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Zatoichi

zatoichi von Knut Brockmann

Review: Quentin Tarantino will mit Kill Bill den ultimativen Schwertkampffilm nach Amerika holen? Takeshi Kitano zeigt ihm mit seinem Zatoichi, was die Japaner in dieser Hinsicht wirklich draufhaben. Und wir bedanken uns für diese äußerst unterhaltsame Lehrstunde.

zatoichiJapan (2003)

Buch: Takeshi KitanoKan Shimozawa, Regie: Takeshi Kitano, Kamera: Katsumi Yanagishima, Musik: Keiichi Suzuki,  mit: Takeshi Kitano, Tadanobu Asano, Michiyo Ookusu, Gadarukanaru Taka, Daigorô Tachibana

Erschienen bei: Concorde
Preis: 14,45€ Zatoichi bei Amazon.de

Kaum eine Figur der japanischen Mythen ist so prominent wie der blinde Schwertkämpfer Zatoichi. Vom Theaterstück über das Musical, eine der bekanntesten und beliebtesten Fernsehserien Japans hin bis zu knapp 30 Filmen ist Zatoichi so etwas wie ein Volksmythos. Genug Material also, um diesen Mythos nun gehörig zu verändern. 

Takeshi Kitano ist genau der richtige Mann für den Job. Seine Veränderungen in Yakuza-Filmen haben das Genre vorangebracht und für den Ruhm des Regisseurs und des japanischen Kinos einiges geleistet. Nehmen wir uns zum Beispiel die wunderbare Darstellung der Yakuza als irgendwo zwischen Sympathie und Ekel rangierende in Filmen wie Sonatine und Brother: Das Genre gab zuvor gar keine Sicht von außen auf die Gangster frei. Es war immer wieder der edelmütige Kampf innerhalb der Organisationen, meist geführt von traditionalistischen Yakuza gegen neue Gangster-Typen, denen es nur noch ums Geld geht.  

zatoichizatoichi

Es ist besonders spannend, dass Kitano auch bei Zatoichi vor den Yakuza und ihren Genre-Klischees nicht halt macht. Bösewichter sind hier diese traditionsreichen Yakuza, die so häufig mit dem Schwert antreten, obwohl es nicht zu ihnen gehört. Überhaupt erlaubt sich Kitano etliche Genre-Überblendungen oder gar Brechungen. So begegnet Zatoichi einigen altbekannten Figuren die aus den verschiedensten Genres stammen. Der als Frau verkleidete Rächer, die letzte überlebende Tochter eines Yakuza-Clans, der zwischen seinen Werten und seinem Leben hin- und hergerissene Yojimbo (Leibwächter), der versoffene Spieler an der Seite des Helden: Alle sind bekannt und teilweise zu den abstrusesten Konstellationen zusammenkombiniert. So würde die Yakuza-Tochter nie von außen, also hier bei den Bauern, gegen den verhassten Clan vorgehen, sie würde infiltrieren. Hier aber bleibt sie bei ihrem Bruder, der als Geisha verkleidet eine bekannte Figur des japanischen Schwertkampffilms nachempfindet. Klar, Kitano macht hier auch einen Chambara, aber das stört ihn nicht daran, alles mögliche andere nach seinem Geschmack unterzurrühren. 

Entsprechend gibt es auch keine erzählenswerte Geschichte: Die Bauern eines Dorfes werden von gleich zwei Yakuza-Gangs unterdrückt. Ein herumstreunender Ronin namens Gennosuke Hattori (Tadanobu Asano) schließt sich der einen Seite an und rottet aufgrund seiner hohen Schwertkunst die anderen Yakuza einfach aus. Damit wird es nur noch schlimmer, doch zum Glück hat eine Bäuerin den blinden Wanderer (Beat Takeshi - also Kitano selbst) Zatoichi bei sich aufgenommen. Der Mann sorgt nicht nur dafür, dass ihr Neffe wieder von seiner Spielsucht geheilt wird (weil er merkt, dass Zatoichi immer gewinnt und er immer verliert), er macht sich auch auf, wieder für Balance zu sorgen. Wenn eine Hälfte der Yakuza schon tot ist, so ist es nur logisch, dass auch die andere Hälfte sterben muss...

zatoichizatoichi

Was aber besonders ist, scheint das Wie der Inszenierung. Selten war Kitano so fröhlich, es ist sein erstes komödiantisches Werk seit Getting Any? (1995), in dem er seinen trotteligen Helden ja auch schon über das Set einer Zatoichi-Verfilmung stolpern ließ. Zudem benutzt er auch wie selten zuvor die Musik als zentrales Filmelement. Filme bestehen ja ohnehin vor allem aus Rhythmus (aus Schnitt und Bewegung im Bild kombiniert). Durch den Wechsel seines Komponisten hin zu Keiichi Suzuki, einem der Großmeister elektronischer Musik, bringt er wahrhaftig einen Beat in seinen Film. Er passt selbst die Geräuschkulisse diesem an und schneidet mal sichtbar, mal unsichtbar absolut im musikalischen Takt. 

Vor allem die Kampfchoreographie bekommt so auf sehr japanische Weise einen neuen Rhythmus und gewinnt unendlich an Kraft und Eleganz, ohne direkt vom Nachbarn aus Hong Kong inspiriert zu sein. Und was Kitano als Überraschung noch noch aus dem Hut zaubert, wenn er seine eigene Methode der Abschlussszene, in der die Ronin das Dorf verlassen und an den im Frühlingsritual singenden Bauern vorbeimarschieren, vorträgt, soll hier nicht verraten werden. Nur soviel: Es ist der Höhepunkt eines perfekten Genrestücks, welches scheinbar sagen wollte: Tarantino will mit Kill Bill den ultimativen Schwertkampffilm nach Amerika holen? Na dann zeigen wir ihm mal, was wir wirklich draufhaben. Danke für diese unterhaltsame Lehrstunde, Kitano-sensei!  

Text Copyright 2004 Knut Brockmann
Screenshots, Package Artwork Copyright Concorde
Dieser Text erschien 2004 in der Zeitschrift MangasZene

 
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