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von Thomas Nickel
Review: Sakura Wars: So Long, My Love der von Sega und Red Entertainment vor langer Zeit für die PS2 entwickelte und nun endlich über Nippon Ichi auch in Europa erschienene Mix aus Visual Novel und Strategiespiel sprüht nur so vor Kitsch, grellen Farben und Albernheiten. Und genau dafür liebe ich es.
von Thomas Nickel System: Nintendo Wii Japan (2005 / 2010) Entwickler: Sega, Red Entertainment Erschienen bei: NIS USA Preis: ab 40€ Sakura Wars: So Long, My Love bei Amazon.de Seit einiger Zeit hat es sich eingebürgert, dass in Artikeln über japanische Spiele bunter Machart oftmals verstärkt darauf hinwiesen wird, dass Gameplay, Präsentation und Artdesign doch schwer Geschmackssache seien. Egal ob Okami, Valkyria Chronicles oder auch Final Fantasy XIII, Spiele die sich nicht am heutzutage so populären „westlich-realistischen“ Grafikstil und eingängigem Hollywood-Storytelling orientieren werden schnell als Nischenspiele für „Japano-Freaks“ abgestempelt, als ewig-gestriger Software-Ausstoß von japanischen Entwicklern die ihre besten Zeiten längst hinter sich haben. (Unter geistig besonders einfach gestrickten Herren der Schöpfung werden in diesem Zusammenhang auch inflationär Worte wie "gay!!1!" oder "homo!!!" bemüht - aber das nur am Rande.) Anstatt sich über die Abwechslung und Vielfalt zu freuen, die uns Amerikanische, Europäische und Japanische Entwickler heute bieten sucht man sich ein aktuelles Ideal – meist bierernste Shooter, im typischen Bruckheimer-Bay-Stil inszeniert mit gedämpften Farben und bildschirmfüllenden Explosionen – an dem jedes abweichende Spiel gemessen und natürlich dann auch abgekanzelt wird. Bevorzugt mit Worten wie „altbacken“, „bonbonfarben“ „Kulleraugen“, „Nonsens-Dialogen“ natürlich dem allseits beliebten „kitschig“. Und wohin führt uns meine Predigt nun? Sie führt uns direkt zu Sakura Wars. Der von Sega und Red Entertainment vor langer Zeit entwickelte und nun endlich über Nippon Ichi auch in Europa erschienene Mix aus Visual Novel und Strategiespiel ist nämlich auch irgendwie altbacken, bonbonfarben, vollgestopft mit großen Kulleraugen und Nonsens-Dialogen und sprüht nur so vor Kitsch. Und genau dafür liebe ich es.  Überall auf der Welt gibt große Knoten mystisch-mentaler Pneuma-Energie. Seit jeher wurden die Menschen zu diesen Knoten hingezogen und errichteten dort Städte – Tokyo, Paris, New York. Aber genau diese Energie zieht finstere Mächte an die immer wieder versuchen, sie für ihre dunklen Zwecke zu nutzen. So wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts Eingreiftruppen gegründet, meist komplett mit psychisch besonders begabten jungen Frauen besetzt. Ihre Gegner bekämpfen die Damen in großen Mechas, als Fassade nach außen geben sie sich als Tanz- und Theatertruppe aus um die Moral der Bevölkerung zu stärken. Nachdem die Truppen aus Tokyo und Paris bereits etliche Angriffe zurückschlagen konnten wird auch eine New Yorker Niederlassung gegründet: Getarnt als Little Lip-Theater stellen sich der tollpatschige Rotschopf Gemini Sunrise, die energische Rechtsanwältin Cheiron Archer, die sanfte und etwas schwächliche Diana Caprice, eine schießwütige Elfjährige namens Rosita Aries und der oder die ziemlich androgyn wirkende Subaru Kujou den dunklen Mächten. Als junger Offizier Shinjiro Taiga werdet ihr nach New York geschickt um die Mädels zu unterstützen und sie im Kampf anzuführen. Zu dumm nur, dass die New Yorker eigentlich Shinjiros kampferprobten Onkel Ichiro (den Protagonisten der nur in Japan erschienenen Vorgänger) angefordert haben und nicht so recht wissen, was sie jetzt mit euch anfangen sollen...  Ist das albern? Aber klar! Ist das kitschig? Und wie! Aber genau das macht es auch so sympathisch. Jeder Charakter wirkt auf den ersten Blick wie ein Griff in die Anime-Klischee-Kiste nur um im Verlauf des Spiels überraschende Tiefe zu offenbaren. Die Hinführungen zu den Mech-Kämpfen am Ende eines Kapitels erinnert an so manche Szene aus dem guten, alten Tele-5-Hit Saber Rider, die Kämpfe selbst entpuppen sich aber im späteren Spielverlauf als ebenso lange wie anspruchsvolle Schlachten bei denen es nicht wie in anderen Titeln auf Grinding, sondern allein auf euer taktisches Geschick ankommt. Aber langsam – zuerst stellt sich doch die Frage, was denn Sakura Wars nun eigentlich ist! Sakura Wars ist definitiv kein Strategiespiel, bei dem ihr endlos viel Text wegdrücken müsst um endlich an die begehrten Taktik-Schlachten zu gelangen. Sakura Wars lässt sich am besten als interaktive Anime-Serie beschreiben. Das Spiel ist in Kapitel aufgeteilt von denen jedes ein paar Stunden dauert und quasi als eine Folge gesehen werden kann. Die Kapitel haben eigene Titel, werden wie im japanischen Fernsehen von Eyecatchern – kurzen Einspielern bei denen ihr nebenbei euren Status checken und den Spielstand speichern könnt – unterbrochen, finden ihren Höhepunkt schließlich in strategischen Mech-Kämpfen und Enden jeweils mit einer Vorschau auf die nächste Episode. In der Rolle von Shinjiro habt ihr nicht nur die Aufgabe, eure Mech-Mädels im Kampf zu führen, vor allem sollt ihr für Harmonie in der Truppe sorgen. So verfolgt ihr über einen Großteil des Spiels hinweg – sicherlich gut 70% der Spielzeit – die Handlung die vor allem in Dialogen, gerne aber auch mal in hübsch animierten Zwischensequenzen erzählt wird. Ihr seid dabei aber nicht nur passiver Beobachter!
Ihr beantwortet Fragen, trefft Entscheidungen oder meistert kurze Geschicklichkeitseinlagen um den Fortlauf der Handlung zu beeinflussen. Dabei steht ihr unter Zeitdruck: Oft müsst ihr euch schnell und impulsiv für eine Antwort entscheiden. Die Dialoge bestimmen aber nicht nur, wie die Damen zu euch stehen, sie sind auch mit ihren Kampfleistungen verbunden: Je motivierter eine Mitstreiterin ist, desto härter haut sie zu, desto mehr steckt sie. So baut ihr ein immer engeres Verhältnis zu Gemini, Cheiron und Co. auf, lernt sie kennen und merkt so, dass hinter den Klischee-Fassaden interessante, runde Charaktere stecken. Dieser Aspekt wird mangels besseren Wissens von unbedarften Naturen gerne als Dating Sim bezeichnet. Aber auch wenn Sakura Wars hier Aspekte einer Dating Sim aufweißt, fällt es letzten Endes doch viel mehr in Richtung Visual Novel: Sakura Wars bleibt stets geschmackvoll und vermeidet die pubertären Schweinigeleien eines Agarest (PS3) oder diverser Bums-Simulationen für den PC. Ein guter Vergleich sind Atlus Persona-Spiele, aber letzten Endes stellt Sakura Wars gerade durch die Kämpfe doch etwas vllig eigenes dar, ein Spielkonzept, das im Westen bisher in dieser Form nicht existierte. Die Strategie-Schlachten unterscheiden sich stark von bekannten Titel. Eure Einheiten ziehen nacheinander über die frei begehbaren Karten. Jede Mitstreiterin besitzt ein begrenztes Aktionskontingent das für Aktionen wie Bewegung, Angriff, Defensivhaltung, Heilung oder Spezialattacke genutzt wird. Natürlich hat auch jede Figur eigene Stärken. Subaru ist gut um im Pulk stehende Gegner zu treffen, Rosita besitzt dagegen eine enorm hohe Reichweite – nur wenn ihr die Talente eurer Truppe clever einsetzt und als Team arbeitet habt ihr gegen die oft beeindruckend großen Bossgegner eine Chance. Die bekämpft ihr oft in der Luft, während normales Kleinvieh auf dem Boden der Tatsachen zerpflückt wird.  Im Gegensatz zu anderen Insiderspielen japanischer Machart bietet Sakura Wars nicht nur jede Menge Charme und Spielwitz, sondern auch beeindruckende Production Values: In Japan war die Serie jahrelang Segas bestes Pferd im Stall, kein Wunder, dass Sega auch bei den Spielen keine Kosten und Mühen scheute. Man merkt dem Spiel zwar an, dass es bereits 2005 auf der PS2 erschien, aber das hochwertige Produktionsdesign, die tollen Charakterportraits von Kosuke Fujishima (Oh! My Goddess), das durchdachte Interface und die hervorragende, abwechslungsreiche Musik von Kohei Tanaka sorgen auch nach fünf Jahren noch für ein rundes, stimmiges Gesamtbild. Trotzdem gibt es noch ein wenig Kritik: Sakura Wars: So Long, My Love ist bereits der fünfte Teil der Serie – das führt zu einigen „Hä, wie?“-Momenten in der ersten halben Stunde wenn ihr auf Protagonisten der Vorgänger trefft – zum Glück ist der Rest des Spiels selbsterklärend. Die Wii-Konvertierung hätte etwas liebevoller ausfallen dürfen. Natürlich war es nicht möglich, die größtenteils handgezeichnete Grafik ins 16:9-Format zu bringen, aber wenn man Sakura Wars per Classic Controller spielt ist man gelegentlich verwirrt, sind alle Bildschirmanzeigen doch auf die WiiMote-Nunchuk-Kombi ausgelegt. Auch ein 480p-Modus wäre Grund zur Freude. Aber zumindest läuft das Spiel in 60HZ.  Dann ist da natürlich noch die Sache mit der Sprache: Im Gegensatz zu Amerikanischen PS2-Spielern die das Spiel auf zwei Discs, einmal mit japanischer, einmal mit englischer Synchro bekommen, kriegen hiesige Wii-Spieler nur die zum Glück gelungene Englische Synchro, auf deutsche Untertitel wird verzichtet. Ein echtes Ärgernis, dass großartige Spiele wie Sakura Wars, Yakuza 3 oder das neue Ace Attorney aufgrund mangelnder deutscher Texte vielen Spielern vorenthalten werden. Wie eingangs bereits geschrieben – Sakura Wars ist nicht nur bunt, albern und kitschig, es ist auch sehr textlastig. Aber das sind Stärken und keine Schwächen. Das durch die japanische Brille gefilterte New York der 1920er Jahre ist ein kunterbuntes Sammelsurium an amüsanten Gestalten, Karikaturen, Klischees und witzig verzerrten Vorurteilen, gerade das macht es zu einem so faszinierenden und spannenden Ort – eine wunderbar andere, verquere Welt in der man sich aufs herrlichste stundenlang verlieren kann. Außer natürlich, ihr pocht eisern auf dunkle Farben, Muskelhelden mit Riesen-Wummen und satte Splatter-Gewalt. Dann tut euch selbst einen Gefallen und macht einen Bogen um Sakura Wars. Wenn ihr aber die bunten Japan-Spiele der alten Schule vermisst, etwas frisches spielen wollt und gut geschriebenen Text nicht nur als Hindernis bis zur nächsten Actionsequenz wahrnehmt, dann ist Sakura Wars wie gemacht für euch. Text Copyright Thomas Nickel 2010 Bilder, Video Copyright Sega, Red Entertainment, Nippon Ichi USA |