System: Xbox360, PS3
Japan (2009) Entwickler: Capcom Erschienen bei: Capcom Preis: ca. 55 Euro Street Fighter IV bei Amazon.de (Xbox360) Street Fighter IV bei Amazon.de (PS3) EIN INTERVIEW MIT STREET FIGHTER IV-PRODUZENT YOSHINORI ONO FINDET IHR HIER
Jetzt ist es also so weit. Da wartet man gerade mal zehn Jahre und schon kommt von Capcom eine richtige, echte neue Street Fighter Episode. Und letzten Endes ist es wieder wie damals bei Mega Man 9. Zu den großen Zeiten der Serie, als Sequels, Spin-Offs und Updates allgegenwärtig waren, hätte so ein Sequel den Fankreis erfreut, wäre von der Masse der Käufer dann ignoriert und von der frustrierten Fachpresse mit ordentlich Häme bedacht worden. 2009 sieht das freilich anders aus: Die Street Fighter Reihe ist vom zweimonatlich aufschlagenden Redakteursnerver Marke "Wer gibt sich schon mit langweiligen 2D-Spielen ab wenn Tomb Raider 4 wartet?" zum nostalgisch wahrgenommen Exoten geworden, der mit offenen Armen begrüßt wird. Denn bei allen spielerischen und künstlerischen Qualitäten dürfen wir bei Street Fighter 4 eines nicht vergessen: Die Capcom-Truppe weiß genau was sie tut, man merkt dem Spiel an, dass es ganz genau weiß, wie die Nostalgiekarte auszuspielen ist und was die Schlüsselreize der alten Fans sind.
2009 sind aber nicht nur die Spieler und die Presse bereit für die große Street Fighter Rückkehr, auch das Medium selbst ist jetzt so weit. Vorbei sind die Zeiten als alles komplett 3D sein musste, als die Bewegung in den Raum das größte aller Ziele war. Vorbei ist auch die Zeit, als man blind dem vermeintlichen Ideal des "Realismus" hinterherhechelte. 2009 darf man wieder auf bunte Farben, Comicoptik, expressive Mimik und ausladende Gestik setzen. Und genau das tut Capcom: Noch nie waren Figuren in einem polygonalen Kampfspiel mit einer derart ausdrucksstarken Mimik gesegnet, in diesem Punkt hat es Capcom tatsächlich geschafft mit dem Charme der klassischen 2D-Optik gleichzuziehen - ein Punkt, den bisher kein anderer Polygon-Prügler so überzeugend liefern konnte. Soul Calibur 4 ist prächtig anzusehen, die Mimik der Figuren fällt während des Kampfes allerdings so gut wie nicht auf. Zudem setzt Street Fighter IV in bester 2D-Manier auch kein Stück auf Realismus. Hohe, schnelle Sprünge, Feuerbälle, Sonic Booms und all die anderen klassichen Manöver die im realistischen 3D-Look einfach nur albern aussähen haben durch den brillanten Grafikstil ihre ganze Wucht und Unmittelbarkeit behalten. Das bringt dann richtige Dynamik ins Spiel. Tatsächlich lehne ich mich mal so weit aus dem Fenster und behaupte: Street Fighter 4 ist der erste Prügler der es tatsächlich geschafft hat, Spielbarkeit und Dynamik eines 2D-Titels ohne Verlust mit Polygonen zu schaffen - eine Aufgabe, an der frühere Anwärter wie Street Fighter Ex oder The King of Fighters: Maximum Impact trotz unbestrittener Qualitäten letztendlich gescheitert sind.
Und dann wollen wir den reinen Spaßfaktor natürlich nicht außen vorlassen: All die grafische Leistung und die Akribie beim Finden der richtigen Spielbarkeit wäre ja hinfällig, würde das klassische Street Fighter II-Prinzip heute keinen Spaß mehr machen. Aber tatsächlich, die im Vergleich zu den letzten Alpha-Spielen und den drei hochkomplexen Street Fighter III-Episoden zurückgefahrenen Features - es gibt weder Air-Blocks, noch Parry, -isms oder Alpha-Counter - bringt das Spiel zurück auf ein Niveau das auch Neueinsteigern oder Veteranen mit langer Auszeit einen extrem flotten Einstieg ermöglicht. Das soll natürlich nicht heißen, Street Fighter IV brächte nichts Neues auf den Tisch oder sei gar anspruchslos: Die neuen Elemente - Focus-Attacken und die Revenge-Leiste - bringen kleine, aber feine Modifikationen in den klassischen Spielablauf und erlauben schnell neue taktische Möglichkeiten. Ein Großteil der Protagonisten mag bekannt sein, die Spielbarkeit ist dagegen frisch und unverbraucht. Neben den 12 bekannten Kampfkünstlern und einer handvoll freispielbarer Veteranen aus Super Street Fighter II und der Alpha-Reihe führt Capcom Insgesamt sechs neue Charaktere ins Feld: Die vier Neuzugänge El Fuerte, Abel, Crimson Viper und Rufus, den neuen Endgegner Seth und einen weiteren Kämpfer der seine Ursprünge in einem Übersetzungsfehler und einem legendären Aprilscherz der kürzlich verschiedenen EGM hat. Schnell fällt auf: Viele der neuen Figuren sind ziemliche Paradiesvögel und könnten optisch eher aus den SNK-Studios kommen als aus dem Hause Capcom, insbesondere Crimson Viper und Rufus fallen in diese Kategorie. Aber tatsächlich fügen sich die Neuen gut ins Gesamtbild ein, bringen interessane Kampfstils mit sich und sorgen für die nötige Abwechslung zwischen Blanka, Zangief und Guile. Bis auf Endgegner Seth: Mit hektischen Teleportmanövern, einem fast nicht blockbaren Revenge-Move und teilweise fast schon absurd hohen Prioritäten bei seinen Attacken fallen Kämpfe gegen Seth oft arg frustig aus und fühlen sich durchaus gelegentlich mal eher nach einem Glücksspiel an. Aber gut, das schreiben wir jetzt nach einer Woche intensivem Spiel - ich will nicht ausschließen, dass Seth mit weiterer Street Fighter IV-Erfahrung die Zähne gezogen werden und der Kampf gegen ihn zur Routine wird. Man wird sehen...
Ohne jeden Zweifel vorbildlich ist die Präsentation von Street Fighter IV. Hier wird deutlich, mit wie viel liebe zum Detail die Entwickler tatsächlich zu Werke gingen. Anstatt generischer Standardsätze beim Sieg hat jede Figur für jeden Kontrahenden einen eigenen Kommentar parat - ein großes Plus an Personality ist das Ergebnis.Gleiches gilt für die animierten Vor- und Abspänne. Klar, die sind oft albern sind auch technisch nicht unbedingt auf Kino-Niveau. Aber sie passen einfach zum comichaften, seifenopernmäßigen Street Fighter-Universum und sorgen allemal für ein Grinsen nach anstrengenden Bosskämpfen. Auch an freispielbaren Extras mangelt es nicht: Artworks, Skizzen und ähnliches belohnen ausführliche Beschäftigung mit Arcade- und Herausforderungsmodus - da legt man gerne noch ne weitere Session ein. Sollte jetzt immer noch Unklarheit herrschen, ob man jetzt Street Fighter IV kaufen soll, dann können wir nur Folgendes raten: Holt's euch. Klar, viele haben alte Beat´em Up-Zeiten hinter sich gelassen. Aber Street Fighter IV ist nicht nur eine spielerische und künstlerische Glanzleistung, es ist vor allem eine verdammt gute Zeitmaschine zurück in die 90er, als man gemeinsam vor dem Fernseher saß und sich abwechselnd mit den damals noch acht World Warriors gegenseitig auf die Mütze gab. Und vielleicht ist es dadurch auch genau das, was so manchem gestressten Spieler heute mal gut tun würde. Text Copyright Thomas Nickel 2009 Bilder Copyright Capcom |