von Peter Clausen
TV-Review: Paris! Stadt der Liebe, Stadt der Leidenschaft, Stadt des ... TODES?! In dieser klassischen Doctor-Who-Story aus dem Jahre 1979 muss der abenteuerlustige Time Lord die Erfahrung machen, dass selbst die Champs Elysees ein verdammt hartes Pflaster sein kann. Aber wenn sich niemand Geringeres als der legendäre Douglas Adams fürs Drehbuch verantwortlich zeichnet, wird es schon nicht so schlimm werden, oder?
UK (1979)
Umfang: 4 Episoden (je 25 Minuten) Buch: Douglas Adams (unter dem Pseudonym David Agnew) Regie: Michael Hayes, Musik: Ron Grainer, Delia Derbyshire, Dudley Simpson Darsteller: Tom Baker, Lalla Ward, Julian Glover, Tom Chadbon, John Cleese
Erschienen bei: 2Entertain Preis: Ca. 8 Euro Doctor Who: City of Death bei Amazon.co.uk Harte Zeiten für Doctor-Who-Fans. Anstelle der heiß ersehnten fünften Staffel des grandiosen Revivals, müssen wir unsere nach gutem Entertainment knurrenden Mägen dieses Jahr mit gelegentlichen Häppchen am Verhungern hindern. Eine episches Torchwood-Event im Sommer, eine neue Staffel der Sarah Jane Adventures im Herbst und vier abendfüllende Specials, in denen der unvergleichliche David Tennant seine Abschiedsvorstellung zelebriert, bevor der letzte Vorhang für den zehnten Doktor endgültig fällt. Keine Frage, dieses Aufgebot kann sich immer noch sehen lassen. Aber irgendwie verlangt es uns doch nach mehr. Ach, gäbe es doch nur ein gigantisches Archiv mit weiteren Who-Episoden ... Oh, Moment. Dieses Archiv gibt es natürlich. Schließlich hat die Originalserie mit den ersten 7 (bzw. 8) Doktoren über 26 Jahre hinweg immer wieder hervorragende Geschichten produziert. Einige davon wirken heute zwar etwas anachronistisch, aber das Gros der besagten Klassiker kann inhaltlich durchaus mit dem modernen Output mithalten. Okay, die emotionale Tiefe der Davies-Ära kann man natürlich nicht erwarten, aber dieser Makel wird durch andere Stärken locker wieder ausgegleichen. Und deswegen tun wir es an dieser Stelle einfach mal unserem Helden gleich und machen eine kleine Zeitreise zurück ins Jahr 1979, kurz bevor ein gewisser Douglas Adams mit einer Hörspiel- und später auch Romanserie namens Per Anhalter durch die Galaxis seinen großen Durchbruch feiern sollte ...
  Aber halt. Wir sind noch ganz am Anfang der Geschichte. Und zu diesem Zeitpunkt war der selbsterklärte Who-Fan Adams noch ein vollkommen unbeschriebenes Blatt. Ein Glück nur, dass der damalige Produzent Graham Williams sich der Talente des Newcomers mehr als bewusst war und ihm deswegen einen Job als Story Editor anbot. An sich eine tolle Sache, aber alle die wissen, wie schwer sich Adams im Lauf der Jahre mit den formalen Aspekten der Schreibarbeit tat, wird bereits ahnen, dass der geniale Humorist als Redakteur nicht wirklich florieren konnte. Nein, redaktionelle Arbeit war mit Sicherheit nicht Adams Steckenpferd, aber als schließlich im Laufe eines Wochenendes das Drehbuch A Gamble with Time von Freelancer Anthony Read komplett umschreiben musste, konnte er seine wahren Talente unter Beweis stellen. Von der Originalgeschichte blieb, abgesehen von ein paar marginalen Details, kaum etwas übrig, aber was im Rahmen dieser Nacht- und Nebel-Aktion schließlich entstand gehört ohne Zweifel zu den besten TV-Produktionen eines Jahrzehnts, in denen die britische Fernsehindustrie eine ihrer kreativen Blütezeiten hatte. Pointiert, geistreich und mit absolut vorbildlicher Drehbuchstruktur konnte Adams mit der 100minütigen Geschichte um einen Außerirdischen Aristokraten, der das Konzept der "gespaltenen Persönlichkeit" in jeder denkbaren Epoche neu definiert, einen absoluten Coup landen und ganz nebenbei ein Werk produzieren, dass den späteren Film- und Fernsehadaptionen seiner Romane haushoch überlegen war. Das Abenteuer beginnt viele Millionen Jahre in der Vergangenheit, als das Raumschiff eines mysteriösen Aliens beim Abheben von der Oberfläche eines jungen, unbewohnten Planeten in einer (für die Verhältnisse einer Tea-Time-Serie aus den Siebzigern) gigantischen Explosion zerstört wird. Viel, viel später, Ende der Siezbiger Jahre um genau zu sein, materialisiert sich die gute alte Tardis inmitten der französischen Hauptstadt. Heraus steigen die vierte, und bis zum Debüt von David Tennant populärste, Inkarnation des Doktors (Tom Baker) und seine damalige Begleiterin, die schlagfertige Time Lady Romana. Nach einem Ausflug auf den Eifelturm und zahlreichen Bon Mots in bester Adams-Manier entscheiden sich unsere Helden schließlich das ungewohnt hohe Budget für Außenaufnahmen nach allen Regeln der Kunst auszukosten und einen dekadenten Bummel durch die Straßen der französischen Hauptstadt zu machen. Aber plötzlich erregt ein temporaler Schluckauf im Louvre die Aufmerksamkeit des Duos. Irgendetwas ... oder irgendjemand scheint den Ablauf der Zeit ganz schön aufzuwirbeln. Und was macht der Doktor in so einer Situation? Natürlich das, was er am besten kann: Sich einmischen. Mithilfe eines martialischen Privatschnüfflers, der mit fast schon bizarrem Gusto unschuldige Einrichtungsgegenstände zerschmettert, machen sich der enigmatische Abenteurer und seine Reisegefährtin auf die Suche nach dem Ursprung des Phänomens und stoßen dabei auf eine skrupellosen Grafen in der Pariser High Society, der scheinbar schon seit Jahrtausenden den Verlauf der Erdgeschichte manipuliert. Und das ist erst der Anfang, denn vor dem Finale stehen noch etliche weitere Kuriositäten, von einem Abstecher in Leonardo da Vincis Atelier, über ein einäugiges Spaghetti-Monster bis hin zu einer Extraportion glibbriger Ursuppe auf dem Programm! Als Zeitreisender hat man’s eben nicht leicht.
  Im Prinzip wären die einfallsreiche Handlung und der geniale Wortwitz allein schon genug, um City of Death zum Pflichtprogramm für jeden TV-Afficionado zu machen, aber dank einem hervorragenden Ensemble gibt sich die Geschichte auch an schauspielerischer Front keine einzige Blöße. Tom Baker ist ein Darsteller den man guten Gewissens als William Shatner des Doctor-Who-Universum bezeichnen kann. Ähnlich wie der Kirk-Darsteller hat auch Baker es geschafft, mit seiner Hauptrolle zu einer fast schon übermenschlichen TV-Ikone zu werden. Aber da hören die Gemeinsamkeiten noch lange nicht auf. Schließlich sind beide Mimen für ihr monumentales Ego bekannt und haben sich eine jahrzehntelange Karriere aufgebaut die nicht auf Wandlungsfähigkeit sondern auf der öffentlichen Projektion ihrer Persönlichkeiten basiert. Keine Frage, eine emotionale Tour de Force wie man sie bei Christopher Eccleston oder David Tennant sieht, kann man vom mächtigen Tom nicht erwarten. Aber unterm Strich ist das irrelevant, denn Baker verkörpert den Doktor mit dermaßenem Gusto und Selbstbewusstsein, dass es eine Freude ist. Bakers Doktor ist souverän, clever, geistreich und hat jede noch so absurde Situation im Griff. So viel steht fest, dieser Mann erfreute sich während seiner sieben Jahre Amtszeit in der Tardis nicht grundlos einer so immensen Popularität.
  Und dann gibt es natürlich noch Lalla Ward als Romana, die so weit vom damaligen Klischee der hilflos kreischenden Assistentin entfernt war, dass es schon nicht mehr feierlich ist. Selbst für die Gäste gibt es diesmal erfreulich dankbares Material. Tom Chadbon, der seit Jahrzehnten von einer Gastrolle zur nächsten tingelt, kann als sympathisch simpler Hauruck-Ermittler Duggan endlich mal sein Comedy-Timing unter Beweis stellen, während Julian Glover mit diabolischem Charme beweist, warum er später den Bösewicht in James Bond: In tödlicher Mission und Indiana Jones und der letzte Kreuzzug verkörpern durfte. Allen die über den fürs britische Fernsehen dieser Ära typischen Pappmachè-Charme hinwegsehen können (und, wie immer, Schande über euch, wenn ihr das nicht könnt!), sei ein Abstecher in die Stadt des Todes somit ans Herz gelegt. Wo sonst kriegt man schließlich eine der besten Douglas-Adams-Geschichten und eine der besten Doctor-Who-Episoden in einem unterhaltsam kompakten Bündel geliefert? Text © Peter Clausen 2009 Bilder © BBC 1979 |