Autor/Artwork: Jiro Taniguchi Erschienen bei: Carlsen ISBN: 3551777799 Preis: 19,90€ Vertraute Fremde bei Amazon.de Jiro Taniguchi ist in westlichen Gefilden und selbst auf dem deutschen Markt kein Unbekannter mehr, hat er sich doch mit seinen dichten Werken irgendwo zwischen klassischem Manga und frankobelgischem Bande-Dessinée einen Platz im Herzen der Leser erarbeitet. An dieser Harmonie westlicher und östlicher Comickunst liegt es vielleicht auch, dass Taniguchi speziell in Frankreich sehr geschätzt wird und er sogar schon laut darüber nachgedacht hat, nach Paris zu ziehen. Daher verwundert es nicht, dass sein wohl kompletteste Arbeit Vertraute Fremde als erstes japanisches Werk überhaupt einen Preis auf dem Festival International de la Bande Dessinée im französischen Angoulême gewinnen konnte. Trotz der zuweilen europäisch wirkenden Ästhetik seiner Werke bleibt Taniguchi stets ein zutiefst japanischer Autor, der dazu in der Lage ist, dem modernen Alltag seine längst verlorengeglaubte Magie auf eine ganz eigene, kontemplative Weise zurückzugeben. Hier steht nicht immer die Handlung im Vordergrund, vielmehr lädt Taniguchi den Leser ein, bei scheinbar nebensächlichen Details zu verweilen und steht so dem Zen-Buddhismus und seiner konzentrierten Wahrnehmung des Augenblicks nahe. Immer wieder wird das Vergehen von Zeit ohne menschliches Einwirken dargestellt, was den Menschen aber nicht als machtlosen Statist zurücklässt, sondern ihn vielmehr als Teil des harmonischen Ganzen Glück empfinden lässt.  Diese für Taniguchi typischen, ruhenden Charakteristika werden durch die Handlung seines Werkes Vertraute Fremde nicht etwa verwässert, sondern sogar unterstützt. Erzählt wird die Geschichte eines Salaryman, jene für die japanische Gesellschaft typischen Angestellten, die sich nach einer vielleicht rebellischen Jugend letztendlich doch in die zermürbende Arbeitswelt eingefügt haben. Als Hiroshi versehentlich, aber doch symbolträchtig statt des Hochgeschwindigkeitszugs Shinkansen in die Hauptstadt Tokyo einen falschen Zug in seinen Heimatort nimmt, reist er nicht nur oberflächlich in ein längst vergessen geglaubtes Japan: an einem buddhistischen Friedhof, einem Ort der Vergänglichkeit also, verliert er das Bewusstsein und findet sich im Japan der Sechziger Jahre wieder. Dadurch bekommt er die Möglichkeit, seine Jugendzeit mit der Lebenserfahrung und den Fähigkeiten eines Erwachsenen noch einmal zu leben und Einfluss auf seine zerbrochene Familie zu nehmen. Vertraute Fremde beschreibt also das neue alte Leben eines überdrüssigen Mannes, in dem trotz einiger komischer Elemente die Melancholie dominiert. So sehr Hiroshi von seiner wieder gewonnenen Jugend in einem von Schule und erster Liebe geprägten Alltag auch profitiert und so sehr er auch versucht, neuen Einfluss zu nehmen, indem er zum Beispiel seinen Vater davon abhalten will, die Familie zu verlassen, so genau glaubt er letztendlich oft den Ausgang der Ereignisse bereits zu kennen und sieht sich wie bereits auf der Zugfahrt in seine Heimat dem Schicksal geradezu deterministisch ausgeliefert. In diesen Momenten spielen Taniguchis Geschichte und sein japanischer Hintergrund perfekt zusammen und kulminieren im japanischen Ästethikprinzip Mono No Aware (zu deutsch: das Pathos der Dinge): erst durch den Hinweis auf ihre Vergänglichkeit können sämtliche Gegebenheiten des Lebens echte ästhetische Perfektion erreichen. Hiroshi ist sich bewusst, dass sein Freund, der jetzt noch von Motorrädern schwärmt, in wenigen Jahren bei einem Unfall ums Leben kommen wird und lässt seinen Blick wie gelähmt in die Kirschblüten schweifen, die mit ihrer reinen Schönheit und ihrem bevorstehenden lautlosen Ableben das Prinzip des Mono No Aware ideal illustrieren. Dieses nostalgische Zusammenspiel von Ästhetik und Handlung zu Gunsten des alten Japans rückt Vertraute Fremde in die Nähe der Filme eines Yasujiro Ozu und gibt dem Werk eine ganz besondere Note, die den Leser nicht nur die zweite Jugend des Protagonisten Hiroshi gespannt verfolgen lässt, sondern ihn auch dazu bringt, sein eigenes Leben und die damit verbundenen Ereignisse und getroffenen Entscheidungen zu reflektieren. Verwandte Artikel: Review: Der Wanderer im Eis Review: Die Stadt und das Mädchen Text Copyright Michael Steber 2009 Artwork Copyright Jiro Taniguchi |