USA (2009) Regie: Zack Snyder, Buch: David Hayter, Alex Tse, Vorlage: Alan Moore, Dave Gibbons, Kamera: Larry Fong, Musik: Tyler Bates, Schnitt: William Hoy, mit: Jackie Earle Haley, Malin Akerman, Billy Crudup, Matthew Goode, Jeffrey Dean Morgan, Patrick Wilson Watchmen bei Amazon.de Befreien wir uns zu Beginn ein wenig von kritischen Vorurteilen: Entgegen der landläufigen Meinung ist Zack Snyders schmales filmisches Oeuvre nicht nur von der Frage bestimmt, in welchen Stoffen das Potential für möglichst viele Zeitlupenaufnahmen steckt. Im Gegenteil, spätestens mit seinem dritten Langfilm lässt sich der Finger auf ein Muster legen, einen Themen-Cluster, der Snyders Arbeiten kennzeichnet. Was haben Dawn of the Dead, 300 und Watchmen gemeinsam, jenseits der offensichtlichen Geek- und Nerd-Konnotationen, die Genrearbeiten und Comic-Verfilmungen mit sich bringen? Es sind Filme über isolierte Gruppen von Menschen, die in einer Extremsituation ganz grundlegende gesellschaftliche Problematiken durchspielen müssen; Filme dabei, in denen das Individuum nie unpolitisch oder isoliert gedacht wird. Alle drei handeln zudem vom Scheitern eben dieser Gesellschaftsminiaturen. Das gilt auch und insbesondere für 300, in dem der Triumph der Spartaner überdeutlich als ein rein ästhetisch-ideologisches Gelingen gezeigt wird. Das gewaltsame Ableben der „Helden“ ist ein Sieg nur in der überkandidelten propagandistischen Repräsentation, in der unzuverlässigen Erzählung, die jede Einstellung verzerrt, ideologisch auflädt und so erst recht ihre Widersprüche offenlegt. Die Bilder von 300 zeigen die Spartaner als ebenso rassistisch wie freiheitsliebend und idealistisch, ebenso offen homophob wie unterschwellig schwul, und vor allem versessen auf schöne Körper und ihre Zerstörung – sowohl des Körpers der Feinde wie auch des eigenen. Nun ist allerdings streitbar, ob Snyder die Verhandlung ideologischer Widersprüche in 300 wirklich geglückt ist. Betrachtet man die Rezeption des Films bei Publikum und Kritikern (die erzählerische Brechung wurde dort praktisch nicht wahrgenommen, so offensichtlich sie in jeder einzelnen Einstellung des Films auch sein mag), aber auch einige unglückliche inszenatorische Entscheidungen im Film selbst, darf das durchaus bezweifelt werden. Unzweifelhaft ist aber, dass Snyder mit seinem neuen Film am Ziel angelangt ist. In Watchmen gelingt ihm nicht nur das Kunststück, den als „unverfilmbar“ berüchtigten Comic grandios zu adaptieren. Zum ersten Mal schafft er es hier auch, sein großes Thema von der Miniaturgesellschaft konsequent zu Ende zu denken. Das liegt natürlich einerseits daran, dass er mit Alan Moores und Dave Gibbons’ Graphic Novel die denkbar geeignetste, weil bisher sicher komplexeste und durchdachteste Vorlage hatte. Obwohl Snyder in seiner Verfilmung deutlich seine enorme Verehrung und Treue zum Comic ausstellt, kann man aber andererseits trotzdem nicht von der sklavischen Imitation sprechen, die seinen Watchmen von vielen Kritikern attestiert (und teilweise angekreidet) wird. Snyder hat aus Moores und Gibbons’ Watchmen nicht nur einen Film gemacht; er hat aus dem Comic auch seinen Film gemacht.  In 300 war Snyder im Umgang mit dem Comic von Frank Miller vor allem darauf bedacht, der visuellen Umsetzung gerecht zu werden. Zuvorderst den Leseprozess eines Comics versuchte er dort immer wieder zu imitieren, erarbeitete Mittel, die Gleichzeitigkeit, den simultanen Eindruck einer unveränderlichen Comic-Seite in der unbedingten Zeitlichkeit des Mediums Films umzusetzen oder sich diesem Ideal zumindest anzunähern. Damit bereicherte er die Filmsprache zwar formal und affektiv – eine phänomenale Achterbahnfahrt war 300 in jedem Fall –, aber die intermediale Trickkiste des Regisseurs war inhaltlich nicht immer ergiebig. In Watchmen trägt Snyder seinem Hang zur filmischen Kirmes nach wie vor Rechnung. In den meisten Fällen zeitigt das atemberaubende Resultate, vor allem, weil Snyder lieber in Bildern schwelgt, als schnell zu schneiden, lieber in Zeitlupe auf einer schönen Komposition verweilt, als mit den Mitteln der Montage ziel- und wahllos Dynamik als Selbstzweck auszustellen. Kein Zweifel: der junge Regisseur hat außergewöhnliches visuelles Talent. Bisweilen hat Snyders Tendenz zum Bombast aber auch eher befremdliche Konsequenzen. Ob es beispielsweise wirklich nötig war, im bedrückenden Finale des Films die Moore’schen Dialoge mit eher drögen Prügeleien zu unterlegen, darf bezweifelt werden. So selten die Ausflüge des Films in die Gewöhnlichkeit auch sein mögen, so ärgerlich sind sie doch. Von solchen Ausnahmen abgesehen, stellt Snyder aber seine inszenatorischen Fähigkeiten und die beeindruckende Postproduktions-Maschinerie Hollywoods hier nicht nur in den Dienst des Spektakels, sondern in den des Subtextes.
 Diese Festellung lässt sich aber nicht einfach so ohne weiteres untermauern, ohne herauszuarbeiten, welches Wagnis Snyder mit seiner Verfilmung von Watchmen überhaupt eingeht. Die inszenatorische Herausforderung, die der Comic an das Medium Film stellt, könnte größer kaum sein. Die formal äußerst rigide Seitengestaltung der Graphic Novel – meist neun gleichförmige Panels auf einer Seite – erzählt nämlich nicht nur konventionell-sukzessive von Panel zu Panel eine Geschichte, sondern verlangt vom Leser auch, a-sequenziell zu denken, Panels als Repräsentation nicht nur dieser spezifischen Geschichte zu betrachten, sondern als Repräsentation von Geschichte an sich; als Darstellung von ideologischen Strömungen, Ideen, Konzepten. So wird Watchmen, der Comic, zu einer Art begehbarem Museum und summarischer Kritik (aber auch Feier) des amerikanischen Superheldenepos, ein riesiges, zeitloses imaginäres Gebäude. Am Offensichtlichsten ist dabei, dass Moore und Gibbons die Superhelden selbst als Vertreter unterschiedlichster sozialer und politischer Richtungen anlegen, die sie gegeneinander ausspielen. Einige Beispiele, nur knapp skizziert: den Vigilanten Rorschach zeichnet Moore als faschistoiden Fanatiker, der im Angesicht der gesellschaftlichen Ineffktivität von Selbstjustiz die Bestrafung von Verbrechern nur noch als Selbstzweck, als von jeder Moral isoliertes Prinzip betreibt; die pensionierten Superhelden Nite Owl und Silk Spectre dagegen kann man als Vertreterfiguren der unterschiedlichsten Formen unterschwelliger Sexualisierung im Superheldencomic sehen. Aber nicht nur Figuren sind in Watchmen, dem Comic, ideologisch relevant: der Leser wird bombardiert mit allen möglichen Textsorten, Symbolen, Metonymien, Symmetrien, intertextuellen Verweisen.
 Unmöglich für einen Film, das alles umzusetzen. Snyder und seine Drehbuchautoren mussten also zwangsläufig die Schere ansetzen und den umfangreichen Comic zusammenkürzen. Dabei haben sie es geschafft, die wichtigsten relevanten Punkte zu erhalten und in ihren Film zu integrieren – auch Watchmen, der Film, ist im Kern eine revisionistische Superheldengeschichte, die die Konventionen des Genres zugleich dekonstruiert und hochleben lässt. Nicht nur diese präzise thematische Umsetzung gelingt dem Film: Snyder schafft es auch, die formale Gestaltung des Comics filmisch nachzuempfinden, wenn auch mit völlig eigenen Mitteln. Am Besten lässt sich Snyders Technik als eine Art Kreisen um bestimmte Figuren und Ereignisse beschreiben, die meist in ihrem Symbolcharakter immer weiter aufgeladen werden. Um die Beerdigung des ermordeten Superhelden Comedian beispielsweise, die zunächst als Leerstelle erscheint, weil der Zuschauer einfach zu wenig über die Figur weiß, spinnt Snyder in unzähligen Rückblenden ein ganzes Netz an Verweisen in die Vergangenheit und Gegenwart der Protagonisten und des Ermordeten selbst, kehrt dann immer wieder zu dem schwarzen Loch des Grabes zurück – ein Loch, das mit jedem Flashback ein immer mehr an moralischen Abgründen symbolisiert, mit jeder Rückblende klaffender und furchtbarer wird. Mit diesen verteufelt komplexen, beinahe schon avantgardistischen Montagen rund um bestimmte symbolische Kerne des Films herum geht Snyder ein für einen teuren Blockbuster enormes narratives Risiko ein. Während der Film in Charakterisierung, Ideologisierung und intertextuellen Verweisen schwelgt (Snyder lässt beispielsweise den kompletten War Room aus Kubricks Dr. Strangelove nachbauen), scheint gerade für Zuschauer, die den Comic nicht kennen, über lange Strecken das Ziel der Übung eher nebulös, so faszinierend die vielen Episoden und das Puzzle der Montage auch sein mögen. Das ist nicht vollends der romanhaft-epischen Breite der Vorlage geschuldet. Während in der Graphic Novel viel Wert auf die Detektivarbeit der Figuren gelegt wird – wer hat den Comedian ermordet? –, die der Geschichte das nötige narrative Drehmoment geben, scheint sich Snyder bisweilen beinahe in seinen Rückblenden zu verlieren. Nur beinahe, versteht sich, weil der Film gegen Ende grandios demonstriert, warum jeder Moment hier unbedingt notwendig für die emotionale Breitseite des Showdowns war. Insofern fügt sich hier jeder Baustein präzise in das narrative Gefüge – nur aber bei weitem nicht so von vornherein offensichtlich und vorhersehbar, wie es der gemeine Zuschauer vom amerikanischen Blockbuster sonst gewöhnt ist.
 Es bleibt also abzuwarten, wie das Publikum dieses enorme dramaturgische Experiment annehmen wird – jenseits des durch die kundigen Geeks und Nerds sicherlich erfolgreichen Startwochenendes könnte Snyder mit den äußerst ambitionierten Watchmen nämlich möglicherweise auch Schiffbruch erleiden. Es wäre zu hoffen, dass sich auch ein unkundiges Publikum von dieser mit so großem Idealismus gemachten, durchweg hervorragend besetzten Adaption mitreißen lässt. Die historische Situation könnte jedenfalls günstiger kaum sein: als Watchmen 1986 erschien, waren die Comicleser erwachsen geworden und nach Jahrzehnten klassischer Heldengeschichten erstmals bereit für Moores und Gibbons’ dekonstruktivistischen Ansatz. Das Kinopublikum hat seinerseits mittlerweile ein Jahrzehnt äußerst erfolgreicher Geschichten über ungebrochene Superhelden erlebt. Selbst Alan Moore, der so gerne über die Kino-Adaptionen seiner Comics grummelt, könnte sich ob dieser potentiellen Symmetrie in der Popkultur über zwei Jahrzehnte hinweg möglicherweise ein Grinsen nicht verkneifen.
Das ist übrigens nicht der einzige Watchmen-Artikel aus dem Gorilla-Umfeld: Unsere Kollegin Anni hat ihre Meinung auf be-inside veröffentlich (einfach dann auf "Hamburg" klicken). Text Copyright 2009 Jochen Ecke Bilder Copyright Paramount Pictures International Germany |