|
von Alexander Lachwitz
Autor, Übersetzer: John A. Lindqvist, Paul Berf Erschienen bei: Lübbe Verlagsgruppe ISBN: 3404157559 Preis: 8,95 € So finster die Nacht bei Amazon.de Vampire haben es schon nicht leicht. Nicht erst seit dem Fantasy-Boom gehören sie zu den meistrekrutierten Fabelwesen auf dem Buchmarkt. Dabei sind durchaus einige sehr gelungene Adaptionen dieses Uralten Sagenstoffs herausgekommen, aber leider auch viel Massenware nach Schema F. Aber wie soll man sich dann noch aus der Menge herausheben wenn eigentlich schon jede Art von Vampir erdacht und ausgiebigst beschrieben ist?
Jedenfalls nicht indem man versucht den Mythos Vampir wieder neu zu erfinden. Dies ist schon oft genug geschehen, mit einigen Ansehnlichen, aber auch vielen Ermüdenden Ergebnissen. John Ajvide Lindqvist hat sich dafür entschieden zurück zu den Wurzeln zu gehen. Befreit vom Erwartungsdruck 'seinen' Vampir mit besonderen Eigenarten auszustatten die literarisch neu sind, hat er sich an bestehende Konventionen gehalten und sich rein auf die Charakterisierung konzentriert. Und das mit einem Ergebnis das man so nicht erwartet hätte.
So finster die Nacht zeigt die Welt aus der Sicht des Jungen Oskar. Von seinen Mitschülern gemobbt, seiner übervorsichtigen Mutter nicht verstanden, und vom trinkenden Vater vernachlässigt hat er es nicht leicht. Doch geht es ihm damit wirklich so viel schlechter als anderen Kindern? Wer wurde nicht in irgendeiner Weise gemobbt, oder hatte geschiedene Eltern? Viel mehr ist doch eine vollkommen unbeschwerte und unschuldige Jugend die Ausnahme geworden und das nicht erst seit ein paar Jahren.
Lindqvists Buch spielt im Herbst des Jahres 1981 in Blackeberg, einem Vorort von Stockholm. Wahre Begebenheiten aus der damaligen Zeit vermengt der Autor gekonnt mit der Geschichte Oskars so dass beim Leser der Eindruck entsteht hier etwas reales zu lesen, das so oder ähnlich tatsächlich passiert sein könnte. Nie wirkt die dargestellte Realität verklärt, oder zwanghaft mit einer düsteren Stimmung überzeichnet. Sie wirkt glaubhaft und nur das ahnende Wissen des Lesers dass es sich hier um einen Horror-Roman handelt, reicht aus um einen tiefgehenden Grusel zu erwecken. Alle auftretenden Figuren kämpfen mit ihren eigenen mehr oder minder großen Dämonen, wirken dabei aber nie überzeichnet oder gar theatralisch. Davon sind die gescheiterten Existenzen ebenso betroffen wie jene die ein gutsituiertes bürgerliches Leben führen können. Man kann sich in jeder Figur zu einem Stück weit selbst wieder erkennen und irgendwann wird man an den Punkt geführt wo der Übergang zwischen einem Mensch, und dem Monster welches aus jedem Menschen werden kann, nicht mehr erkennbar ist. Oskar hat am Anfang des Buches schon eine Faszination für das morbide und er flüchtet sich gerne in Fantasien in denen er sich auf brutale Weise an seinen Peinigern rächt. Ebenso sammelt er Zeitungsartikel über Mordfälle und ist ganz fasziniert an den blutigen Details. Dennoch ist er kein Unmensch, im Gegenteil. Man kann Verständnis für ihn empfinden und im Gegensatz zu anderen Figuren im Buch besitzt er ein rechtschaffenes Moralverständnis.
Dies beginnt sich ganz langsam und sachte zu ändern als Eli im Haus nebenan einzieht, zusammen mit ihrem angeblichen allein erziehenden Vater. Dieser ist, für den Leser keine große Überraschung, Elis Handlanger der ihr regelmäßig frisches Blut bringt damit sie als Vampir leben kann. So weit so klassisch.
Doch sowohl bei Håkan, Elis Handlanger, als auch Eli selbst gelingt dem Autoren eine Intensität und Glaubwürdigkeit bei der Darstellung die in ihrer Subtilität absolut herausragend ist. Håkan empfindet nichts anderes als Verzweilung über sein Leben und gleichzeitig bedingungsloser Liebe zu Eli, welche im Verlauf des Buches erschreckende Ausmaße annimmt. Wird am Anfang noch abwechselnd aus Håkan’s und Oskars Sicht das Geschehen geschildert, verschiebt sich dies immer weiter zu Oskar. Håkan dient als geschickte Einführung in Elis Welt für den Leser. Während Håkan sich immer mehr dem Ende seiner Reise nähert, befindet sich Oskar noch am Anfang.
Eli selbst ist nicht nur mit dem Körper eines Kindes, sondern auch mit dessen Verstand versehen. Im Gegensatz zu Anne Rice’s Chronik der Vampire gibt es hier keine Weiterentwicklung. Sie lernt zwar durch ihre Erfahrungen, aber ihr Verständnis für die Welt ist eingefroren. So teilt sie kindliche Freuden und Naivität zusammen mit der Gier und Kaltblütigkeit die sie braucht um zu überleben. In Oskar findet sie mehr als nur einen Spielgefährten. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Beziehung die so nur zwischen Kindern möglich ist. Nach und nach Tasten sie sich aneinenander heran, ahnend dass die Welt des jeweils anderen tödlich sein kann. Ein Spiel mit dem Feuer von dem beide aber nicht lassen können.
Man ahnt es schon. Oskar ist natürlich von Elis besonderer Art fasziniert, genauso wie er es von den grausigen Mordfällen in der Zeitung war. Trotz aller Zweifel und auch Ängste bleibt er bei ihr, doch auch Eli spürt Zweifel ob es richtig ist bei Oskar zu bleiben.
All diese Motive sind für sich genommen nicht neu. So sind auch Ähnlichkeiten zu Sheridan Le Fanu’s Klassiker Carmilla, der neben Bram Stocker’s Dracula den Grundstock aller Vampirliteratur bildet, nicht zu verleugnen. Doch Lindqvist greift sie auf, bereinigt sie von all der Patina die sie in der heutigen Zeit oft Surreal wirken lassen, und formt aus ihnen einen Thriller der nicht von Monstern, sondern von Menschen erzählt. Wie es bei gutem Horror üblich ist liegt das erschreckende im Vertrauten, im harmlos wirkenden. Man erkennt die Figuren und Örtlichkeiten aus seinem eigenen Leben wieder. Man kann sie verstehen oder verachten, aber nicht verleugnen dass es solche Menschen nun einmal gibt, man selbst vielleicht gar ein solcher ist.
Und zu erleben, zu erfahren, wie ein Mensch sich entschließt zum Messer zu greifen, selbst zum Monster wird, kann immer noch die schaurigste Erfahrung sein. Daneben verblassen fantastische Monster fast schon zu Staffage. Jeder der sich also auch nur ein klein wenig für den Vampir interessiert und der nicht zwingend eine poetisch angehauchte Romanze dafür braucht, sollte sich dieses Buch ganz oben auf die Wunschliste setzen. Es ist schön zu sehen dass im Zuge der Modernisierungen, Adaptionen, etc. auch solche Perlen dabei sind die sich zwar bei diversen Vorlagen bedienen, diese aber mit so einer Lebendigkeit zusammensetzen dass sie sich ihren eigenen Platz wirklich verdient haben. Text Copyright Alexander Lachwitz 2009 Cover Copyright Lübbe Verlagsgruppe |