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Das Mädchen aus dem Wasser

lady von Jochen Ecke

Essay / Hintergrund: Jochen wirft einen Blick auf die genüssliche öffentliche Hinrichtung, welche die Medien für M. Night Shyamalan und seinen neuen Film Lady in the Water inszenieren - und fragt sich, wo nur all der Zynismus herkommt.

lady USA  (2006)

Regie: M. Night Shyamalan, Buch: M. Night Shyamalan, Kamera: Christopher Doyle, mit: Paul Giamatti, Bryce Dallas Howard, Jeffrey Wright, Bob Balaban, Cindy Cheung

Angefangen hat es möglicherweise hier. Aber eigentlich ist dieser Artikel in der New York Times auch schon wieder der Endpunkt einer längeren, völlig undurchschaubaren Geschichte. M. Night Shyamalan hatte für Buena Vista / Disney die Hits The Sixth Sense, Unbreakable, Signs und The Village produziert. Als er ein halbes Jahr nach The Village sein neues Skript Lady in the Water bei Disney einreichte, war die Reaktion höchst feindlich: Zu kompliziert, zu dialoglastig, zu undurchdringlich sei das Screenplay gewesen – und binnen eines Abendessens mit den Produzenten von Buena Vista war Shyamalan wohl, so erzählt man, offiziell von seinen Erfolgspartnern getrennt. Er trug das Skript zu Warner Brothers, wo man sofort einwilligte. Und drehte seinen Film.

Soweit ist das nichts ungewöhnliches: Regisseure und Produzenten tingeln in Hollywood tagtäglich von Studio zu Studio, und die Ablehnung eines Majors – auch an einen Starregisseur wie Shyamalan – ist zwar schon etwas auffälliger, aber auch nicht völlig ausgeschlossen. Shyamalan machte allerdings im Folgenden einen folgenschweren Fehler: Er erteilte dem Sportjournalisten Michael Bamberger den Zuschlag, ein Buch über den Kummer zu schreiben, das ihm das Mädchen aus dem Wasser bereitet hatte.

Das Buch (Titel: The Man Who Heard Voices) sollte den Kummer nur vergrößern. Das liegt daran, dass Bamberger tatsächlich kein sonderlich begabter Autor ist. Anstatt Shyamalans Handeln einigermaßen objektiv zu beurteilen, erging er sich in kaum zu fassender Heldenverehrung und in eklig triefendem Pathos. Ein Auszug:

The three Disney people walked together past the doorman and out of the hotel and into a waiting car. As they left, Night was crying. He was crying because he liked them as people and he knew he would not see them again, not as his partners. He was crying because he was scared, because there was a big part of him that did want to simply get along with everybody, to do something safe, to be successful. He was crying because he knew they could be right. He was crying because in rejecting that script, they were rejecting him.

Wer schon einmal etwas mit kreativer Arbeit zu tun hatte – sei es jetzt an einem Film, einem Buch, Musik, was auch immer – der kann wohl ganz gut einschätzen, dass der Absatz oben die eigenen Gefühle nach einer harschen Ablehnung ganz gut zusammenfasst. Dummerweise ist diese erste Phase der wütenden Trauer auch von erheblichem Egoismus und einem Höchstmaß an Selbstmitleid bestimmt. Bambergers Buch ist voll von solchen Passagen – und so entstand vor den Augen der genüßlich grinsenden Presse tatsächlich das Bild eines bisweilen eitlen, furchtbar unsicheren, manchmal auch prätentiösen Shyamalan. Die selbe Tour könnte man aber potentiell mit praktisch jedem Künstler auf diesem Planeten durchziehen, gerade, wenn er so jung wie Shyamalan ist.

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Der Schaden war trotzdem praktisch irreparabel angerichtet - was daran liegt, dass auch in Amerika  bei der erstbesten Gelegenheit am liebsten diejenigen zerrissen werden, die erfolgreich sind. Bambergers Buch erschien noch vor dem Filmstart von Lady in the Water und versetzte die versammelte Entertainment-Presse in furchtbar zynisches Entzücken. Dazu ein paar Auszüge aus der Presse:

M. Night Shyamalan found a credulous Boswell in Michael Bamberger, a Sports Illustrated scribe willing to inflate every imagined slight the director ever faced into comic levels of bathos.

Der Autor von Variety vergleicht hier Bamberger völlig unpassenderweise mit Boswell aus Shakespeares Richard III - der hat immerhin einem irren, mordenden Tyrannen auf den Thron geholfen. Wer einem Autor mäßiges Talent vorwirft, sollte vielleicht erst einmal vor der eigenen Haustür... Man versteht.  Vitriol auch hier:

As M. Night Shyamalan's misbegotten fantasy Lady In The Water rapidly heads downhill at the box office, fans who've followed his directorial career from The Sixth Sense through The Village are likely wondering what was going through his head when he came up with this clunky, talky, self-indulgent story. 

Allenthalben Freude darüber, dass das Wunderkind endlich mal einen Misserfolg gelandet hat - die Presse ist ein fröhlicher, gönnerhafter Haufen, bekanntermaßen.

Am frustriendsten ist dabei dann noch, dass man mitansehen muss, wie die deutschen Medien  den Quatsch von den hochgeschätzten amerikanischen Freunden abschreiben, aus schierer eigener Unfähigkeit, dem Film mit dem eigenen Hirn, dem eigenen Geschmack, der eigenen Seherfahrung zu begegnen. Der Gipfel dann: Reviews in diversen deutschen Magazinen, obwohl kein Mensch auf dem Planeten Lady in the Water bis zu diesem Zeitpunkt gesehen hatte - und es hagelte Verrisse einzig und allein auf Basis von Bambergers Buch. Das von denselben Damen und Herren, die Shyamalan Dilettantismus vorwerfen möchten.

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All das verbaut natürlich - die unangenehmste Folgeerscheinung von allen - den Blick auf den Film selbst. Von allen Filmen Shyamalans ist der am schwierigsten zu fassen, weil er tatsächlich sehr ambitioniert ist - vielleicht sogar zu ambitioniert. Der abgeschlossene Apartment-Komplex, in dem der Film spielt, das ist natürlich eine Metapher für das Hirn eines Autoren, der sich gerade eine Geschichte ausdenkt. Und so stößt Shyamalan nach und nach alle möglichen Türen auf, bevölkert von den skurrilsten Gedanken(-) / Figuren - die nach und nach auf ihre eigene Art die Fantasy-Geschichte weitererzählen. In Lady in the Water geht es also um die eine Frage, die Kreativen immer wieder gestellt wird: Wie kommen Sie eigentlich auf diese Ideen? Und die Antwort ist: Es passiert einfach. Jeder erzählt hier einen Teil der Geschichte, die aus dem Nichts kommt. Shyamalan macht das überdeutlich, als er einen Jungen den weiteren Plot aus einem Haufen Cornflakes-Schachteln verlesen lässt.

Entsprechend labyrinthisch, ungleichmäßig, fragmentarisch, manchmal sogar beliebig entwickelt sich der Plot des Films dann auch. Das wirkt dann manchmal so, als ob sich das Skript verrennt; und es bereitet auch Schwierigkeiten dabei, sich irgendwie emotional an die Figuren zu binden. Die Feierlichkeit seiner früheren Filme will bei Lady in the Water einfach nicht immer zustande kommen. Was auch daran liegt, dass Shyamalan das sehr menschliche Leiden seiner Hauptfigur Cleveland Heep nicht wie in den vorigen Filmen in eine potente visuelle Metapher zu verpacken vermag. Mel Gibsons Traurigkeit in Signs wird mit einem Schlag nachvollziehbar, als uns klar wird, wie - in diesem furchtbaren Flashback - seine Frau gestorben ist. Giamattis Vergangenheit wird nur erzählt. Das macht sie merkwürdig flach.

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Aber was all den Miesepetern und Nachmachern an Reichtum in diesem gebrochenen, unfertigen, etwas linkischen Film entgangen ist, könnte diverse Essays füllen. Komisch, dass zum Beispiel fast niemandem Nights erhebliche Selbstironie aufgefallen ist: Er bricht die ernsthaften Passagen immer wieder mit den abstrusesten, liebenswürdigsten Einfällen. Befremdlich, dass Christopher Doyles virtuose, erschlagend erfindungsreiche Kameraarbeit plötzlich keinen mehr interessiert. Oder die tollen Leistungen der charmanten Darsteller.

Dass die mit Makeln behafteten, schwierigen, egoistischen Filme meistens die sind, die bleiben, das wird den meisten wohl auch im Falle von Lady in the Water erst in einem Jahrzehnt oder zwei aufgehen.

Text Copyright 2006 Jochen Ecke
Screenshots, Poster Copyright Warner Bros.

 
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