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von Ruben Schmitt
Review (US-Import): Zwar reichen eine Silbe und ein Satzzeichen nicht ganz aus, um Matt Fractions neuem, monatlichem Wurf gerecht zu werden, doch fehlt dabei nicht viel, wovon man sich hier sogleich überzeugen kann.
Autor: Matt Fraction / Artwork: Gabriel Bá
Erscheint bei: Image Comics Preis: 1,99 US$ pro Ausgabe (monatliche Serie) BAM! So. Das ist es. Wenn mich jemand nach dem einen Wort fragen sollte, das Casanova am besten auf den Punkt bringt, dann hat er es jetzt. Plus einem Ausrufezeichen. Es ist wichtig, dieses Ausrufezeichen. Denn Casanova ist weder zum Einschlafen gedacht, noch dafür gemacht. Doch was ist Casanova denn genau? Abgesehen vom Namen des Serienprotagonisten? Tja, keine Ahnung. Super-Spionage-SciFi-Erotik-Multidimensional-Verschwörungs-Action-Thriller-Komödie, vielleicht? Who cares? Es fetzt. Allein in der 28 Seiten starken Premierenausgabe bekommt der geneigte Leser, der dafür nicht einmal zwei Dollar erübrigen muss, ein Stier-Duell („Stier“, so wie „Glotz“, nicht wie „gehörntes Säugetier“) mit Fabula Berserko an Bord eines schwarzen Helikoptercasinos (Fabula besteht übrigens aus drei verklumpten Zen-Mönchen und kann schweben.), eine erste Begegnung mit Newman Xeno, dem Mastermind hinter W.A.S.T.E. (steht für „We’re All So Terribly Excited“ oder „We Always Start Things Early“ oder was auch immer gerade passt.), eine Invasion von fehlerhaften Agenten-Colonel-Klonen-Belästigern in Paris, munteres Paralleluniversen-Hopping, eine Zahnarzthelferin in Netzstrümpfen und nicht-deterministischen Wellenfunktionen-Kollaps. Unter anderem. BAM!, eben. Doch der Wahnsinn hat Methode. Autor Matt Fraction, der uns schon den Kung-Fu-Gorilla Rex Mantooth gebracht hat, kramt nicht einfach in seiner Dachbodentruhe, auf der mit dickem Edding „meine besten Ideen“ geschrieben steht, und feuert deren pappmachéartigen Inhalt auf ein Drahtgitter, ganz in der Hoffnung, dass ein wunderschönes Rehkitz daraus wird. Nein, der Weg, den unser Held Casanova Quinn in dieser Geschichte beschreiten muss, ist ein genau durchdachter und schlussendlich logischer, was sich nicht zuletzt im gekonnten, möbiusschleifenartigen Spiel mit wiederkehrenden Storyelementen zeigt. Zumindest denke ich nach zweimaligem Lesen, des Pudels Kern auf die Schliche zu kommen. Fraction spricht bei dem Ganzen von „Schichten“; man kann es aber guten Gewissens auch „Ultrakomprimierung“ nennen. Und das ist gut so. Denn in Zeiten, in denen man so viele Hefte in mehr oder weniger fünf Minuten durchpflügen kann, ohne etwas zu verpassen, ist Casanova ein willkommener Schleifstein, an dem man sich sowohl Intellekt, als auch grobe Vorstellungskraft vorzüglich schärfen kann. Auf Draht sollte man bei dieser Lektüre auch sein, denn man bekommt es nicht nur mit Matt Fractions Erzählungen zu tun, nein, denn die Figuren in Casanova scheuen sich nicht, die so genannte „Fourth Wall“ zu durchbrechen und innerhalb einzelner Zeichenpanels direkt dem Leser ihre Geheimnisse anzuvertrauen – oder ist es doch eine weitere, noch unbekannte Entität, der sie Bericht erstatten? BAM! Ja, das hat es jetzt gebraucht, denn auch das Artwork von Gabriel Bá folgt dieser einsilbigen Maxime. Nach zwei Graphic Novels bei AiT/Planet Lar beziehungsweise Image gibt der Brasilianer, der mit der aktuellen Welle von lateinamerikanischen Künstlern im Superheldengenre eher weniger zu tun hat, mit Casanova seine erste großformatige Visitenkarte auf dem US-Markt ab. Und die ist eine von diesen ganz tollen, mit Goldrand, Prägedruck und auf schwerem Pergament. Ein erster Blick auf die schwarzweiß gehaltenen Seiten mit grünen Schattierungen identifiziert Bás Zeichenstil als das uneheliche Kind der beiden arrivierten Größen John McCrea und Eduardo Risso. Doch obwohl Gabriel Bá im Vergleich einige Jahre Erfahrungsrückstand hat, mangelt es seinem Artwork nicht an Komplexität. Im Gegenteil – genau wie beim Skript wird auch visuell aus allen Rohren gefeuert, was zum beliebten Spiel mit Vorder- und Hintergrund, Wechsel in die Ego-Perspektive, Mike-Mignola-Gedächtnis-Detailgroßaufnahmen und vereinzelten dynamischen Ausbrüchen aus der strengeren, rechteckigen Panel-Geometrie führt. Zu sagen, der hier tätige Mann vom Zuckerhut kann ein Großer seiner Zeichenzunft werden, ist dann auch eigentlich schon ins Reich der Untertreibung zu stecken. Wer klickt, bekommt die Seiten nicht nur in schick groß zu sehen, sondern auch noch exklusive Kommentare des G-wie-Gorilla-Schreiberlings. Das rechtfertigt doch den motorischen Aufwand!
Und während sich auch Letterer Sean Konot mit seinem klaren Handwerk nahtlos in diese wahr gewordene Kinder-, Jugend- und Männerphantasie namens Casanova einreiht, muss mit einigem Stirnrunzeln angemerkt werden, dass ein Wort in der Premierenausgabe dann doch kein einziges Mal fällt: BAM! Casanova von Matt Fraction und Gabriel Bá erscheint monatlich und werbefrei bei Image Comics zum Preis von $1,99. Eine Sammlung in Paperbackform ist momentan nicht in Sicht, was den Erwerb der inhaltlich weitestgehend abgeschlossenen und eigenständigen Einzelhefte nahe legt. Links: Website des Autors - www.mattfraction.com Website des Zeichners - www.fabioandgabriel.blogspot.com Website des Verlags - www.imagecomics.com Text Copyright 2006 Ruben Schmitt Coverartwork, Auszüge Copyright Image Comics & Matt Fraction & Gabriel Bá |