USA (2008)
Regie: Frank Miller, Drehbuch: Frank Miller, Kamera: Bill Pope, Musik: David Newman, mit: Gabriel Macht, Samuel L. Jackson, Jaime King, Eva Mendes, Scarlett Johannson erschienen bei: Sony Pictures
Frank Miller ist verrückt geworden. Aber das ist nun beileibe keine neue Feststellung. Schon sein The Dark Knight Strikes Again zu Beginn des neuen Jahrtausends war eine Übung in systematischer Selbstzersetzung – eine fiebrige, manische, oft nur skizzenhafte Dekonstruktion einer früheren Inkarnation von Frank Miller. Wir wissen alle, welchen Frank Miller ich meine – den, der den Weltekel und die Gossenromantik des Hardboiled-Romans in den Mainstream-Comic gebracht hat, und der die Superhelden als einer der ersten kompromisslos politisch gesehen hat. Schon damals hatte Miller aber einen kuriosen Hang zum Spiel mit dem Feuer. Er überstrapazierte Genre-Konventionen und gab sie der Lächerlichkeit preis; suhlte sich schamlos in seiner Faschismus-Obsession; und verweigerte sich hartnäckig einer Dramaturgie, die man „geschlossen“ oder „sorgfältig“ nennen könnte.  Jetzt hat er einen Film namens The Spirit gemacht, der mit Will Eisners legendären Comics aus den späten 1940er und frühen 1950er Jahren praktisch nichts zu tun hat. Kommt man darüber hinweg – und so schwierig ist das gar nicht – stellt sich automatisch die Frage: mit was hat der Film überhaupt etwas zu tun? Während die Film-Industrie gerade in The Dark Knight mit heiligem Ernst versucht, den 1980er Frank Miller zu reproduzieren, macht der echte Miller einen Film, der sich fast schon obsessiv über die eigene künstlerische Vergangenheit kaputt lacht. Typische Zuschauerreaktion: ein dilettantisches Desaster.
Das stimmt natürlich. Was dabei aber niemand so recht zugeben mag: der Wahnsinn hat Methode. The Spirit scheint völlig bewusst als eine Art Anti-Film angelegt, in dem nichts, wirklich nichts kohärent zusammenläuft. Mal scheint Miller seine Figuren plump im Dialog zu psychologisieren („Sie hat einen Elektra-Komplex“ - an und für sich natürlich schon eine Selbstparodie); aber dann lässt er diese Theorien wonnevoll ins Nichts laufen. Mit ähnlicher Dreistigkeit wird gleich zu Beginn der Macguffin der Geschichte als vollkommen lächerlich ausgewiesen – warum sonst findet sich der mythologische Schatz völlig erklärungslos in einem brackigen Tümpel? Und so weiter, und so weiter: Gabriel Macht als „The Spirit“ monologisiert ständig schwülstig über sein hocherotisches Verhältnis zu „seiner Stadt“. Aber da ist gar keine Stadt, nur ornamentaler Ästhetizismus aus dem Computer. Und Sam Jackson erschafft einen Kopf ohne Rumpf. Er ist einfach nur auf einem Fuß montiert, und freut sich hüpfend des Lebens. Kurz davor ist Hollywoods African American-Tausendsassa zusammen mit Scarlett Johansson in SS-Uniform aufgetreten.  Nein, nein, dieser Film wollte nie ein zweites Sin City oder gar ein Dark Knight Returns sein. Nichts ist hier ernst gemeint. Es soll gar keine Geschichte erzählt werden. Aber warum? Und zu welchem Zweck? Warum sollte jemand die gerade begonnene (und wahrscheinlich schon wieder beendete) Hollywood-Karriere derart kunstvoll in den Sand setzen? The Spirit gibt uns ein Rätsel auf – ein (auto-)biographisches, ein ideologisches, ein narratives - das zu lösen beileibe mehr Spaß macht als den Film einfach nur auf das vermeintliche Unvermögen Millers zu reduzieren. Und mit dessen Lösung wir wohl auch noch eine Weile zu tun haben werden. Wenn man sich nicht an dieser zugegebenermaßen etwas arg akademischen Schnitzeljagd beteiligen möchte, kann man trotzdem durchaus Spaß an diesem Monster von einem Film haben. Indem man sich zurücklehnt und den Miller'schen Irrsinn einfach genießt. Frank ist nicht ganz bei sich. Und dabei ist er ganz und gar bei sich.
Text Copyright Jochen Ecke 2009 Bilder Copyright Sony Pictures
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