von Konrad Feldschmiderschienen bei: Schöffling & Co. ISBN: 978-3-89561-434-7 Preis: 19,90 € Corpus Delicti bei Amazon.de Manchmal ist es mir unangenehm, im Buchladen vor dem Science Fiction Regal zu stehen; ich fühle mich beobachtet: Hat der ältere Herr, der dort drüben in der sog. Literaturabteilung steht und vorgeblich in einem Buch von Thomas Mann blättert, hat der mir nicht gerade einen abschätzigen Blick zugeworfen? Verächtlich, über seine Lesebrille hinweg, um mir zu bedeuten: Junge, das ist doch keine Literatur, was da im Science Fiction Regal steht; Schund ist das, nichts als Schund! Ich versuche mich auf die Bücher zu konzentrieren, lasse den Blick über die Umschläge gleiten – nun gut, zugegeben: Es dominieren die immergleichen, etwas einfältigen Titelbilder mit dem einsamen Raumschiff und dem verlassenen Planeten drauf. Aber dafür können die Autoren doch nix! Unter der Fassade warten abwechslungsreiche, fantastische, epische, visionäre, kurz: einfach großartige Geschichten – was mir wieder klar wird, als ich ein paar der Namen lese: Asimov, Dick, Orwell, Strugazki, Wells etc. Ich weiß, dass Science Fiction kein Schund ist – nur wie macht man das dem Herren in der Literaturabteilung klar, der noch einen weiteren Wälzer aus dem Regal gehievt hat und damit in Richtung Kasse verschwunden ist? Wie holt man Science Fiction aus ihrer Nische in der hintersten Ecke des Buchladens heraus, wie erreicht man anderes Publikum, als die Genre-Fans, die schon von der Faszination der Science Fiction wissen? Hilfreich könnte sein, wenn auch Science Fiction Bücher nicht mehr abgeschieden stehen, sondern unter anderer sog. hoher Literatur. Hilfreich könnte sein, wenn auch Autoren, die aus dem Kreis der sog. hohen Literatur stammen, Science Fiction Bücher schreiben – nicht weil ihre Bücher besser sind, sondern weil ihre Bücher auch in den Feuilletons der großen Zeitungen besprochen werden und dadurch Aufmerksamkeit erregen. Und gerade das passiert im Moment häufiger: Im letzten Jahr haben Dietmar Dath – der ja schon länger für die Science Fiction kämpft – und Christian Kracht Science Fiction Romane veröffentlicht, nun legt Juli Zeh nach. Ihr neues Buch heißt Corpus Delicti und ist eine Utopie/Dystopie. Die Gesellschaft, die Juli Zeh in Corpus Delicti entwirft, ist frei von religiösen Dogmen, frei von verqueren Ideologien und einem raffenden Kapitalismus; stattdessen dient als Basis für das gemeinsame Zusammenleben ein Merkmal, das alle Lebewesen auszeichnet: der Überlebenstrieb. Und man lebt möglichst lang, wenn der Körper gesund ist. Gesundheit wird in Juli Zehs Roman also zum obersten Prinzip erklärt; sie muss erhalten, für sie muss gesorgt werden. Was der Gesundheit schadet, wird abgeschafft: Qualmende Autos und stinkende Fabriken zum Beispiel, die die gute Luft verpesten. Aber auch das: Zigaretten und Alkohol. Gesetzlich verboten ist alles, was krank macht, gesetzlich verordnet hingegen wird, was fit hält – von ausgewogener Ernährung bis Sport. Krankheit ist schließlich keine Privatangelegenheit; sie geht auf Kosten der Gesellschaft und deshalb gehört es zu den Pflichten eines jeden Bürgers, Vorsorge für seine Gesundheit zu treffen. Und damit niemand diese Pflichten vernachlässigt – etwa vergisst, sein tägliches Lauf-Pensum ab zu strampeln und stattdessen bei einem kühlen Bier faul auf dem Sofa sitzen bleibt –, damit so etwas Unverantwortliches nicht passiert, werden die Bürger vom Staat penibel überwacht. Wer die gesundheitlichen Vorgaben nicht erfüllt, wird verwarnt, bei gröberen Verstößen sogar vor Gericht geladen, wo er sich rechtfertigen muss. Das passiert auch Mia, der Protagonistin in Corpus Delicti. Ihre Leistung ist stark abgefallen und sie hat es verabsäumt, die üblichen Tests an sich durch zu führen. Zunächst tut die Richterin Sophie das als Bagatelle ab: Mias Bruder hat sich vor kurzem im Gefängnis umgebracht; er saß ein, weil er eine Frau vergewaltigt und ermordet haben soll. Dass es nicht leicht ist, diese Situation zu verarbeiten, sieht die Richterin ein. Mia aber glaubt an die Unschuld ihres Bruders und fängt an, am System zu zweifeln – wodurch sie sich Schritt für Schritt in Schwierigkeiten bringt. Es geht in Juli Zehs Roman also um die Fragen: Was ist Gesundheit? Was bedeutet es, gesund zu sein? Welche Konsequenzen könnte es haben, wenn der Mensch auf seinen Körper reduziert wird, wenn Gesundheit nur mehr körperliche Gesundheit meint? Inwieweit darf ein Staat zum Wohle der Gesellschaft in das Leben eines Bürgers eingreifen und ihn zu gesundheitlicher Vorsorge verpflichten? Die Autorin rekurriert damit auf aktuelle Debatten und spitzt sie in einem Science Fiction Szenario zu. Besonders gelungen dabei: Die Gesundheits-Gesellschaft wird nicht von vorne herein abgekanzelt; sie erscheint erst einmal nicht als das absolute Böse, man bekommt nicht das Gefühl: All die Verordnungen und Gesetze haben nur den Zweck, die Bürger zu unterdrücken; der Staat scheint tatsächlich auf das Wohl möglichst Aller ausgerichtet zu sein. In den Gesprächen zwischen den Figuren wird das Für und Wider erläutert, Argumente werden abgewogen und erst mit der Zeit zeichnen sich die großen Schwächen dieses Systems ab. Um jedoch einen falschen Eindruck zu vermeiden: Corpus Delicti ist kein trockener Traktat, den man mühsam durcharbeiten muss. Die Geschichte um Mia, welche um ihren Bruder trauert und am System zweifelt, ist zu jeder Zeit ergreifend und wird nie langatmig. Obwohl Juli Zeh sprachlich eine gewisse Distanz zu ihren Figuren hält, ist das Buch geprägt von einer melancholischen Grundstimmung, die den Leser berührt – überhaupt ist die sprachliche Umsetzung des Stoffes sehr gelungen; es gibt viele faszinierend schöne Sätze, die man sich gerne anstreicht. Juli Zeh ist mit Corpus Delicti ein ausgezeichneter Science Fiction Roman gelungen. Zwar gefallen mir die Bücher von Dietmar Dath und Christian Kracht besser – das hat aber vor allem damit zu tun, dass mir die (auf je eigene Weise) abgedrehte Art der beiden mehr liegt, als Juli Zehs melancholischer Stil. Auf jeden Fall ist Juli Zehs Roman eine Bereicherung für die Science Fiction und bringt hoffentlich dem gesamten Genre Aufschwung.Text Copyright Konrad Feldschmid 2009 Cover Copyright Schöffling & Co. |