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von Thomas Nickel
Review: Zehn Gäste werden in ein Herrenhaus auf einer Insel mitten im stürmischen Meer eingeladen. Und nach und nach wird die Gruppe dezimiert. Mittendrin steckt ihr - es gilt, den Mörder zu finden, bevor es tatsächlich heißt Und dann gabs keines mehr...
System: Nintendo Wii USA (2007), Project Director: Scott Nixon, Game Design: Lee Sheldon, Lead Programmer / Engine Development: Jamie Nye, Art Director: Chad Read, Musik: Scott Nixon
Entwickler: AWE Games Erschienen bei: The Adventure Company Preis: ca. 50 € Agatha Christie: Und dann gabs keines mehr Es gab mal einen Kriminalroman von Agatha Christie, der war weithin bekannt unter dem recht eingängigen Titel Zehn kleine Negerlein - und auch wenn Menschen Afrikanischer Abstammung darin eigentlich keine Rolle spielten, so war die Assoziation mit dem gleichnamigen Zählreims doch gegeben und das Prinzip der stetigen Dezimierung der Protagonisten wurde bereits vom Titel gut vermittelt. Das Buch werdet ihr heute aber nur noch im Antiquariat finden, im Zuge der Amok laufenden Political Correctness und klagefreudiger Bürgervereine wurde der Titel vor einiger Zeit geändert, neuer Name ist nun Und dann gab's keines mehr. Irgendwie weniger griffig und eingängig, oder? Dafür braucht sich darüber aber auch keine mehr künstlich aufzuregen. Und damit wäre dann auch die Titelfrage geklärt, verbirgt sich hinter dem sperrigen Titel Und dann gabs keines mehr die Adventure-Umsetzung des bereits erwähnten Agatha Christie-Klassikers. Auch wenn der Wii unter vielen Spielern doch umstritten ist, über eine Sache, da herrscht Einigkeit - wenn das Nintendo-System für ein Genre geradezu prädestiniert ist, dann für Point & Click-Adventures. Und die Tatsache, dass bis heute keine Sammlung mit klassischen Lucasarts-Adventures für den Wii erschienen ist zeigt deutlicher als sämtliche miesen Star Wars-Spiele, wie unfassbar dumm, ignorant und beschränkt die komplette Führungssparte der Spiele-Sektion des gewaltigen George Lucas Konzerns heute tatsächlich sein muss. Die kleineren Entwickler freut das freilich - während die ehemaligen Platzhirsche weiterhin zum Leiden aller Beteiligten die Star Wars Kuh melken kann ein kleiner Anbieter wie The Adventure Company schnell die gerade in Europa nach wie vor recht ausgeprägte Adventure-Nische besetzen. 
Kenner wissen: Und dann gabs keines mehr ist eine PC-Umsetzung. Und das erkennt man auf den ersten Blick: Anzeigen, Schriftsatz, Cursor... alles klassisch PC. Leider auch das Bildformat, Entwickler AWE Games hat darauf verzichtet, den 16:9-Modus des Wii zu unterstützen. Wir finden das aber durchaus verständlich, immerhin hätte das wohl dazu geführt, dass sämtliche statischen Render-Hintergründe erweitert und dabei neu berechnet werden müßten - und bei diesem Aufwand kann man auch fast schon ein komplett neues Spiel entwickeln. Muss man aber nicht, für einen ersten Adventure-Testballon ist eine kompetente PC-Umsetzung doch genau das Richtige. Und für Fans von klassischen, narrativen Adventures ist AWEs Agatha Christie-Interpretation genau das richtige - legt Capcoms exzellentes Zack & Wiki neben kniffligen Puzzeleien eher Wert auf originelle Ideen und wilde Wiimote-Aktionen setzt Und dann gabs keines mehr absolut auf Dialog und Plot. Zahlreiche Dialoge mit den verschiedenen Protagonisten werden geführt, viele Dokumente werden gelesen und etliche Zwischensequenzen bringen regelmäßig die Handlung voran.Die Rätsel selbst sind absolut in Ordnung, aber nicht so clever wie beim großen Genre-Klassiker Day of the Tentacle - logisch, in einem in der Realität begründeten Szenario sind natürlich nicht die abgedrehten Puzzles alberner Kost vergangener Tage möglich. Schlimm ist das freilich nicht, setzt das Spiel eben eher auf Plot und Atmosphäre. Hilfreich dabei ist beispielsweise die Grafik. Die setzt auf vorgerenderte Hintergründe und polygonale Figuren. Das gibt dem Spiel zwar oft einen etwas sterilen Look, vermeidet aber auch Stilbrüche oder Grafikfehler. Zwar könnten manche Figuren etwas schöner modelliert sein, dem Gesamteindruck der stimmigen Optik tut das aber keinen Abbruch. Ebenso gelungen ist die Sprachausgabe - die ertönt auf Wunsch sogar komplett eingedeutscht, die meisten Sprecher liefern eine gute Arbeit ab, der Christie-Purist kann die geschliffenen Dialoge natürlich auch auf Englisch stellen - so mögen wir das. Lediglich die Musik ist uns zuweilen ein wenig auf die Nerven gegangen, die Dauerschleife lässt sich aber im Menü zum Glück runterregeln oder zur Not ganz abstellen. 
Bleibt natürlich eine große Frage - wie wurde die Maussteuerung auf die Wiimote übertragen? Wir finden hervorragend. Der Cursor lässt sich wunderbar flüssig aus dem Handgelenk über den Bildschirm bewegen und zeigt beim Darüberfahren jedes interessante Objekt an. Per + und - Taste lassen sich Notizen und Inventar öffnen, A und B werden für Klick und Doppelklick benutzt. Und es ist einfach eine Freude zu sehen, wie hervorragend das klassische Adventure-Prinzip erstmals auf einer Konsole funktioniert - die Steuerung fühlt sich niemals nach einem Kompromiss oder nach einer Konvertierung an, im Gegenteil, unsere Vermutung wurde bestätigt, der Wii ist die perfekte Plattform für Point & Click Spiele. Auch ein paar Spielereien wurden implementiert - so werden Türen durch Knopfdruck und gleichzeitige Wiimote-Bewegung geöffnet, ein Puzzle verlangt, den Controller wie eine Schippe einzusetzen um Mehl aus einem Sack zu schaufeln. Während das Türenöffnen leicht und ohne Probleme erkannt wird, sieht es beim Mehl-Rätsel nicht so gut aus, erst ausführliche (man verzeihe mir den Ausdruck) Fuchtelei führte zum Erfolg. Wenn solche Elemente noch verfeinert (oder alternativ einfach weggelassen werden), dann steht einer rosigen Adventure-Zukunft auf dem Wii nichts mehr im Weg. So ist Agatha Christie: Und dann gabs keines mehr eine echte Freude für Adventure-Fans - die Umsetzung von PC auf Konsole ist toll gelungen, die Handlung dank klassischer Vorlage und der cleveren Idee, den Protagonisten etwas Abseits der anderen Figuren stehen zu lassen sehr stimmig, auch wenn die Entwickler sich gerade gegen Ende ein paar Freiheiten herausnehmen die den Hardcore-Fan irritieren könnten. Trotzdem kommt das Spiel zu einem sehr befriedigenden Ende und tut sein Bestes, die Adventure Lust der Wii-Spieler ordentlich zu schüren. Wer also auf der Suche nach einem durch und durch klassischen, manchmal durchaus auch etwas trocken wirkenden Knobler der alten Schule ist, der ist bei Agatha Christie genau an der richtigen Stelle. Genre-Neulinge sollten vielleicht zuerst mal zu Zack & Wiki greifen, wer aber PC-erfahren ist und mehr Wert auf Handlung, als auf einen flott-dynamischen Spielablauf legt, der holt sich beim Spiele-Händler seines Vertrauens das Ticket zur stürmischen Insel mit dem mysteriösen Herrenhaus. Text Copyright Thomas Nickel 2008 Bilder Copyright The Adventure Company |