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von Darina Goldin
Kino-Review: Eine Neuverfilmung nennt man üblicherweise ein Remake. Einen Neuzusammenschnitt nennt Regisseur Hideaki Anno einen Rebuild. Haben wir Rebuild of Evangelion wirklich gebraucht? Darina geht dem Phänomen auf den Grund.
Japan (2007) Regie: Masayuki, Kazuya Tsurumaki, Hideaki Anno, Drehbuch: Hideaki Anno, Musik: Shirô Sagisu Die Handlung einer jeden TV-Serie kann man auch in einem Kinofilm erzählen. Ja, doch, das geht. Für Scrubs gilt das genauso wie für Twin Peaks. Gut, vielmals wird das, was die eigentliche Serie ausmacht, die langfristig angelegte Charakterentwicklung etwa oder die vielen kleinen Gags, auf der Strecke bleiben müssen. Aber mit etwas Feingefühl und der Bereitschaft, sämtliche Füllepisoden zu streichen, kriegt man einen passablen Film hin. Neon Genesis Evangelion soll von ADV Films als Live Action Film neu interpretiert werden, die Arbeiten laufen inzwischen seit fünf Jahren. Doch Hideaki Anno, der Schöpfer der Serie, ruht sich in der zwischenzeit nicht auf seinen Lorbeeren aus. Mit Rebuild of Evangelion startet auch er einen Versuch, seine Serie erneut auf die große Leinwand zu bringen. Doch was wird in Annos Kopf vorgegangen sein, als er dieses Projekt plante? Die Evangelion-Geschichte begann 1995 mit einer bahnbrechend erfolgreichen TV-Serie. Gainax hat damals etwas Neuartiges geschaffen und damit den Nerv der Zeit getroffen. Die enthaltenen Zutaten gelten seitdem als Grundrezept für einen Publikumserfolg. Es gibt verschiedenste Charaktere, die alle einen mehr oder weniger starken Dachschaden haben, eine mystische Organisation, die diese Charaktere nur manipulieren will, viele kryptische Hinweise, die zum philosophieren anregen sollen, ein Pinguin-Maskottchen und zwei überentwickelte Teenagermädchen in knallengen Battle Suits, die riesige Roboter steuern. Über die Absichten und vor allem das philosophische Grundgerüst hinter der Serie wird noch immer gestritten, doch niemand mehr wird Evangelion aus der Animationsgeschichte streichen können.  
So richtig ein Ende nahm Neon Genesis Evangelion aber auch nie. Gut, da waren die zwei mehr schlecht als recht gezeichneten letzten Folgen der Serie. Diverse Abschlussfilme, über die den Überblick verloren zu haben wirklich keine Schande ist und die sich teilweise widersprechen. Die begleitende Manga-Serie von Yoshiyuki Sadamoto neigt sich dem Ende zu, und das wird wiederum ein anderes sein als in den animierten Fassungen. Die Fans nehmen alles dankbar an, suchen in der Handlung nach großen Antworten auf große Fragen und verbringen Nächte damit, die ab und zu auftauchenden Hinweise auf Kabbala und ähnlichen Schnickschnack zu interpretieren. Ob Hideaki Anno die Evangelion-Mythologie wirklich bewusst aufgebaut hat oder es sich einfach nur um eingestreute Symbolik handelt, ist inzwischen zweitrangig geworden. Fakt ist aber, alles, wo Evangelion draufsteht, verkauft sich blitzschnell. Fakt ist auch, dass Gainax mit dem Merchandising seiner Serie schamlos Geld macht. Doch selbst ein Artbook mit Nacktbildern der Charaktere rauszubringen, ist weniger schamlos als Evangelion 1.0, das zur Zeit in den Kinos läuft. Das Jahr 2010. Der "Second Impact", Metheoriteneinschlag auf Antarktika, hat die Welt fast zerstört. Was von der Erde und ihrer Bevölkerung übrig ist, kann jedoch nicht in Ruhe Wiederaufbau betreiben. Riesige, brutale Monster, genannt Engel, greifen die Menschheit an. Und der 14-jährige Shinji Ikari wird von seinem Vater nach Tokyo gerufen, weil er einer der wenigen Menschen ist, die einen Evangelion, einen enormen biomechanischen Roboter, steuern können. Shinji möchte sich vor Angst am liebsten in einem Schrank verstecken, doch dann sagt ihm seine innere Stimme, dass er nicht mehr von sich und seinem Vater fliehen kann... Und dann ist da noch die stille blauhaarige Rei, die gar keine Gefühle zu haben scheint und Shinjis Ersatzmutter Misato, die ihre Unsicherheiten mit Bier und übermäßiger Albernheit überdeckt. Ach, wem erzähle ich das eigentlich? Das haben wir doch alles schon mal gesehen!
Ja, man erkennt es wieder. Nicht "es, die Serie". Es, das Geräusch, mit dem die Serie eröffnet hat. Die ersten Bilder von der Umgebung, Shinji, der nach wievor auf seinem Walkman vor- und zurückspult. Das offenherzige Foto von Misato, die zu spät kommt, um ihn abzuholen. Der böse Blick von Shinjis Vater, als er die andere Pilotin, Rei, die gerade noch atmen kann, zum zweiten Mal einsetzen will. Den Satz "Ich darf nicht wegrennen". Den Schlag seines Klassenkameraden, der Shinji zu Boden schickt. Man erkennt den Soundtrack und diejenigen, die gut genug Japanisch sprechen, können die Dialoge mitsprechen. Man erkennt zunächst einmal, dass alles, was auf der Leinwand kommt, schon mal da war. Evangelion 1.0 ist nicht einfach eine Neuerzählung, es ist tatsächlich ein Zusammenschnitt der ersten sechs Folgen. Und kein besonders guter noch dazu.
Man muss es Studio Khara, Annos neuer Produktionsfirma, zugestehen, dass sie zumindest nicht die alten Tapes genommen und von Praktikanten mit Tesafilm und Schere neu zusammensetzen lassen haben. Die alten Szenen wurden neu gezeichnet - doch die Storyboards blieben weitestgehend gleich. Das merkt man auch bei den Animationen - während die Kämpfe gegen die Engel tatsächlich etwas besser wegkommen, hat man die menschlichen Szenen kaum aufgewertet. Sekundenlange Szenen ohne wirkliche Bewegung, Wiederverwenden der gleichen Posen, stillstehende Hintergründe - Griffe, die in der TV-Serie Mitte der Neunziger noch Industriestandard waren, haben heutzutage nichts mehr auf der Leinwand verloren. Lange Pausen, stille Aufnahmen - ja, das ist, wenn nichts anderes, dann ein klassisches Merkmal des japanischen Films. Aber Unterhaltungen, bei denen sich außer den Mündern nichts bewegt? Shinji, der nach einem Schlag ins Gesicht Off-Camera hinfällt und unbewegt liegen bleibt? Da hat sich jemand zu akribisch auf die Vorlage gehalten, anstatt das neue Medium und das Budget zu nutzen. Ergebnis: gähnende Langeweile im ersten Film.
Änderungen gibt es hingegen in der Charakterisierung. Hat man sich in der ursprünglichen Serie noch 24 Folgen Zeit gelassen, um zu zeigen, dass in Evangelion fast nur Psychopathen zugange sind, wird diese Information dem Zuschauer nun auf dem Silbertablett mitgeliefert. Ging das Produktionsteam davon aus, dass sich sowieso nur Menschen den Film ansehen werden, die die Serie auswendig können? Oder trauen sie dem heutigen Publikum nicht zu, Gefühle zwischen den Worten rauszufühlen? Die Verbindung zwischen Shinji und Rei ist nicht mehr ein ungesprochenes Geheimnis, Misatos Trauma liegt auf der Hand, und selbst Adam, der zweite Engel, wird Shinji, der noch mehr weint als in der Serie, direkt vorgeführt. Kein Raten mehr. Was gut war, wurde schlechter. Was schlecht war, blieb gleich.  
Das Gefühl, ausgenommen worden zu sein, kommt in den ersten Minuten des Films und bleibt bis zum Schluss. Warum sollte jemand sich eine TV-Serie im Kino ansehen und dafür bezahlen? Hat Anno die Evangelion-Kuh wirklich noch nicht genug gemolken? War dieser Film wirklich nötig, muss man eine neue Generation von Fans unbedingt auf diese billigste Weise werben? Wie als eine Entschuldigung an die Fans endet der Film mit einer komplett neuen Szene und der Einführung eines wichtigen Charakters, der eigentlich erst viel später auftauchen sollte. Ein Cliffhänger wohl, der sagt, egal, wie unnötig ihr den ersten Teil fandet, schaut euch den zweiten an, vielleicht passiert da ja was. Schließlich soll diese Evangelion-Reihe noch ein ganz anderes Ende nehmen als die Evangelions zuvor. Ein noch tolleres, bombastischeres, Fragen beantwortendes Ende, wegen dem es sich wirklich-wirklich-wirklich lohnt, nicht nach dem ersten Film auszusteigen. In Japan kommt der zweite von vier Filmen dieses Jahr raus. Die Trailer versprechen, dass er nicht viel anderes bieten wird, als schon Evangelion 1.0. Ich werde ihn mir ansehen - Hideaki Annos Rechnung ist aufgegangen. Er kann mit seinen alten Fans wirklich machen, was er will. Noch eine Anmerkung für alle, die den Film auf Festivals erwischen wollen: Es gibt bisher kein offizielles englisches Release. Was euch also erwartet, ist nicht der 35 mm Film, sondern lediglich eine vom Beamer abgespielte DVD-Kopie unbekannten Ursprungs. Das nimmt dem Film seinen letzten Glanz... Text Copyright Darina Goldin 2008 Bilder, Artwork, Evangelion Copyright Gainax/ Khara Corporation |