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Rachel Ward – Numbers

numbers von Anna-Selina Sander

Review:Der All Age-Knüller des Frühjahrs kommt von dem neuen Carlsen-Importlabel Chicken House, ist garantiert vampirfrei, spielt stattdessen auf eine Weise mit dem Übersinnlichen, dass einem die Spucke wegbleibt.  

vnumberson Anna-Selina Sander

Autor: Rachel Ward
Erschienen bei: Chicken House / Carlsen
ISBN: 978-3-551-52007-4
Preis: € 13,95 Numbers bei Amazon.de

Der All Age-Knüller des Frühjahrs kommt von dem neuen Carlsen-Importlabel Chicken House, ist garantiert vampirfrei, spielt stattdessen auf eine Weise mit dem Übersinnlichen, dass einem die Spucke wegbleibt.

Was mich auf Numbers neugierig machte, war die Aussage einer Kollegin, das ganze Buch sei ihr durch das Ende vermiest worden. Nach zwei atemlosen Tagen kann ich diese Aussage aus vollem Halse widerlegen – es hat mich schlichtweg umgehauen, und zwar so, dass mir noch immer die Knie schlottern, wenn ich nur daran denke.

In Numbers geht es um die 15 Jahre alte Jemma , die eine seltsame Gabe hat: Sie kann beim Blick in die Augen eines anderen Menschen dessen Todesdatum sehen. Die Zahlen erscheinen in ihrem Kopf und bisher haben sie immer gestimmt. Ihre Mutter starb an einer Heroinüberdosis, als Jem sieben war, und seitdem wird Jemma durch Pflegefamilien gereicht. Sie ist das, was man wohl gerne als Emo bezeichnet wird, und sie hat guten Grund dazu. Niemandem hat sie bisher sein oder ihr Todesdatum verraten, es würde ihr ohnehin keiner glauben. Und da sie die Konfrontation mit dem Tod anderer Menschen ihr Leben lang aushalten musste, war sie nie dazu in der Lage, enge Bindungen zu knüpfen – wer würde ihr das übelnehmen? Schließlich ist sie ganz und gar zur Einzelgängerin geworden.

Plötzlich taucht Spinne in ihrem Leben auf, der nur noch drei Monate zu leben hat – das ist von Anfang an klar. Und da die Zahlen immer stimmen, kann es für ihn nur ein einziges Ende geben, auch wenn er der erste Mensch ist, zu dem Jemma Vertrauen aufbaut. Doch eines Tages geraten Jem und Spinne in einen Terroranschlag, den Jemma auf ihre Art vorausgesehen hat. Sie können sich in letzter Minute retten, doch ist jetzt die Polizei hinter ihnen her. Wer sind die beiden Jugendlichen, die Minuten vor dem Anschlag vom Tatort geflohen sind?

Ein unfreiwilliger und aussichtsloser Roadtrip in gestohlenen Autos ist vorerst der einzige Ausweg. Jem und Spinne wollen in einen kleinen Ferienort an der Westküste, um dort unterzutauchen. Währenddessen tickt die Uhr. Schließlich sind es nur noch vier Tage bis zu Spinnes Todesdatum, und ausgerechnet da werden beide getrennt…
Die Zahlen stimmten immer. Hat es Sinn, sich zu fragen, ob Spinne gerettet werden kann? Man tut es unwillkürlich, denn natürlich verlieben sich die beiden ineinander, was für Jemma, die sich nie einem Menschen öffnen konnte, eine völlig neue Situation ist. Man will ein besseres Leben für die beiden, und gleichzeitig scheint der Wunsch danach so sinnlos.

Der Kopf rast parallel zum Lesen, die Gedanken und Theorien um den Ausgang der Geschichte und die Philosophie, die sie transportiert, überholen und verdrängen sich gegenseitig – Lost-Fans werden das sicherlich wiedererkennen. Will man wirklich wissen, wann man stirbt? Kann man das Schicksal abwenden? Ist Jemma selbst womöglich der Todesengel, die „Zeugin“, die die Zahlen erst wahr macht? Grundlegende Fragen, die in Geschichten immer wieder auftauchen, und Rachel Ward komprimiert sie auf eine drängende und dramatische Weise, so dass man beim Lesen kaum Luft holen kann. Immer wieder hat man diese Fragen schon durchexerziert, aber eine eindringlichere literarische Verarbeitung ist mir noch nie begegnet.

Das Ende schließlich… verrate ich natürlich nicht. Es ist schlüssig, es ist plausibel, und es lässt einen zurück wie nach einem Schlag mit der Keule, und einiges steht plötzlich in einem völlig anderen Licht. Mir stand im Laufe der letzten Seiten mehrfach der blanke Hans in den Augen. Der Abschluss erinnert mich an Christopher Nolans Filme oder an H.P. Lovecraft – alles ändert sich noch einmal mit dem allerletzten Satz. Es beschließt einen rasanten, dunklen und sehr emotionalen Jugendroman, der sich einmal mehr mit dem Tod beschäftigt. Schon im letzten Jahr sind viele Jugendbücher mit diesem Grundthema erschienen, sei es nun verpackt als Vampirromanze, als Engelsdrama oder als urbane Fantasygeschichte, in der die Titelfigur eine ähnliche Rolle wie Jemma einnimmt. Rachel Wards Debüt nimmt dabei einen der vordersten Plätze ein. Wer wirklich mal einen richtig guten, knallharten Denkanstoß ohne Geschnörkel und Kitsch möchte, dem sei gesagt, dass Numbers jeden Euro wert ist. Ihr werdet dieses Buch nie vergessen.

Text Copyright Anna-Selina Sander 2010

Cover Copyright Chicken House / Carlsen
 
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