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von Kurt Funke
Review: Ein magischer Pinsel, ein plappernder Däumling und die kaltschnäuzigste Heldin der Spielegeschichte: Okami ist endlich im Westen erhältlich. Und wir sagen euch, warum dieser Meilenstein den hohen Erwartungen mehr als gerecht wird.
System: PlayStation 2
Japan (2006), Producer: Atsushi Inaba
Entwickler: Capcom Erscheint bei: Capcom (Anfang 2007) Preis: ca. 60 Euro Endlich mal wieder ein Spiel, das aus der Reihe tanzt: Mit Okami haben die Clover-Studios unter Leitung von Atsushi Inaba (Viewtiful Joe) eines der letzten echten Highlights der Playstation-2-Ära aus dem Hut gezaubert. Ob das unkonventionelle Stück Software allerdings auch die Gunst von Otto Normalspieler gewinnen wird bleibt abzuwarten, denn Massenware ist Okami mit Sicherheit nicht! Aber was ist es dann? Auf den ersten Blick lässt sich das Capcom-Produkt am ehesten mit Nintendos Zelda-Serie vergleichen, doch bei genauerem Hinsehen bietet Okami wesentlich mehr als typische Action Adventure-Kost. Das fängt bereits beim Hauptcharakter an, denn anstelle eines wackeren Jünglings übernehmen wir hier die Kontrolle über die, in Gestalt eines weißen Wolfes auftretende, Sonnengöttin Amaterasu. Mit Jack London hat das Abenteuer, der kläffenden Protagonistin zum Trotz, allerdings relativ wenig zu tun, denn Okami spielt in einer folkloristischen Fantasywelt, in der japanische Mythen, Sagengestalten und Märchen munter vermengt werden. Aber keine Angst, denn obwohl einige kulturelle Referenzen für das Gros der westlichen Spieler unverständlich sein dürften, tut das dem Spielspaß keinen Abbruch. Im Gegenteil sogar – Okami hat eine leichtfüßige, beschwingte Atmosphäre, die ein jeder genießen kann, egal in welchem Kulturkreis er aufgewachsen ist.  Auch in den actionreichen Kämpfen muss man oft den Pinsel ziehen Ein besonders innovatives Spielelement unterscheidet das Epos allerdings von der Konkurrenz. Zum ersten Mal hat nämlich ein Spieleentwickler erkannt, dass die Feder mächtiger ist als das Schwert, und so erwehrt sich unsere Heldin ihrer Feinde hauptsächlich mittels Malerei. Mit einem kurzen Druck auf die R1-Taste hält man das Geschehen auf dem Bildschirm abrupt an, um einen gigantischen Pinsel über das Spielfeld zu schwingen. Mit Hilfe dieser unkonventionellen Waffe kann der kalligraphiebegabte Spieler seine Angreifer durchstreichen, Brücken über Abgründe ziehen, Bomben aus dem Nichts heraufbeschwören, eine Sonne an den Nachthimmel klatschen, Bäume pflanzen und vieles mehr. Solange man ausreichend Tinte auf dem Füller hat, stehen einem in Okami alle Türen offen. Wie im richtigen Leben halt. Und mit diesem Spruch wurde das Niveau von G wie Gorilla um mindestens eine weitere Stufe heruntergesetzt. Wir haben es immer noch drauf!
Aber zurück zum Thema: Rein prinzipiell könnte man jetzt behaupten, dass die Pinselstriche den gleichen Zweck erfüllen wie die genretypischen Items. Und im Ernst: Falsch ist diese These nicht. Ob man nun eine Bombe malt oder per Tastendruck ins Gelände pfeffert, sollte eigentlich keinen großen Unterschied machen. In den meisten Fällen tut es das aber trotzdem, denn der Pinsel wird so vielfältig zur Interaktion mit der Umgebung genutzt, dass es nach einigen Spielstunden vollkommen natürlich wirkt. Schon nach kurzer Zeit sieht sich der Spieler die Welt mit ganz neuen Augen an und sucht nach neuen Möglichkeiten, den Pinsel zu schwingen. Wie lässt man beispielsweise mitten in einer Höhle eine Ranke nach oben sprießen? Wenn es nur ein Loch im Stein gäbe, durch dass man den Himmel sähe, könnte man eine Sonne ans Firmament zeichnen...  Die Natur spielt in Okami eine extrem wichtige Rolle: Links hat sich Amaterasu gerade an einer schwebenden Blüte hochgehangelt, rechts wartet ein Baum auf die Einzeichnung neuer Knospen. Zur Belohnung gibt es leckere Experience Points.
Eine weitere Stärke des Spiels liegt im schieren Übermaß an Abwechslung. Neben der ausladend großen Oberwelt mit ihren zahlreichen Geheimnissen und versteckten Items beeindrucken vor allem die Dungeons: Quasi jeder neue Raum wartet mit einer neuen Idee, einem neuen Puzzle oder einem abwechslungsreichen Geschicklichkeitstest auf. Irgendetwas führt einen immer wieder in die Welt dieses Spiels zurück: Egal ob man nun mit dem Pinsel auf Angeltour geht, Schätze ausbuddelt, Ödland begrünt oder sich einfach nur in der japanischen Natur einen Wolf laufen will, die Zeit vergeht wie im Flug. Und wie sieht’s mit negativen Kritikpunkten aus? Naja, da wäre zum Beispiel Issun, der „lustige“ Däumlings-Begleiter, der Amaterasu auf ihren Reisen stets mit lockeren Sprüchen zur Seite steht. Und ganz ehrlich: Das Geplapper kann selbst gestählten Abenteurern den letzen Nerv rauben. Es ist, als würde einen der untalentierteste Komiker aller Zeiten (mal abgesehen von Oliver Pocher) durchs Spiel begleiten. Vielleicht war diese Wirkung beabsichtigt. Möglicherweise ist Issun eine hintergründige, subtile Demontage des redseligen Sidekicks. Nein, er ist einfach nur eine blöde Nervbacke. Punkt. Aber was soll’s? Nach ein paar Stunden kann man sich sogar an den elenden Quasselknirps gewöhnen, und möglicherweise gar eine bizarre Sympathie für den naseweisen Schwätzer entwickeln. Noch ein paar Worte zum Kampfsystem: Die Kämpfe sind schnell, actionreich und bieten eine ausgewogene Mischung aus Draufhauen und taktischen Pinseleien. Klingt gut, oder? Ist es eigentlich auch, aber eine echte Herausforderung bieten die farbenfrohen Gemetzel nicht. Der Schwierigkeitsgrad ist extrem einsteigerfreundlich. Im Endeffekt ist das aber ein Vorteil, denn Frustmomente machen sich im Verlauf des etwa vierzigstündigen Abenteuers rar. Gut so!  Links: Amaterasu nimmt einen Feind aus sicherer Distanz in die Mangel. Rechts: Wenn die Wolfsgöttin durch die Natur stürmt wachsen neue Pflanzen unter ihren grünen Pfoten
Und dank nahezu makellosen Gameplay kann Okami problemlos Anspruch auf den Genrethron im PS2-Reich beanspruchen. selbst Nintendo-Held Link hat mit Amaterasu einen ebenbürtigen Konkurrenten gefunden, der sogar optisch und musikalisch jede Menge hermacht. Cel-Shading-Grafik und asiatische Musik im Stil der Goemon / Mystical-Ninja-Serie dürften nicht jedermanns Sache sein, aber an der hohen Qualität ändert das kein bisschen. Wenn es jemals ein Spiel gab, für dass man so hochtrabende Begriffe wie „virtuelle Ästhetik" benutzen kann, dann dieses. Wer wissen will, ob dieser fröhliche Reigen aus Superlativen gerechtfertigt ist, hat jetzt die Chance, Okami auf Herz und Nieren anhand der brandneuen US-Version zu überprüfen. Eiserne Pal-Spieler müssen allerdings noch eine ganze Zeit warten. In Europa wird der Pinsel offiziell erst im Februar gezückt. Verpasst auf keinen Fall unser Interview mit Atsushi Inaba, dem Mann hinter Okami - er hat noch einiges Interessantes über die Entstehungsgeschichte des Spiels zu sagen! Text Copyright Kurt Funke 2006 Cover, Screenshots, Artwork Copyright Capcom |