Advertisement

Gorilla des Monats

bernie 
Home arrow Archiv arrow Archiv arrow Lesestoff arrow Bücher 
ALL  |0-9  | A  | B  | C  | D  | E  | F  | G  | H  | I  | J  | K  | L  | M  | N  | O  | P  | Q  | R  | S  | T  | U  | V  | W  | X  | Y  | Z

Archiv arrow Lesestoff arrow Bücher

Andrzej Sapkowski – Der letzte Wunsch

Der letzte Wunsch von Anna-Selina Sander

Review: Zeit für gute, gute Fantasy! Sowas muss man wie jeder weiß im Moment ja suchen, aber wenn man es zum Buchstaben S im Alphabet geschafft hat, wird man reicht belohnt.

Der letzte Wunschvon Anna-Selina Sander

Autor: Andrzej Sapkowski
Erschienen bei: dtv
ISBN: 978-3-423-20993-9
Preis: € 8,95 Der letzte Wunsch bei Amazon.de

Bereits Anfang der 1990er Jahre veröffentlichte der polnische Autor Sapkowski die ersten beiden Bände seiner Saga um den weißhaarigen Hexer Geralt. Seit 2006 sind die Bücher nun endlich auch auf dem deutschen Markt, und mit ihnen ein kleines Juwel, das niemand verpassen sollte, der gute Phantastik schätzt.

Weißhaariger Hexer Geralt? Gab's da nicht mal so ein Computerspiel? Und tatsächlich, Sapkowskis Geschichten sind die Basis für die PC-Spiele der Reihe The Witcher, dessen neuester Teil derzeit in Vorbereitung ist. Was an Geralts Abenteuern zunächst auffällt, ist die ungewöhnliche Form. Die ersten beiden Bände Der letzte Wunsch sowie Das Schwert der Vorsehung, um die es hier vorrangig gehen soll, sind keine Romane, sondern enthalten Erzählungen. Erst der Folgeband Das Erbe der Elfen und dessen Fortsetzungen sind tatsächliche Romane. Jetzt schreien garantiert zwei Drittel von euch auf, weil die aus Prinzip nichts zusammenhängendes unter 300 Seiten lesen. Aber die Erzählungen zu ignorieren wäre schade, denn sie bereiten die Romane vor und sind darüber hinaus äußerst spannend zu lesen.

Geralt ist, wie schon erwähnt, ein Hexer, ein durch hartes Training, viele Entbehrungen und qualvolle Prozeduren zur Erlangung von Immunitäten aller Art zum Überwesen mutierter Mensch. Mit entsprechend übermächtigen Kampfesfähigkeiten, durch dubiose Elixiere noch potenziert und der Fähigkeit, Magie zu wirken, zieht er durch die Lande und beseitigt gegen Bezahlung Ungeheuer und Monstren. Zugegeben, Hexer ist nicht gerade der angesehendste aller Berufe, und so ist Geralt nicht überall gern gesehen – was ihm aber reichlich egal ist. Zu Beginn der Geschichten weiß man nicht so recht, was man von diesem einsamen Wolf halten soll, doch trotz seiner Gefühlskälte wird er einem auf seine ganz eigene Art sympathisch. Er ist nämlich mitnichten arrogant und verschlossen, sondern versucht sein bestes, um sich Menschen gegenüber anständig zu verhalten. Er hat sogar Freunde, wie den altklugen und wagemutigen Barden Rittersporn, die Priesterin Nenneke und gewissermaßen auch die Zauberin Yennefer, seine tragische große Liebe, mit der zusammen zu sein ihm anscheinend von niemandem vergönnt wird. Am wenigsten übrigens von ihr selbst – beide stehen sich im Laufe ihrer On-Off-Beziehung selbst im Weg, und kaum meint man, nun hätten sies mal hingekriegt, rennt wieder einer von ihnen davon.

Die Liebesgeschichte mit Yennefer ist nur ein Handlungsstrang. Die Erzählungen mögen anfangs unabhängig und zusammenhanglos erscheinen, jedoch verknüpft sie ein zunächst noch locker gestrickter Handlungsbogen. Das ganze ist wie ein Puzzle, das an mehreren Stellen angefangen wird und sich langsam im Laufe der zwei Bände zu einem Gesamtbild und einer fast vollständigen Vorgeschichte entwickelt hat. „Fast“ deshalb, weil bei Puzzles ja irgendwie immer Teile fehlen.
Jedenfalls ist das ganz großartig gemacht. Das liest sich spätestens im zweiten Band tatsächlich wie ein Episodenroman, denn da verdichtet sich die Handlung zusehends, man hat die Figuren liebengelernt und freut sich wie ein Schnitzel, wenn man alte Bekannte (oder deren Nachkommen) wiedertrifft. Am Ende ist die Welt in Aufruhr und ein alles verändernder Krieg bricht an. Damit ändert sich auch die Erzählform und es geht erst richtig los!

Auch sprachlich sind die Bücher gut gelungen, eine bildhafte und anspruchsvolle Wortwahl und Satzstruktur verleihen Sapkowskis Stil etwas, das man ruhig "literarisch" nennen kann. Im Gegensatz zu dem Tageszeitungsniveau, auf dem so mancher Fantasy-Bestsellerautor schreibt, schafft Sapkowski tatsächlich Qualität. Der Humor hat selten Kalauerqualität, richtige Schenkelklopfer kommen zwar vor, aber der eigentliche Witz ist ganz feinsinnig und intelligent, wie man es selten erlebt. Das funktioniert zum Beispiel nicht nur über trockene Kommentare, sondern auch über viele Referenzen der europäischen Märchenwelt, Populärkultur und dem manchmal der Gegenwart nicht unähnlichen Alltag in einer klassischen tolkienesken Fantasywelt. In Kombination mit der raffinierten Erzählweise, die zuerst auf verschiedenen Zeitebenen beginnt und erst im Laufe der Geschichten eine gerade Kontinuität erzeugt, und nicht zu vergessen zahlreichen wunderbar beschriebenen, hochspannenden Kampfszenen ergibt das ein wirklich lohnenswertes Leseerlebnis. Selten sowas gutes gelesen!

Text Copyright Anna-Selina Sander 2010

Cover Copyright dtv
 
© 2012 www.g-wie-gorilla.de
Joomla! is Free Software released under the GNU/GPL License.