Season 2 Season 3 Season 4 Christmas Special Soundtrack |