|
von Peter Clausen
DVD-Review (UK-Import): Viva Blackpool! Kaputte Familien, rätselhafte Leichen und Rhythmus im Blut beweisen, dass diese Stadt immer eine Reise wert ist.
Großbritannien (2004)
Umfang: 6 Episoden a' 60 Minuten Buch: Peter Bowker, Regie: Coky Giedroyc, Julie Anne Robinson, mit: David Morrissey, David Tenannt, Sarah Parish, Georgina Taylor, Thomas Morrison, Steve Pemberton
Für unkonventionelle TV-Produktionen sind unsere Freunde auf der Insel allgemein bekannt, aber nur wenige Fernsehsendungen lassen sich so schwer einordnen wie der BBC-Sechsteiler Blackpool. Wer schon immer einmal sehen wollte, wie eine Mixtur aus Krimi, Familiendrama und Musical funktioniert, ist hier an der richtigen Adrsse.Und seien wir ehrlich: Wer will das nicht? Eben! Aber wo wir schon bei Geständnissen sind: Die ungewöhnliche Mischung verschiedener Filmgattungen war für mich anfangs noch relativ nebensächlich. Der wahre Grund für meinen Abstecher ins schmuddelige Blackpool war einer der Hauptdarsteller: David „Doctor Who“ Tennant. Dieser mischt nämlich in der Rolle des schottischen Polizisten Peter Carlisle die nordenglische Meeresstadt kräftig auf, nachdem im Casino des zwielichtigen Geschäftsmannes Ripley Holden (David Morrissey, der beweist, dass er wesentlich mehr kann als sich für die männliche Hauptrolle in Basic Instinct II zu schämen) eine mysteriöse Leiche gefunden wird.   Wein, Weiber und Gesang: Für Ripley Holden ist das ganze Leben ein Musical. Für Carlisle steht der Hauptverdächtige vom ersten Moment an fest: Mit seiner undurchschaubaren Vergangenheit und patentierten Rücksichtslosigkeit ist Holdens Schuld offensichtlich. Fast schon zu offensichtlich, denn irgendwie ergeben die Details des Mordfalles kein schlüssiges Gesamtbild. Zeit also, Umfeld und Familie des potenziellen Täters unter die Lupe zu nehmen. Welche Rolle spielen Ripleys Freunde aus Politik und Gesellschaft, was wissen seine Kinder Shyanne (Georgina Taylor) und Danny (Thomas Morrison), und wie passt Ehefrau Natalie (Sarah Parish) ins Gesamtbild? Letztere Frage wird Carlisle schnell zum Verhängnis (bzw.Verhältnis), verliebt sich unser hormongesteuerte Schutzmann doch Hals über Kopf in die Angetraute des suspekten Selfmade-Tycoons. Und damit nimmt das Unglück erst seinen Anfang...
  Der Doktor ist da: David Tennant " inspiziert" die Ehefrau seines Hauptverdächtigen
Im ersten Moment könnte sich diese Inhaltsangabe jetzt nach typischem Femme Fatale-Murks anhören. Ist aber nicht so. Im Gegenteil sogar. Die Handlung von Blackpool entwickelt sich sehr schnell in eine ganz andere Richtung, als es die erste Episode erwarten lässt. Die Kriminalgeschichte ist lediglich der Katalysator für den Zerfall einer scheinbar glücklichen Familie, deren Mitglieder erkennen müssen, wie brüchig die Fassade ihres harmonischen Zusammenlebens ist.
Und irgendwann sieht man die Protagonisten in einem völlig neuen Licht. Besonders die emotionale Reise von Ripley Holden, der sich glaubhaft vom brutalen Widerling zum weisen Patriarchen entwickelt. sei hier hervozuheben. David Morrissey schafft es dem scheinbar primitiven Brutalo eine dermaßen faszinierende Persönlichkeit zu geben, dass er fast jede Szene an sich reißt. Tennants Charakter hingegen funktioniert nicht ganz so gut. Obwohl Carlisle offensichtlich den Helden der Serie darstellen soll, kommt dieser anfangs nämlich eher als Schmieriak herüber. Und das liegt mit Sicherheit nicht an der schauspielerischen Leistung des Doctor Who-Stars, sondern an einer schizophrenen Charakterisierung, die uns Carlisle gleichzeitig als heroischen Kriminalisten und ehebrechenden Lothario verkaufen will. Im Lauf der Serie nimmt dieses Problem allerdings deutlich ab, und dank Tennants typischen Charisma sind dessen Auftritte allen Kritikpunkten zum Trotz immer extrem sehenswert.   Anruf aus Royston Vasey: Auch Steve Pemberton von der League of Gentlemen hat es nach Blackpool verschlagen. Alles klar?
Wie dem auch sei, für mich persönlich war Blackpool am Anfang etwas zäh, und in der ersten Hälfte der Serie musste ich mich schon fast zwingen, bis zum Schluss dabei zu bleiben. Sobald jedoch die verschiedenen Handlungsstränge zusammenfanden, waren diese Kritikpunkte wie weggeblasen. Im Finale macht sich das gemächliche Setup nämlich doppelt und dreifach bezahlt. Am Ende haben alle Figuren eine komplette 180-Grad-Wandlung hinter sich, und nichts ist mehr wie es einmal war. Oh, und der Mordfall wird auch aufgeklärt, doch im Vergleich zu den anderen Entwicklungen wirkt dessen Lösung am Ende etwas antiklimaktisch. Aber irgendwie passt dieses Ergebnis auch um so besser zum Gesamtthema. Manchmal muss man eben erst herausfinden, was im Leben wirklich wichtig ist.
Besonders rasant wird die Handlung während der temporeich inszenierten Musical-Traumsequenzen vorangebracht, in denen bekannte Rock-, Pop- und sogar Countrysongs von „Don’t Stop Me Now“ über „These Boots Are Made for Walking“ bis hin zu „Walk Tall“ genutzt werden, um die intimsten Gedanken der Protagonisten auf den Bildschirm zu zaubern. Diese Verfahrensweise ist im britischen Fernsehen nicht wirklich neu, und wurde bereits vor knapp zwanzig Jahren unter großem Jubel im Dramaklassiker The Singing Detective (der vor einigen Jahren auch mit einem weitaus weniger erfolgreichen Hollywood-Remake bedacht wurde) genutzt, aber bei Blackpool werden die Musical-Elemente mit einem dermaßenen Gusto eingesetzt, dass alles andere irrelevant erscheint. Keine Frage: Die Musik ist das absolute Highlight des Episoden-Sextetts.   Harte Sitten: Wer rast ,kommt in den Knast. Bei Daytona USA wäre so etwas nicht passiert . Fazit: Anfangsschwierigkeiten hin oder her, Blackpool ist eine typisch solide BBC-Produktion, die mit tollem Soundtrack und einem durchdachten Finale beeindruckt. Schaut einfach mal rein, vielleicht werdet ihr positiv überrascht.
Txt Copyright 2006 Peter Clausen Bilder Copyright: BBC |