|
von Jochen Ecke
Kino-Review: Poppy, 30, Grundschullehrerin, hört nicht auf zu quasseln, zu lachen, dem Leben ohne jedes Vorurteil zu begegnen. Die Protagonistin von Mike Leighs Happy-Go-Lucky wird dabei in ihrem grenzenlosen Optimismus als Kontrastmittel eingesetzt. Immer wieder trifft sie auf (hauptsächlich männliche) Andersdenkende, die sich an ihrer penetranten Zuversicht abarbeiten dürfen. Wie gut Leighs Filmkonzept aufgeht, erfahrt ihr in unserer Review des kürzlich angelaufenen Films.
UK (2008) Regie: Mike Leigh, Buch: Mike Leigh, Kamera: Dick Pope, Schnitt: Jim Clark, Musik: Gary Yershon, mit: Sally Hawkins, Alexis Zegerman, Andrea Riseborough, Samuel Roukin, Sinead Matthews, Kate O'Flynn, Sarah Niles
Verleih: TOBIS Film Film-Homepage: www.happy-go-lucky-movie.co.uk Ganz ehrlich: die Frau nervt. Poppy, 30, Grundschullehrerin, hört nicht mehr auf zu quasseln. Dabei kann man ihr allerdings dummerweise nicht den Vorwurf der Substanzlosigkeit machen, denn alles, was sie von sich gibt, ist auf verquere Art und Weise ziemlich geistreich. Sie mag auch das Lachen, das Grinsen, das Lächeln nicht lassen – da kann passieren was will. Das irritiert noch viel mehr. Noch dazu ist sie penetrant ehrlich, unbeirrbar optimistisch, und völlig vom Guten im Menschen überzeugt. Diese ebenso faszinierend wahrhaftige wie bisweilen schwer zu ertragende Figur hat die britische Schauspielerin Sally Hawkins zusammen mit ihrem Regisseur Mike Leigh in einer langen Probenphase erarbeitet. So sind auch alle anderen Charaktere in Happy-Go-Lucky entstanden – vor der Begegnung mit den Schauspielern existiert bei Leigh für gewöhnlich nur ein höchst skizzenhaftes Drehbuch. Entsprechend ist dieser Film dann auch ganz und gar nicht darauf aus, einen elaborierten Plot zu erzählen. Am ehesten kann man Happy-Go-Lucky mit den Schauspieleretüden John Cassavetes’ vergleichen, wo auf ganz ähnliche Weise soziale Typen und gesellschaftliche Rollenmuster aufeinander prallen und sich aneinander reiben. Genau das passiert nämlich auch in Happy-Go-Lucky: das Modell „Poppy“ trifft auf den Rest der Welt. Hauptsächlich die Männerwelt. Zum Beispiel auf den neurotischen, paranoiden, hasserfüllten Fahrlehrer Scott, der sich dummerweise in Poppy verliebt, obwohl er eigentlich absolut alles an ihr hasst - vor allem die Tatsache, dass sie eine Frau ist. Und dass sie im Gegensatz zu ihm einigermaßen mit dem Leben zurecht kommt. Wir erleben Poppy hauptsächlich im Umgang mit solchen Männern, die Schwierigkeiten haben, eine sinnvolle Identität für sich zu finden. Manche klammern sich dabei wie Scott ganz reaktionär an konservative Männlichkeitsideale und scheitern damit grandios. Wieder andere sehnen sich an Zeiten zurück, zu denen sie noch kein Reihenhaus besaßen, ihre Frau nicht schwanger war und sie den ganzen Tag vor der Playstation verbringen konnten.
Diese Suche nach einer stabilen Identität zeichnet in Happy-Go-Lucky aber nicht nur die Männer-, sondern auch die Frauenfiguren aus. Überall lässt Leigh seine Poppy Menschen begegnen, die mit der Kindheit und Jugend irgendwie nicht abschließen wollen oder können. So entsteht nach und nach und alles andere als aufdringlich ein Generationenportrait, das schmerzhaft genau getroffen wirkt. Man kennt praktisch alle diese Figuren, ihre Orientierungslosigkeit, ihre Gesprächsthemen, ihren Peter Pan-Komplex. Mit dem kommen Poppy und ihre Freundinnen nur viel besser zurande als die meisten Männer, mit denen sie zu tun haben – die Frauen wissen, aus der Hilflosigkeit einen Lebensstil zu machen. Leigh verpackt diese weibliche Unerschrockenheit vor dem Leben in ein besonders schönes Bild, als er Poppy Nachts auf einen geistig verwirrten Obdachlosen treffen lässt. Sie hat dabei sichtlich Angst, aber sucht trotzdem weiter und weiter das Gespräch und die Begegnung, so sinnlos sie auch letzten Endes sein mag. Die Szene gehört zu den Besten des Films. 
Nicht alles ist Leigh ähnlich gut gelungen. Manchmal bewegen sich Charaktere und Szenen dann doch am Rande des Klischees, und gegen Ende versucht er sich an einer dramaturgischen Geschlossenheit, welche die gewählte Form der Charakterstudie einfach nicht tragen kann. Bisweilen geht es auch ein bisschen zu gefällig zu, und man fragt sich, wo denn nun das Konfliktpotential an dieser Figur namens Poppy liegen soll – dann merkt man, dass Leigh keineswegs wie Cassavetes davon ausgehen mag, dass in jedem Menschen ein Neurotiker schlummert. Poppy ist einfach Poppy. Nichts an ihr ist eine aufgesetzte soziale Maske, suggeriert der Film. Cassavetes würde es vor einem so statischen Menschenverständnis vermutlich schaudern. Vielleicht zu Recht, weil man Happy-Go-Lucky am Ende auch ein wenig defätistisch lesen kann, wenn man denn möchte. „Wir müssen die Dinge nur so akzeptieren, wie sie sind. So wie Poppy“, könnte man die Message zusammenfassen. Die Reise bis zu dieser lauen Erkenntnis ist amüsant, oftmals wahrhaftig, fast immer erfindungsreich. Aber die Moral von der Geschicht’, die hätte gerne auch ein bisschen weniger reaktionär ausfallen können. Text Copyright Jochen Ecke 2008 Bilder TOBIS Film |