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Enter the Void

void von Lukas Wilde

Review: Skandalfilm! Drogenfilm! Schlagworte, die ebenso neugierig wie skeptisch machen, zumal in Kombination mit Gaspar Noé hinter der Kamera und mehreren Jahren Nachbearbeitung: Ein audiovisueller, überlanger Drogentrip in den Straßen und Lichtermeeren Tokyos, die erwarteten Kontroversen in Cannes, Toronto und Sundance folgten. Trotzdem liegt alles ganz anders.

voidvon Lukas Wilde

Frankreich (2009)

Regie: Gaspar Noé, Drehbuch: Lucile Hadzihalilovic, Gaspar Noé, Kamera: Benoît Debie, Musik: Thomas Bangalter, Darsteller: Nathaniel Brown, Paz de la Huerta, Cyril Roy, Olly Alexander, Masato Tanno, Ed Spear, Emily Alyn Lind

Verleihi: Wild Bunch/Capelight

Skandalfilme stehen eigentlich immer unter Generalverdacht. Eingeräumt: Nichts gegen eine hübsche Zäsur im Wertekanon des guten Geschmacks! Zwar stellen die Gewalt-Implosionen neuerer Torture Porn-Orgien keine Innovation mehr dar; dadurch aber bestätigt sich letztlich nur die müde gewordene Formelhaftigkeit eines Genres, das nun wirklich keine wutempörten Mobs mehr auf die Straßen lockt. Skandal will verdient sein und ist es zumeist erst hinterher in der Chronik. Umso mehr Misstrauen ist einem Filmplakat gegenüber angebracht, auf dem bereits mit dem „neuen Skandalfilm von Gaspar Noé“ geworben wird: Es ist eben doch eine Tagline, wie Vitamin C und gesunde Cerealien.

Nichtsdestotrotz darf man dem Regisseur einiges an wohlwollendem Kredit (in diesem Fall: Vorsichtigkeit!) einräumen, um zumindest mal nüchtern ins Kino zu gehen – trotz der anderen Tagline, „Drogenfilm“. Noés Filmographie verweist auf stygische Abgründe für den Emotionshaushalt seines Publikums: Die minutenlange, niemals wegblickende, schonungslose Vergewaltigungs-Szene in Irreversible gehört eigentlich vom Planeten Erde verbannt und aus allen Gehirnen getilgt, wäre sie nicht so wichtig, so wenig Selbstzweck, so bescheinigend für ein Kino, das nicht nur Unterhaltung ist – eben nicht nur Skandal!

Und nun also ein Drogenfilm. Neuerliche Skepsis: Das klingt immer nach einem Spaß für die ganze Familie, ob sie es sich nun eingesteht oder nicht. Die kleinen Pilzköpfe träumen froh ihrem letzten Vollrausch hinterher, während wir rechtschaffen mit dem verruchten Elixier der narrativen Enthemmung liebäugeln, wohl wissend, dass ein mindestens skeptischer Überbau (in Form des ‚bösen Endes‘) sicher in den Alltag zurückträgt. Zumeist gilt die Faustregel: Je mehr Spaß im musikcollagenunterlegten Mittelteil, desto schlimmer das Erwachen, meistens aber auch nicht so übel dass man nicht eine gute Zeit hatte. Noé macht das anders und schafft tatsächlich etwas, das es so – es sei vorweg genommen – wohl noch nie im Kino zu erleben gab: den ganz schlechten Trip, der nicht nur über Drogen referiert, sondern selbst zum dunklen Rausch wird. Ohne Außen, ohne Beobachtung, vor Allem ohne erklärenden Ausweg.

void

Die Bauteile dazu sind eigentlich simpel, fast schon banal. Vorwarnung: Sogenannte Spoiler im Anzug; zweite Vorwarnung: Sie werden nicht viel schützen. Ein Junkie slash ein Dealer, der mit seiner Schwester slash einer Stripperin in Tokyo lebt, wirft massenhaft DMT ein, läuft im Wahrnehmungsrausch von Nahtod- slash Bewusstseinserfahrungen durch die Lichtermeere Roppongis und wird auf dem Zenit seines Trips von der Polizei erschossen. Alles ohne sichtbare Schnitte, alles in First Person des Hauptdarstellers, Gedankenströme im O-Ton, Winamp-Visualisierungs-Farbmeere: Der erwähnte und erwartete Drogenspaß, auf den man sich als Zuschauer freut, denn psychoaktive Filminszenierungen in den Händen eines bildkompetenten Regisseurs, kombiniert mit dem Setting TOKYO – Yeah, das hat sich gegenseitig verdient!

Zweites Drittel, Flashbacks, klar: Das Leben des Protagonisten in Bildern. Vom traumatischen Tod der Eltern, seinem „les enfants terrible“-Verhältnis zu seiner Schwester, bis zu den abgründigen Personen-Verflechtungen der Tokyoter Gaijin-Szene. Kaputte Menschen, die sich gegenseitig kaputter machen, irgendwie hat alles etwas mit Sex zu tun, mit Gewalt natürlich auch, und noch mehr Drogen. Langsam erweist sich die narrative Lesung allerdings als bloßes Vehikel, zu plump wären die Symbole, zu entzückend die pure Bildgewalt. Ein Sound-Design von Daft Punks Thomas Bangalter, Art Design von Marc Caro (Delicatessen): Enter The Void erlebt sich als synästhetisches ‚Best of’ der aktuellen Bild/ Ton-Gestaltungskunst, und trotz der dicken Scheiben scheint nichts beliebig, fast mit dem Skalpell komponiert. Irgendwann kommt die Handlung am Ausgangspunkt – dem Pistolenschuss – an, der Kreis schließt sich. Und hier geht es los.



Man wäre versucht zu sagen, die „Seele des Protagonisten“ schwebt noch in der Welt; man ist weiter versucht, vorsichtig in Richtung Shintoismus zu schielen. Wer zugehört hat, wird vielleicht dem vorherigen Dialog „ich werde Dich nie verlassen – und wenn Du stirbst? – dann komme ich wieder“ des Geschwisterpaars Beachtung schenken. Das alles trägt, ein Stück weit. Doch mit jeder neuen Rekursionsschleife, in der die Kamera Wände durchdringt und assoziative Handlungsfragmente verfolgt, mit jeder weiteren Szene, die noch fluoreszierender und manischer die vorangegangene zu verdrängen sucht, werden Handlungsmuster Stück um Stück zerlegt. Wir sehen die Protagonisten und ihre weiteren Wege, mehr Zerstörung und Selbstzerstörung (vor Allem auch: mehr Sex!). Wir sehen übersteigerte, viel zu lange Überblendungen durch psychedelische Lichter, Lampen, Neonanzeigen und andere Effektträger. Wir sehen aber vor Allem die systematische Zerstörung jedes Bedeutungszentrums, jedes Fokuspunkts, jedes Narrativs.

Alle der drei strukturellen Säulen des Films (inszenatorische Drogenversinnlichung, New Age-Spiritualismus, sowie das Millieu-Drama des Personengeflechts) trägt lange genug, dass man fest an sie glauben kann, auch an die kompromisslose Brillanz des Regisseurs, um dann aber voll aufzufahren: Redundanz. Längen. Wieder und wieder. Und weiter. Iteration. Noch mehr Selbstzerstörung! Aus Minuten werden gefühlte Stunden, oder doch nur Minuten, denn in Ermangelung jeder Kohärenz zum Festklammern, auch nur jedes erzählerischen Organisationsprinzips, bleibt keine Orientierung, keine Rekonstruktion des beschrittenen Weges, einzig ein ständig weitertreibendes filmisches Bewusstsein – ohne Bewusstsein –, das den Zuschauer nicht etwa irgendwo hinab zieht (zielgerichtet), sondern in Re-Entry-Schleifen seiner eigenen Wahrnehmung zurück und zurück. Tatsächlich: „Enter the Void“! Nicht die Darsteller, sondern Du, ganz persönlich!

void

Der eigentliche Skandal, sofern man davon reden mag, liegt also nicht im Film selbst, nicht in den verschwenderischen Gewalt- oder Sex-Szenen, wegen denen Enter the Void tatsächlich nur gegen Mitternacht laufen kann – das bleibt allenfalls nebelig im Gedächtnis, auch wenn ein leinwanddurchstoßender, erigierter Penis aus Vulva-Sicht Spektakel genug sein sollte. Der Skandal Noés Inszenierung besteht hier darin zu ködern, und dann gegen seine eigene filmische Form an zu arbeiten, die Erzählung zu opfern, gegen den Zuschauer zu wenden. Sofern der den einen und einzigen Kontrakt einhält, nicht das Kino zu verlassen, bleibt er ausgeliefert und bekommt etwas, was man eigentlich nicht bekommen kann: Keinen Film über DMT (oder über etwas anderes), über den gelehrig zu sprechen sein wird, sondern einen audiovisuellen Trip, der eine Analyse und eine Bezugnahme letztlich unmöglich macht.

Er changiert zwischen Videoclip, Winamp-Visualisierung und Experimentalfilm, brennt dabei aber immer wieder genug erschreckende Handlungs-Angebote und bedeutsames Erinnerungsmaterial nieder, um auch den Ausweg zum reinen Ästhetizismus zu vermauern: Irgendwo hier, unter Neon-Leuchtreklamen, schwitzenden Leibern, ballernden Elektro-Beats, leuchtenden Asphaltwüsten und Fisheye-Fahrten, irgendwo hier könnte ein Bewusstsein lebendig vergraben sein, und die bloße Ahnung davon ist erschreckend genug, dass es vielleicht unser eigenes sein mag. Irgendwann, nach fast drei Stunden (viel zu lange für das bisschen Geschichte, wäre es eine Geschichte!) oder gefühlten Tagen, spuckt Noé den Zuschauer aus, ohne Vorwarnung und ohne Abspann – der kam ganz am Anfang in epileptischer Stroboskop-Geschwindigkeit. Es bleibt eine Ahnung, dass auch das ein ungeheuer wichtiger Film war, irgendwie, skandalöserweise ging die Begründung aber irgendwo verloren.

Text Copyright Lucas Wilde 2010

Bilder Copyright Wild Bunch/Capelight

 
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