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Gorilla des Monats

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Neil Gaiman – Das Graveyard Buch

graveyarderschienen bei: Arena
ISBN: 978-3-401-06356-0
Preis: € 16,95 Das Graveyard-Buch bei Amazon.de

Gleich zu Beginn des Buches wird ein kleiner Junge im Säuglings- bis Kleinkindalter um seine Familie gebracht, die von einem übermächtigen Killer namens Jack ausgelöscht wird. Der Kleine jedoch überlebt, kann sich krabbelnderweise (was mit einer ganzen Menge Glück einhergehen muss, wenn man mich fragt) der Gefahr der eigenen Auslöschung entziehen und findet Zuflucht auf dem nahegelegenen Friedhof. Er wird aufgezogen von Toten und Geistern fernab der Welt, in die er eigentlich gehört, bis er eines Tages stark genug ist, um sich seinem Widersacher, der geduldig auf seine Gelegenheit wartet, allein zu stellen. Irgendwo hab ich ein ähnliches Konzept schonmal gelesen, ich glaube, es ging dabei um Zauberer.
Tatsächlich habe ich mich beim Lesen der Geschichte mehr als einmal an das Harry Potter-Universum erinnert gefühlt. Bei genauerem Hinsehen tun sich zwar Unterschiede auf, aber dennoch ist die Rahmenerzählung irgendwo zwischen Potter und auch dem Dschungelbuch von Rudyard Kipling einzuordnen. Dass das Buch durchaus als eine Hommage an letzteren zu verstehen ist, impliziert ja bereits der Titel.

Dennoch hat das Buch natürlich seine eigenen Qualitäten. Das kleine Universum des Friedhofs, auf dem der Junge aufgezogen wird, wird im Laufe des Buches immer größer und hält immer mehr Überraschungen und Gefahren für den bereit, der nicht bloß zwischen den Gräbern spazierengeht. Der Junge erhält von seinen Zieheltern, dem bereits vor bummelig hundert Jahren verschiedenen Ehepaar Owens, den Namen Nobody, kurz Bod. Bod Owens lernt die Geister von Menschen kennen, die in den unterschiedlichsten Epochen gelebt haben, passt sich ihrer Sprache und ihren Sitten an, um mit ihnen zu kommunizieren, lernt sogar, sich unsichtbar zu machen.

Wer ihm allerdings immer ein Rätsel bleibt, ist sein Vormund Silas, ein Mann, der weder tot noch lebendig zu sein scheint und in der Krypta der kleinen Friedhofskapelle residiert. Warum hat er so ein Interesse daran, Bod vor seinem Mörder zu beschützen, und wer ist er wirklich? Die Toten akzeptieren ihn zwar, ebenso wie Bod, als ausgewählten Ehrenbürger des Friedhofs (was von einer höheren Instanz beschlossen wird), aber er wird nie ein Mitglied ihrer Gemeinde sein. Er wird auch nicht so herzlich geliebt wie Bod, ist ein Einzelgänger und nimmt auch an Feierlichkeiten wie dem großen Danse Macabre, einer Festivität, bei der sich Tote und Lebende einmal in achtzig Jahren zu einem Tanz begegnen, nicht teil.

Bod entwickelt durch seine Zeit im Reich der Geister eine schwer zu begreifende Persönlichkeit, er betrachtet die spökige Welt um ihn herum mit trockener Nüchternheit, entlarvt bloße Angstmache sofort als Mumpitz, erkennt aber auf der anderen Seite sofort, wenn wirkliche Gefahr droht und wie er sie sich zunutze machen kann. Gleichzeitig hat er einen starken Gerechtigkeitssinn, setzt sich über Grenzen wie Aussätzigkeit hinweg, als er die Hexe Liza kennenlernt, die auf dem gottlosen Teil des Friedhofs ihr Dasein fristen muss, obwohl sie durchweg eine liebenswerte Person ist.

Aber Bod zieht es irgendwann auch hinaus in die Welt außerhalb der schützenden Friedhofsmauer. Schließlich ist er doch irgendwie ein normaler lebender Junge, aber da er das wirkliche Leben in der Gesellschaft anderer Lebender nie kennengelernt hat und nicht weiß, wie er sich zu verhalten hat, bringt er sich ein ums andere Mal in Gefahr, aus der ihn seine (un)toten Freunde retten müssen. Schließlich wandert da draußen noch immer der Mörder namens Jack herum, der keinesfalls geschlafen und die Sache vergessen hat...

Die Ausarbeitung dieses Geisteruniversums auf dem Friedhof ist die größte Stärke des Buches, und wohl auch die selbst auferlegte Hauptaufgabe Gaimans, erkennbar daran, dass alle für die Story wichtigen Ereignisse, die außerhalb des Friedhofs passieren, nur kurz angeschnitten werden, obwohl sie eigentlich viel zu interessant sind.

Das schöne an Kinderbüchern und der Phantastik ist ja, dass man als Autor getrost alles auf den Kopf stellen kann, ohne dass es einem jemand ankreidet. Hier hat er eine ganz eigene Gesellschaft entwickelt, die in sich selbst funktioniert und sich auch nie in Frage stellt. Sagen „lebende“ Eltern ihren Kindern, nicht mit Fremden mitzugehen, so soll Bod sich vor Ghulen in Acht nehmen. Was dem einen die Hauptverkehrsstraße als Gefahrenquelle ist, das ist dem anderen der lange verschlossene Keltengrabhügel am Ende des Friedhofs, in den man unter keinen Umständen reingehen sollte. Der Tod ist hier keinesfalls das Ende, im Gegenteil, und Bod wandert zwischen den Grenzen hin und her.

Dass das ganze als Kinderbuch konstruiert wurde, sollte tatsächlich nicht außer Acht gelassen werden, und als solches funktioniert Das Graveyard Buch ganz wunderbar. Ein bisschen Grusel ist am Anfang dabei, aber man hat sich als junger Leser schnell in diesen Kosmos aus Geistern, Werwölfen und was da noch so kreucht und fleucht hineingefunden und sieht ihn als selbstverständlich an. Auch eingefleischte Gaiman-Fans werden um das Buch nicht herumkommen, aber es ist, das sei deutlich gesagt, kein atemberaubendes Monster wie seine großen phantastischen Romane.

Text Copyright Anna-Selina Sander 2009

Cover Copyright Arena
 
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