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von Michael Steber
Review: Wen man an Filme denkt, die die Entwicklung eines Dorfes und seiner Menschen über einen längeren Zeitraum darstellen und darüber hinaus in Sizilien spielen, so fällt einem spontan eigentlich nur Cinema Paradiso ein. Diese Vorstellung wird man jetzt allerdings revidieren müssen, denn mit Baarìa ist dieser Tage ein Film in die Kinos gekommen, der ebenso wie Cinema Paradiso einen epischen und wehmütigen Blick auf die Insel tief im Süden Italiens wirft. Umso weniger überraschend ist, dass auch diesmal der Regisseur wieder Giuseppe Tornatore heißt.
von Michael Steber Italien (2009), Regie: Giuseppe Tornatore, Drehbuch: Giuseppe Tornatore, Kamera: Enrico Lucidi, Musik: Ennio Morricone, Darsteller: Francesco Scianna, Margareth Made, Monica Bellucci, Raoul Bova, Enrico Lo Verso Erschienen bei: Universal Baarìa (DVD) bei Amazon.de, Baarìa (Blu-Ray) bei Amazon.de Wen man an Filme denkt, die die Entwicklung eines Dorfes und seiner Menschen über einen längeren Zeitraum darstellen und darüber hinaus in Sizilien spielen, so fällt einem spontan eigentlich nur Cinema Paradiso ein. Diese Vorstellung wird man jetzt allerdings revidieren müssen, denn mit Baarìa ist dieser Tage ein Film in die Kinos gekommen, der ebenso wie Cinema Paradiso einen epischen und wehmütigen Blick auf die Insel tief im Süden Italiens wirft. Umso weniger überraschend ist, dass auch diesmal der Regisseur wieder Giuseppe Tornatore heißt. Baarìa ist der Name der sizilianischen Stadt Bagheria im regionalen Dialekt und gleichzeitig der Mittelpunkt und alleinige Schauplatz des Films. Die Handlung zeigt das Leben dreier Generationen zwischen großen geschichtlichen Ereignissen und kleinen Anekdoten und setzt mit dem kleinen Peppino und seiner Schulzeit im faschistischen Italien der zwanziger Jahre ein. Obwohl sowohl Peppinos Vater Ciccio als auch sein Sohn Pietro wichtige Rollen in Baarìa spielen, nimmt der Film meistens die Perspektive von Peppino ein. Historische Umstürze von der Invasion der Amerikaner im Zweiten Weltkrieg bis zu Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg bleiben nie unpersönliche Daten, sondern sind unmittelbar und dabei immer authentisch mit dem Leben der Figuren verbunden.
Während sich sein Vater unter Mussolini noch als Schafhirte durchs Leben schlägt, gewinnt Peppino nach dem Krieg ein Gespür für gesellschaftliche Ungerechtigkeiten und legt all seine Hoffnung in die kommunistische Partei, in der er schließlich eine lokale Laufbahn einschlägt. Trotz oder gerade wegen seines Erfolgs als kommunistischer Politiker tritt man ihm im Ort mit Missgunst entgegen. Nichtsdestotrotz kann Peppino gegen alle Widerstände seine große Liebe Mannina erobern und mit ihr eine Familie gründen. So nimmt der Generationenwechsel seinen Lauf, Peppino wird zunehmend reifer und auch politisch moderater, so dass er unter den Kommunisten der 68er-Bewegung als Revisionist verschrien ist. Weniger heißblütig als zu Beginn des Films weiß die Hauptfigur ihr privates Glück in Bagheria zu schätzen und gibt sich melancholisch-zufrieden dem Lauf der Zeit hin, bevor Baarìa mit einem beeindruckenden Vergleich zwischen Peppino und einem seiner Söhne schließt.
Auf den ersten Blick will der Film zu viel, der Zuschauer droht sich irgendwo zwischen Historienepos, Milieustudie und Familienkomödie zu verlieren. Dennoch verfolgt Baarìa konsequent einen roten Faden, was vor allem daran liegt, dass der Film die Stadt Bagheria nie verlässt. Auch dann, wenn Peppino mit einer kommunistischen Gruppe nach Moskau reist oder als Wanderarbeiter in Frankreich seinen Lebensunterhalt verdient, bleibt die Perspektive des Films auf die sizilianische Stadt gerichtet, die zugleich als Ruhepol, Ausgangs- und Endpunkt fungiert. Die Gebäude und Menschen des Ortes tragen den Film und obwohl an ihnen der Zahn der Zeit nagt, vermitteln sie so etwas wie Konstanz und machen den Handlungszeitraum von sechzig Jahren zusammen mit dem wiederkehrenden musikalischen Thema des Films von Ennio Morricone zu einer magischen Reise in einer faszinierenden Umgebung. So gelingt es Baarìa geradezu spielend, verschiedene Genres und Perspektiven zu durchlaufen und dabei Gemeinplätze und Klischees souverän zu umschiffen.  Was bleibt, ist ein beeindruckender Film und eine Hommage an Sizilien, die einmal mehr beweist, dass der italienische Film es vielleicht am besten vermag, die harten Realitäten des Lebens mit der Magie des Kinos zu verschmelzen. Baarìa steht Cinema Paradiso in nichts nach und beweist auf ein Neues Giuseppe Tornatores Liebe zu seiner Heimat. Wer bereit ist, sich einzulassen auf lange Filme, die viel zu erzählen haben, der wird von Baarìa begeistert sein, denn dieser Film hat nicht weniger zu erzählen als das individuelle menschliche Leben als solches im Angesicht erlebter und gelebter Geschichte.
Text Copyright Michael Steber 2010 Bilder Copyright Universal The Complete Far Side |