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Gorilla des Monats

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The Wire

wirevon Frederik Wilhelmi

USA (2002 - 2008)

Umfang: 5 Staffeln, Buch: David Simon, Ed Burns u.a. Regie: Joe Chappelle,Ernest R. Dickersonr u.a. Darsteller: Dominic West, John Doman, Wendell Pierce, Lance Reddick, Deirdre Lovejoy, Sonja Sohn, Seth Gilliam, Clarke Peters

Erschienen bei: HBO
Preis: ab 24 € The Wire bei Amazon.de

Als Einleitung zu einer Rezension der Serie The Wire darauf hinzuweisen, dass es sich um die Lieblingsserie des 43. Präsidenten der USA handelt, ist seit kurzer Zeit geradezu üblich geworden. Dennoch sei es noch einmal schnell erwähnt, ist es doch eines der vielen kleinen Zeichen der Hoffnung, die von der aktuellen Administration ausgehen. Das entscheidende Merkmal der fünf Staffeln Wire ist nämlich, dass sich die Macher dieser epischen Abhandlung über die Drogenprobleme der Stadt Baltimore niemals mit einfachen Antworten zufrieden geben, sondern immer versuchen die Ursachen von allen Seiten zu beleuchten.

David Simon und Ed Burns, die verantwortlich sind für die Idee und einem Großteil der Folgen, bringen dabei ihre eigene Erfahrung mit ins Spiel. Simon schrieb 13 Jahre für die Baltimore Sun als Polizeireporter und Burns untersuchte als Polizist in Baltimore Drogenverbrechen und arbeitete später als Lehrer in einer Innenstadt-Schule.

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Die erste Staffel startet als eine normale Cop-Show: Auf der einen Seite die guten Cops, auf der anderen Seite die Drogen-Gang um den Kingpin Barksdale. Frustriert von der Flüchtigkeit der Organisationsstrukturen und der Bürokratie und Korruption des Police Departments, regt Detective Jimmy McNulty eine Sonderkommission an, die von nun an alles tut, um Barksdales Organisation zu Fall zu bringen. Doch die Serie bleibt nicht auf einer Seite: Auch die Gangmitglieder werden zusammen mit ihren Hoffnungen, Ängsten und mangelnden Perspektiven gezeigt. Vom minderjährigen „Cornerboy“, dessen Aufgabe es ist die Drogen an den Mann zu bringen, über die Soldiers, die die Drecksarbeit erledigen müssen, bis zu den Lieutenants, die ein Corner, also einen Drogenumschlagplatz überwachen. Und die Bosse sind haben ihre Unsicherheiten und menschliche Seiten.

Die Polizei kommt nicht immer mit einer weißen Weste weg. Selbst für die heimliche Hauptfigur McNulty kann man nicht nur Sympathien entwickeln, denn schnell ist klar, dass er kurz davor steht komplett zum Alkoholiker zu werden und die Serie zeigt, wie er so sein Privatleben nach und nach zerstört. Das Wire-Universum ist voll mit runden, detaillierten gezeichneten Charakteren. Besonders lobenswert ist es, dass die Macher auch die Seite der Opfer ausführlich beleuchten. Der Drogensüchtige Bubbles arbeitet zunächst als Informant für die Spezialeinheit, aber in den späteren Staffeln folgt die Serie seinem Kampf gegen das Heroin und seinen Versuchen sich in die Gesellschaft wieder einzufügen.

In der zweiten Staffel wird die Loslösung von jeder traditionellen Cop oder Crime Show noch deutlicher. Sie beschäftigt sich mit dem Niedergang der Docks und den Hafenarbeitern, die ihre Existenzgrundlage verlieren. Immer weniger Schiffe laufen ein und die Arbeiter müssen sich nach anderen Verdienstmöglichkeiten umsehen. Ein bisschen Bestechungsgeld, um nicht so genau hinzusehen, wenn ein nicht markierter Container abgeladen wird, wird da gerne genommen und so steckt auch die Arbeiterschicht im Krieg zwischen den Gangs, Polizisten und Zulieferern fest.

Die dritte, vierte und fünfte Staffel befassen sich verstärkt mit möglichen Lösungen. Muss das Schulsystem gebessert werden? Kann die Politik trotz Budgetknappheit etwas erreichen? Bringt eine Legalisierung etwas? Was kann die Presse tun? Dabei schwankt der Fokus der Serie hin und her zwischen dem was motivierte Individuen bewirken können und den Institutionen, die sie fördern oder behindern. Weder gibt es in The Wire einen guten Menschen der gegen das System kämpft, noch einen wohlmeinenden und effizienten Staat. Die Serie ist vor allem eins: Beklemmend realistisch.
Doch selten hat man das Gefühl, es mit einer in Ernsthaftigkeit und Trauer erstickenden Dokumentation zu tun zu haben. Es gibt skurrile kleine Momente, wie zum Beispiel die legendäre Tatort-Untersuchung, in deren Verlauf McNulty und sein Partner 3 Minuten lang nur „Fuck“ in unterschiedlichen Variationen sagen. Manchmal sieht man ein wenig Action, wobei Schießereien und Explosionen selten bis nicht-vorhanden sind und wenn sie denn geschehen, sind sie schnell und hektisch und ähneln in keiner Weise dem, was normalerweise so über den Bildschirm läuft. Realistisch eben.

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Das hat nicht nur positive Folgen: Der Realismus der Serie macht vor der Sprache nicht halt und sie ist deswegen, nicht nur für kleine Kinder ungeeignet, sondern stellt auch Englisch Experten vor Schwierigkeiten, da der Ghetto-Slang von Baltimore für unerfahrenen Ohren etwas unzugänglich ist. Da bieten sich zunächst englische Untertitel an; Zumindest bis man den Grundwortschatz inne hat, denn auf Deutsch gibt es diesen Glücksgriff des Senders HBO (der sich immerhin für die fantastische Serien wie Rome, Deadwood oder Die Sopranos verantwortlich zeichnet.) leider noch nicht auf DVD.

Weiterhin verzichtet die Serie zu Gunsten der Authentizität auf einen klassischen Spannungsaufbau. Da wird nicht in einer Folge ein Fall abgeschlossen, aber auch Cliffhanger gibt es selten und eine Folge kommt auch mal gut ohne einen Höhepunkt aus. Auch steht der Zuschauer nicht vor großen Geheimnissen, die erst im Laufe einer Staffel aufgeklärt werden. Man weiß sehr genau wer gerade was und wieso macht. Und gerade deswegen trägt man einen Teil dieses Gefühl der Machtlosigkeit mit sich herum, mit dem die Charaktere dem „War on Drugs“ gegenüber stehen. Das ist nicht immer ein angenehmes Gefühl, aber einfache Wohlfühl-Unterhaltung wäre dem Thema auch gänzlich unangemessen.

Text Copyright Frederik Wilhelmi

Bilder Copyright HBO

 
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