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von Thomas Nickel Review: Ein wahrer Held wird am Format seines Gegenspielers gemessen. Luke Skywalker war toll, weil er sich mit Darth Vader und dem fiesen Imperium angelegt hat. Ohne Hannibal Lecter würde sich kein Mensch für Clarice Starling interessieren. Und für nicht wenige Spieler ist Staatsanwalt Miles Edgeworth in Capcoms Ace-Attorney-Reihe mindestens genauso interessant und sympathisch wie der stachelhaarige Held Phoenix Wright selbst.
von Thomas Nickel System: Nintendo DS Japan (2009) Entwickler: Capcom Erschienen bei: Capcom Preis: ab 30€ Ace Attorney Investigations bei Amazon.de Ein wahrer Held wird am Format seines Gegenspielers gemessen. Luke Skywalker war toll, weil er sich mit Darth Vader und dem fiesen Imperium angelegt hat. Ohne Hannibal Lecter würde sich kein Mensch für Clarice Starling interessieren. Und für nicht wenige Spieler ist Staatsanwalt Miles Edgeworth in Capcoms Ace-Attorney-Reihe mindestens genauso interessant und sympathisch wie der stachelhaarige Held Phoenix Wright selbst. Nachdem Phoenix’ Nachfolger Apollo Justice in seinem eigenen Spiel leider etwas in die Nebenrolle gedrängt wurde steht jetzt Miles Edgeworth selbst im Rampenlicht. In der Rolle des sarkastischen Staatsanwalts der sich in den früheren Spielen trotz Rivalität als verlässlicher Freund von Phoenix Wright und seiner Truppe herausstellte ermittelt ihr in fünf zunehmend länger und komplexer werdenden Fällen die für sich zwar abgeschlossen, aber trotzdem fein ineinander verzahnt sind. Genau wie sein Rivale Phoenix verbringt auch Miles Edgeworth eine Menge Zeit damit, Tatorte zu untersuchen, Hinweisen nachzugehen und Zeugen ins Kreuzverhör zu nehmen. Dabei ist Edgeworth allerdings weit involvierter als sein Anwalts-Rivale, ihr steuert den silberhaarigen Protagonisten wie in einem klassischen Adventure direkt per Steuerkreuz oder Stylus durch die Szenarien.   Während Phoenix Wright gerne einmal auf spirituelle Unterstützung des jungen Mediums Maya Fey zurückgreift, setzt Edgeworth auf kalte Logik. Hinweise werden im klugen Kopf des Staatsanwalts gespeichert und können dort dann kombiniert werden. Ein simples Beispiel: Die Brille eines Mordopfers war zerschlagen, bei Durchsuchen eines Lagerraums tritt Edgeworth in ein paar dünne Scherben. Kombiniert ihr diese beiden Informationen erkennt der kluge Staatsanwalt, dass er gerade den Tatort entdeckt hat. Trotzdem ist auch Ace Attorney Investigations kein Adventure westlicher Schule. Es borgt sich zwar das ein- oder andere Spielelement klassischer Point & Click Abenteuer aus, ist aber zu ebenso großen Teilen eine Visual Novel die von ihrer Handlung und den ausschweifenden Dialogen lebt. Ace Attorney Investigations ist definitiv kein Spiel für Zeitgenossen die nicht gerne lesen und Texte als lästiges Hindernis zum Wegdrücken betrachten. Das zentrale Element der früheren Ace Attorney-Spiele, die Gerichtsverhandlungen, bleiben hier ganz außen vor. Aber halt, nicht erschrecken –das Spiel funktioniert trotzdem ganz hervorragend. Oder teilweise vielleicht sogar noch etwas besser, denn Ace Attorney Investigations bricht das klassische Muster „Spurensuche – Verhandlung – Spurensuche – Verhandlung“ erfolgreich auf und lässt das Gesamtpaket nicht nur dynamischer erscheinen, durch den Verzicht auf den klassischen Gerichtssaal sind auch die Settings noch weit abwechslungsreicher als vorher. Und die klassischen Kreuzverhöre mitsamt dem Aufdecken von Widersprüchen und dem Entlarven von Falschaussagen sind ja sowieso mit von der Partie.
Leider kehrt damit auch ein stets präsentes kleines Problem der Ace Attorney-Serie zurück: Die Fälle sind fest geskriptet und gelegentlich kommt es vor, dass euch die Lösung des Falles bereits klar ist, ihr aber nicht wisst, wie ihr das dem Spiel mitteilen sollt. Zum Glück halten sich solche Momente aber in Grenzen und fallen Angesichts der langen Spielzeit kaum ins Gewicht. Natürlich haben auch die Fälle dieser Ace Attorney Episode wenig mit der Realität zu tun. Aber mal ganz ehrlich, es gehört schon ein gepflegtes Maß an Dummheit dazu, dem Spiel anzukreiden, die Verhandlungen und Ermittlungen wären nicht realistisch. Ace Attorney Investigations ist ein Videospiel. Es will keine virtuelle Jura-Vorlesung sein, es will einfach nur gut unterhalten. Und das schafft es mit Bravour. Egal ob ihr Tatorte untersucht, Hinweise kombiniert oder Zeugen befragt, ihr habt immer wieder Erfolgserlebnisse. Mal findet ihr einen entscheidenden Hinweis, mal widerlegt ihr erfolgreich eine Falschaussage, mal bekommt ihr endlich die Information, die das aktuelle Puzzle endlich löst. Und wenn Edgeworth dann erst einmal in Fahrt kommt und ihr messerscharf die falschen Argumentationen eurer Gegenspieler auseinandernehmt, dann fühlt sich das dank der tollen Inszenierung genauso gut an wie ein perfekt gemeisterter Bosskampf in einem Actionspiel. Die Fälle sind interessant, oft haarsträubend skurril und fast durchgehend logisch, die Locations die ihr besucht sind abwechslungsreich und schön gezeichnet... doch der wahre Star hier ist das Skript. Jede Figur ist auf den Punkt genau charakterisiert, hat ihre eigenen Macken und Manierismen und auch eine ganz eigene Art zu reden. Ace Attorney Investigations zeigt, wie viel ein gutes Skript bei einem Spiel ausmacht. Ihr wollt wissen was aus den Figuren wird, ihr wollt wissen wie Edgeworth auf all seine Gesprächspartner reagiert, ihr freut euch, wenn der kühle Staatsanwalt im Verlauf des Spiels etwas auftaut... ihr habt es hier mit echten Charakteren, nicht einfach nur mit eindimensionalen Figuren zu tun. In diesem Zusammenhang kann Ace Attorney Investigations ganz überraschend auch in einem gänzlich unerwarteten Bereich punkten: Fans von klassischer Sprite-Animation sind hier im siebten Himmel. Miles Edgworth, Dick Gumshoe, Franziska von Karma, Kay Faraday und all die anderen Protagonisten laufen als wunderbar animierte Sprites durch die Gegend. Für fast jede Aktion wurden eigene Animationen gezeichnet die den Figuren zusätzlich zu ihren Dialogen Leben einhaucht. Dick Gumshoe stampft wütend auf, wenn jemand seinem Idol Edgeworth Böses will und geht in Abwehrhaltung, wenn Franziska von Karma mit ihrer gefürchteten Peitsche ausholt. Capcoms Sprite-Künstler haben seit den 90er Jahren nichts verlernt.   Aber eine Sache, die nehme ich Capcom dann doch wirklich übel. Wie in aller Herrgottsnamen kann man ein Spiel wie dieses OHNE deutsche Texte veröffentlichen? Gerade nachdem die vier Vorgänger so fantastisch eingedeutscht wurden? Edgeworths Fälle leben von ihrem hervorragenden Skript. Die Dialoge sind urkomisch, die Wortspiele gelungen – die Texter von Ace Attorney Investigations haben mehr Sinn für Humor als all die dümmlich-deutschen Fernseh-Comedians zusammen – aber all das kann der Spieler eben nur mit wirklich ordentlichen Englisch-Kenntnissen genießen. Das ist wirklich ärgerlich, aber letzten Endes kann man das nur Capcom, nicht aber dem Spiel ankreiden. Denn das macht alles richtig. Umfang, Story, Figuren, Präsentation – alles präsentiert sich auf höchstem Niveau. Die Entwickler beweisen nach dem nicht ganz so brillanten Apollo Justice, dass sie es immer noch können. Ace Attorney Investigations ist genau das Spiel, dass sich alle Edgeworth-Fans seit dem ersten Auftritt des Staatsanwalts im weinroten Anzug gewünscht haben. Edgeworth überzeugt mit messerscharfe Analysen und sarkastischen Sprüchen, ist seinen Antagonisten in jeder Lage einen Schritt voraus. Die neuen Spielelemente, allen voran die Möglichkeit Hinweise zu kombinieren und das freie Bewegen an Tatorten sorgen für frischen Wind in der Ace Attorney-Reihe und geben dem Edgworth-Abenteuer ein angenehm dynamisches Spielgefühl. Ihr werdet knobeln, ihr werdet auch gelegentlich mal wie der Ochs vorm Berg stehen, ihr werdet lachen und ihr werdet nach einem langen harten Rededuell erschöpft, aber glücklich sein. Natürlich werdet ihr als Ace Attorney-Veteran den meisten Spaß mit Edgeworths Fällen haben, viele Bekannte Gesichter treten in größeren und kleineren Rollen wieder auf, aber gerade auch für Einsteiger ist diese Episode sehr geeignet, da ihr weniger Vorwissen als bei Trials & Tribulations und Justice for All braucht. Tut euch, eurem DS und euren Englisch-Kenntnissen den Gefallen und holt euch Edgeworth nach Hause. Und wenn ihr selbst nach diesem Test noch unschlüssig seid, dann seht euch wenigstens die kostenlose Demo im Internet an. Es lohnt sich!
Text Copyright Thomas Nickel 2010 Bilder, Video Copyright Capcom |