Autor und Zeichner: Guy DelisleErschienen bei: Reprodukt Preis: 18€ Pjöngjang bei Amazon.de Guy Delisle dürfte bisher wohl nur wenigen Lesern hierzulande bekannt sein, französischen Lesern aber ist er durchaus ein Begriff und in der dortigen Popkultur fest verankert, arbeitet der ursprünglich aus Quebec stammende Zeichner und Autor doch seit fast zwanzig Jahren im südfranzösischen Montpellier. Trotz seiner inzwischen europäischen Basis ist der Frankokanadier im Grunde aber ein Kosmopolit, der einerseits durch seine Frau, die bei den Médecins Sans Frontières arbeitet, andererseits durch seine eigene Tätigkeit im Animationsbereich weit mehr von der Welt und speziell vom Kontinent Asien gesehen hat, als die meisten Zeitgenossen sehen werden und vielleicht sogar sehen wollen. Oft erst nach seinen Aufenthalten in jenem unbekannten Asien bedient sich Delisle dem Medium des Bande Dessinée, um seine Leser an ebenso skurrilen wie faszinierenden Erfahrungen teilhaben zu lassen. Delisles Stil bleibt dabei stets einfach, ja sogar schemenhaft, was sein Gefühl und das des Lesers unterstreicht, häufig einer völlig fremden Welt ausgeliefert zu sein. Dabei wird allerdings immer eine ironische Distanz zum Geschehen gehalten, so finden sich viele Kommentare und Fußnoten, die abseits der Handlung das Fremde aus Sicht der eigenen Kultur kommentieren. Ausladende Splashpages, die das Erstaunen unkommentiert lassen sind hingegen selten. Auf diese Weise wirken die Werke von Delisle immer komisch, zuweilen auch tragikomisch und unterstreichen so die oft als absurd empfundene erlebte Realität.  Dies trifft besonders auf Pyongyang (in Deutschland Pjöngjang) zu, das, wie der Name vermuten lässt, in Nordkorea spielt. Hier verschlägt es Delisle in das dem Westen und auch dem Rest der Welt wohl unbekannteste Land Asiens, in dem er die Abteilung für Animationsfilme des staatlichen Fernsehens beaufsichtigt. Im gesamten Land herrscht erwartungsgemäß eine Atmosphäre der ständigen Überwachung, so kann Delisle beispielsweise sein Hotel nicht ohne Dolmetscher und Fremdenführer verlassen und wird akribisch von den Einheimischen abgeschirmt. Er lebt in einer Art Enklave, aus der er seine Erlebnisse mit anderen Ausländern in einem der repressivsten Staaten der Welt mit zuweilen fratzenhafter Komik schildert. Dabei bleibt dem Leser im Bewusstsein der Ignoranz und der Menschenrechtsverletzungen Nordkoreas immer wieder das Lachen im Hals stecken, wodurch Pyongyang eben jene tragikomische, ja sogar absurde Note erhält. In einem Land, in dem das gesamte Leben scheinbar zu einem blutleeren und klinisch reinen Propagandaschauspiel geworden ist, wird auch Delisle zunehmend paranoider und unterstreicht seine Gefühle mit der Lektüre des nicht ohne Angst ins Land gebrachten Romans 1984 von George Orwell. Blockiert von bürokratischen Hürden und umgeben von Opfern der Propaganda, versucht er immer wieder, während und neben seiner Arbeit mit Hilfe der globalen Popkultur Kontakt zu den wenigen Nordkoreanern in seiner abgeschirmten Welt herzustellen, wird aber stattdessen mit akribisch vorbereiteten Pflichtausflügen abgespeist.
 So ist Pyongyang zwar im Grunde eine bedrückende Lektüre, bringt den Leser aber ungeachtet aller moralischer Bedenken immer wieder zum Lachen. Es gelingt Delisle über die ironische Distanz, die traurige Lebenswirklichkeit einer ganzen Nation irgendwo zwischen Globalisierung und Steinzeitkommunismus so darzustellen, dass sie vor allem eines ist: unterhaltsam. Wer dem Autor folgen will, sollte dies natürlich zuallererst mit dem französischen Original von Pyongyang bei L’Association tun, kann Delisle mangels entsprechender Französischkenntnisse aber auch auf Deutsch beim Verlag Reprodukt nach Nordkorea begleiten.
Text Copyright 2008 Michael Steber Cover, Artwork Copyright Guy Delisle |