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von Peter Clausen
DVD-Review (UK-Import): Keine Arztserie, sondern britische Sci-Fi vom Feinsten. Doctor Who ist endlich wieder im Einsatz, wir werfen einen Blick in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Time Lords.
Großbritannien (1963-89, 2005-?) Buch: Russel T. Davies, Steven Moffatt, Rob Shearman, Toby Whithouse u.a., Produzenten: Phil Colinson, Julie Gardner, mit: David Tennant, Billie Piper, Noel Clarke, Camille Coduri, Christopher Eccleston, John Barrowman, Simon Pegg, Anthony Stewart Head, Elizabeth Sladen
Preis: ca. 50 € Doctor Who (2005) bei Amazon.de DER Klassiker unter den Scifi-Serien ist zurück! Nein, die Rede ist nicht vom allgegenwärtigen Star Trek, sondern von einer noch älteren und traditionsreicheren Fernsehsendung. Doctor Who, der exzentrische Zeitreisende vom Planeten Gallifrey, ist nach 16 Jahren TV-Abstinenz mit einem großen Knall auf die britischen TV-Bildschirme heimgekehrt. Passend zum deutschen Sendestart auf Pro Sieben, werfen wir einen Blick auf die neuen Erlebnisse des eigenwilligen Abenteurers.
In den wilden Sechzigern tickten die Uhren noch anders. Wo der Tagesablauf in der realen Welt von Petticoats, Rock and Roll und wutschnaubenden Studentenbewegungen geprägt war, machte das Fernsehen erste Schritte in Richtung eines ernstzunehmenden Erzählmediums. Gerade im Science-Fiction-Bereich gab es einige revolutionäre Neuentwicklungen. Doch nicht nur die Amerikaner experimentierten mit wegweisenden Produktionen wie der Twilight Zone (1959) und Star Trek (1965) daran Metapher, Allegorie und Subtext in einen fiktiven Kontext zu verweben, sondern auch die Briten. Von Anfang an konnten die englischen Werke durch ihren Mut zum Anderssein beeindrucken. Serien wie „Quatermass“ (eine Sci-Fi/Horror-Mischung im Stil der alten Hammer-Filme) oder der surreale Agentenhit (The Avengers) wären zu dieser Zeit wohl in keinem anderen Land entstanden. Eine Sendung jedoch sollte alles andere in der nationalen Psyche übertrumpfen. Die Rede ist natürlich von Doctor Who (1963), einer Sendung, die im vereinigen Königreich mit gutem Grund ähnlich mythologischen Status erreicht hat wie Sherlock Holmes, Graf Dracula oder James Bond. Was ursprünglich als abenteuerliche Kinderserie mit unterschwelligem Bildungsauftrag konzipiert war, sollte in den kommenden Jahrzehnten aber noch oft das Gesicht wechseln. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes!
    Lang, lang ist es her: Doktor Nr. 1-4
Die Grundidee ist ebenso einfach wie vielfältig. Ein mysteriöser Zeitreisender, bekannt als „der Doktor“ schlittert mit dem, als Telefonzelle getarnten, Raum- und Zeitschiff TARDIS (Time and Relative Dimension in Space) von einem Abenteuer ins nächste. In Begleitung seiner wechselnden Reisegefährten erkundet der charismatische Wanderer die Geheimnisse des Universums, verhindert Alien-Invasionen, mischt sich in intergalaktische Kriege ein, erforscht viktorianische Geisterhäuser, oder sieht sich mal schnell das Ende der Welt an. Egal zu welcher Zeit, und an welchem Ort – sobald die seltsame blaue Box auftaucht, ist der Doktor nicht weit. Das vielfältige Konzept stellt eine der größten Stärken von Doctor Who dar. Jedes Abenteuer unterscheidet sich vom vorherigen. Vom Historienepos bis hin zum Sternenkrieg stehen dem Doktor alle Türen offen. Spätestens nachdem der eigenwillige Akademiker zum ersten Mal die Bekanntschaft der bösartigen Daleks, einer Rasse faschistoider Cyborg-Monstrositäten gemacht hatte waren die Abenteuer des Doktors aus englischen Wohnzimmern nicht mehr wegzudenken. Dalekmania mauserte sich zu einem der bekanntesten Schlagworte der Swinging Sixties, und blaue Polizei-Telefonzellen waren schon bald so synonym mit einer Fernsehserie, dass niemand sie mehr mit ihrem eigentlichen Verwendungszweck in Verbindung brachte. Zu dumm nur, dass Hauptdarsteller William Hartnell nach drei Jahren harter Arbeit die Rolle des Doktors aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste.
    In Hörspielen bis zum heutigen Tag aktiv: Doktor 5-8 Anstatt zu versuchen den Darsteller des enigmatischen Protagonisten erklärungslos auszutauschen bedienten sich die BBC-Autoren nach Hartnells Abgang eines cleveren Tricks, indem sie neue Fakten über dessen Herkunft erfanden um die kommenden Änderungen zu erklären: Tatsächlich nämlich war der Doktor kein einfacher Erdenbürger, sondern ein Time Lord vom Planeten Gallifrey, der im Fall einer tödlichen Verletzung seinen Körper wechseln, und eine andere Gestalt annehmen konnte. Einziger Haken: Nach zwölf Regenerationen ist, im wahrsten Sinne des Wortes, Sense. Somit war also das Fundament gelegt um im Notfall den Hauptdarsteller zu wechseln, ohne die Hauptfigur zu verlieren. Und im Gegensatz zu Produktionen a’la James Bond gab es sogar eine Erklärung fürs Facelifting. Bei Doctor Who wird die Veränderung nicht unter den Teppich gekehrt, sie ist sogar ein wichtiger Teil der Rahmenhandlung. Jede Inkarnation des Doktors entwickelt sich, geprägt von den Handlungen ihres Vorgängers, charakterlich weiter. Ein neuer Körper eröffnet dem Doktor oft auch neue Perspektiven, und Ideen die ihm zuvor verborgen blieb. Jeder Doktor ist eine eigenständige Person, doch trotzdem bleibt er im Kern immer der gleiche exzentrische Weltenbummler.
  Die neue Garde: Rose Tyler (Billie Piper) mit Doktor Nr. 9 (Christopher Eccleston, links) und 10 (David Tennant, rechts) Im Lauf der Jahre wurden Serie und Hauptdarsteller also mit schönster Regelmäßigkeit generalüberholt. Während Doktor Nr. 2, gespielt von Patrick Troughton, eher als kosmischer Landstreicher daherkam, wurde der dritte Doktor (John Pertwee) von den Politikern seines Heimatplaneten ins England der Siebziger Jahre verbannt um dort mit der Militäreinheit UNIT Aliens zu jagen. Die vierte Inkarnation (Tom Baker) taumelte Sieben Staffeln lang mit bombastischen Erfolg wirrköpfig durchs All, und trat von Gruselgeschichten bis hin zu Comedystorys aus der Feder eines jungen Douglas Adams (Per Anhalter durch die Galaxis) in jeder erdenklichen Art von Geschichte auf. Doktor Nummer 5 hingegen wurde vom bisher jüngsten Schauspieler der Seriengeschichte, dem Endzwanziger Peter Davison (deutschen Zuschauern auch bekannt als Tristan Farnon aus Der Doktor und das liebe Vieh) als „Alter Mann in jungem Körper“ gespielt. Ganz anders verhielt sich die sechste Inkarnation (Colin Baker). Pompös, laut und arrogant machte diese Variante des Zeitreisenden sich nicht nur unter den Daleks eine Menge neuer Feinde. Kein Wunder also dass der siebte Doktor (Sylvester McCoy) den Großteil seiner Zeit damit verbrachte heimlich Pläne zu schmieden, um die offenen Fragen seiner vorherigen Leben endgültig zu lösen. Zeit war es dafür allemal, denn noch bevor die Abenteuer des mysteriösesten aller Doktoren beendet waren wurde die Serie 1989, nach insgesamt 26 Staffeln aufgrund sinkender Quoten eingestellt. 1996 versuchte der amerikanische Sender Fox die BBC-Kultfigur in Gestalt des achten Doktors wiederzuerwecken. Doch obwohl Hauptdarsteller Paul McGann den legendären Protagonisten als romantischen Lebenskünstler zu einer der interessantesten Interpretationen dieser Rolle machte, kam das Revival nicht über einen Pilotfilm hinaus. Die Zeit des Doktors, so schien es, war endgültig abgelaufen.
  Nicht nur Freud würde hier beschämt den Kopf senken
Aber war Zeit für den Doktor je ein Problem? Natürlich nicht! Doch die Fans mussten sich in den nächsten neun Jahren vorerst mit literarischen Abenteuern ihres Helden, wie z.B. der experimentierfreudigen Romanserie „New Adventures“, Comic Spin-Offs und einer wegweisenden Hörspielreihe (siehe Kasten) begnügen. Und im Gegensatz zur Fernsehvariante konnten die Merchandisingproduktionen auf eine bisher ungeahnte erzählerische Freiheit zurückgreifen. Die Fernsehvariante war trotz ihrer Wurzeln im Kinderprogramm immer eine Serie für Zuschauer jeden Alters, und obwohl die Serie, ebenso wie ihre Zuschauer, im Laufe der Zeit immer erwachsener wurde gab es immer gewisse Grenzen die nicht überschritten werden konnten. Hauptfiguren stieß selten etwas wirklich schlimmes zu, Charakterentwicklung und Handlungsbögen waren Fremdworte, und wirklich emotional wurde es bestenfalls alle Jubeljahre. In Hörspielen und Büchern hingegen konnten sich die Geschichten um den Doktor endlich weiterentwickeln und reifer werden. Zugegeben, auf den zweiten Blick ist das gar nicht so schlecht, aber gab es wirklich kein Massenpublikum für abwechslungsreiche TV-Science-Fiction mehr? Im vergangenen Frühjahr wollte man dies bei der BBC endgültig wissen. Nach Jahren miserabler Zuschauerzahlen sollte der samstägliche Vorabend endlich den trashigen Realityproduktionen entrissen werden. Die Diagnose war klar: Großbritannien brauchte einen Doktor!
  Dr. Zoidberg und die Pümpel des Todes!
Doch dem Autorenteam um Kultschreiberling Russel T. Davies war klar, dass in der heutigen Zeit mehr als nur eine simple Fortsetzung nötig war. Inspiriert von modernen Genrehits wie Buffy, Angel und Farscape konzentrierte sich die Serie um Doktor Nr. 10, gespielt von Christopher Eccleston, wesentlich mehr auf das Gefühlsleben ihrer Protagonisten. Der neue Doktor wird Anfangs als gebrochener Mann charakterisiert, der die Zerstörung seines Heimatplaneten erst durch die Freundschaft zu seiner neuen Begleiterin Rose Tyler (Billie Piper), einem jungen Mädchen aus dem Londoner Arbeitermillieu, überwinden kann. Im Laufe ihrer Abenteuer müssen der Doktor und Rose eine Menge neuer Lektionen lernen. Kann Rose wirklich ihr bisheriges Leben aufgeben um durch Raum und Zeit zu reisen? Soll sie in der Zeit zurückreisen um den vorzeitigen Tod ihres Vaters zu verhindern? Und wird der Doktor den größten Fehler seiner Vergangenheit wiederholen? In dreizehn rasanten Episoden gibt es Antworten auf diese, und viele weitere Fragen. Mit jeder Menge Humor, Pathos, überraschenden Wendungen und zeitgemäßen Spezialeffekten hat BBC Studio Wales hier eine der besten Sci-Fi-Serien der vergangenen Jahre produziert. Ein Glück also, dass dank einem Quotenschnitt zwischen 8 und 10 Millionen bereits zwei weitere Staffeln gesichert sind.
Wegen interner Querelen ging allerdings schon Weihnachten 2005 nächste Doktorenmodell, gespielt von David Tennant (Barty Crouch Jr. In „Harry Potter und der Feuerkelch“), an den Start. Dieser kommt aber bisher, trotz seiner radikal anderen Interpretation der Rolle ebenso gut beim Publikum an wie Eccleston. Tennants Doctor ist wie eine Flipperkugel – ständig hechtet er wie im Koffeinrausch von einer Seite des Bildschirms zur anderen, hält bizarre Monologe und springt so schnell zwischen guter Laune und stählerner Entschlossenheit hin- und her dass es fast schon beunruhigend ist. Doch gerade diese ungleiche Mischung aus Arroganz, Exzentrizität und Mitgefühl ist es die den Doktor so interessant macht. Und das Tennants Version der Rolle manchmal wie ein intergalaktischer Jim Carrey wirkt macht den Charakter nur noch interessanter. Der Doktor hat eben viele Gesichter.
  Geek-Cheec: Hier präsentiert der Doktor eine besonders lässige Nadelstreifen/Mantel-Kombo
Deutsche Zuschauer können sich im Herbst auf Pro 7 ein Bild von Comeback des Zeitreisenden machen. Hoffen wir, dass die Serie dann besser behandelt wird als die wenigen Staffeln der alten Serie, die hierzulande in den unmöglichsten Programmplätzen ausgestrahlt wurden. Denn bei schlechten Sendezeiten hilft selbst eine Tardis nicht.
DVD-Technisch können sich Fans der Serie übrigens auch nicht beklagen. Seit Jahren bereits veröffentlicht die BBC in Großbrittannien liebevoll aufgemachte Special Editons klassischer Who-Geschichten auf DVD. Von der neuen Serie erscheinen bereits wenige Wochen nach Ausstrahlung die aktuellen Episoden auf extralosen Einzel-DVDs. Im Herbst dieses Jahres wird es dann, wie bereits 2005, ein pompös ausstaffiertes DVD-Set geben. Und jenes? Stellen wir euch zu gegebener Zeit noch ausführlich vor. Gerüchteweise ist ein Mitglied unseres Teams inzwischen nämlich dermaßen Who-besessen, dass er sogar ein Abo für die monatlich erscheinenden Hörspiele abgeschlossen hat. Apropos...
Big Finish Productions
  Hörspiele der Sonderklasse! Nicht nur im Fernsehen gehören die Abenteuer des Doktors inzwischen zum Inventar. Seit mehr als 6 Jahren schon produziert die britische Firma Big Finish Productions nämlich jeden Monat ein neues Doctor Who-Hörspiel mit den Darstellern der Doktoren 5-8 (Peter Davison, Colin Baker, Sylvester McCoy und Paul McGann). Atmosphärische und spannende Scripts haben den Produktionen der kleinen Kreativschmiede inzwischen einen dermaßen guten Ruf verliehen, dass mehrere Autoren der Reihe flugs fürs TV-Revival abgeworben wurden. Reinhören lohnt sich, für Englischkundige also auf jeden Fall denn Geschichten wie „The Chimes of Midnight“, „Doctor Who and the Pirates“, und „The Church and the Crown“ demonstrieren wie viel Potenzial dieses Medium in sich birgt. Durch Kunstgriffe wie die zahlreichen Szenenwechsel und den Verzicht auf einen Erzähler erinnern die Hörspiele stilistisch oft an ausgewachsene Filmproduktionen. Die Big Finish Studios arbeiten oft auf eine sehr experimentale Art aus und scheuen nicht davor zurück ein Stück komplett im dunkeln Spielen anzusiedeln, oder eine Episode die Anfangs im Stil einer Radio-Talkshow inszeniert wird zur Doctor-Who-Story mutieren zu lassen. Mit gut 20 Euro pro Doppel-CD liegen die Produktionen allerdings schwer in der Tasche. Wer dem Audio-Medium etwas abgewinnen kann, sollte aber trotzdem mal reinhören. Es lohnt sich! Mehr Infos gibt es auf http://www.bigfinish.com
Text Copyright 2005/2006 Peter Clausen Bilder Copyright: BBC, Big Finish Productions |