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Gorilla des Monats

bernie 
Ryang Ryu

Ryang Ryu ist hier durch ihren Manhwa Love Virus bekannt, der im Verlag Tokyopop erscheint, und stellte sich mutig den Fragen im ersten Interview, das die sympathische Comiczeichnerin außerhalb ihrer Heimat Korea gab. 

Ryang RyuThomas Nickel: Nach der Lektüre von Love Virus hatte ich das Gefühl, einen sehr internationalen Comic zu lesen – bis auf Namen und Schriftzüge könnte er überall auf der Welt spielen, nicht notwendigerweise in Korea. War dieser Eindruck beabsichtigt?
 
Ryang Ryu: Oh, ich fühle mich da sehr geschmeichelt. Ich halte Love Virus eigentlich doch für sehr koreanisch und teilweise doch recht traditionell... Gerade die Schule, welche die Protagonisten besuchen... Das ganze Schulsystem ist doch typisch Korea. Es könnte ja daran liegen, dass sie es so empfunden haben, weil sich die Geschichte um eine halbkoreanische Figur dreht?
 
Thomas Nickel: Ich mochte die Idee, dass der Held von Love Virus die Telefonnummern von Mädchen sammelt. Wie kamen Sie auf dieses Motiv?

Ryang Ryu: Ich habe die Figur Yeonung als typischen Playboy gestaltet. Er liebt einfach die Mädchen, und ich wollte das damit zeigen.
 
Thomas Nickel: Ist das vielleicht auch eine wenig eine Parodie auf das typische "Schnapp sie die alle-Pokémon"-Motiv?
 
Ryang Ryu: Nein, eigentlich weniger. Es ging schon in erster Linie darum, dass der Held einfach die Nummern all dieser Mädchen hat und somit zeigt, dass er mit ihnen befreundet ist.
 
Thomas Nickel: Love Virus setzt sehr auf Stil und Mode. Haben Sie die tatsächliche koreanische Jugendkultur wieder gegeben?
 
 Ryang Ryu: Es ist jetzt nicht 100% genau, und es gibt durchaus Jungs und Mädels, die normal in Jeans und T-Shirt rumlaufen. Aber es gibt eben auch diese Exoten wie ich sie in meinem Comic zeige.
 
Thomas Nickel: Da Love Virus eine Alltagsgeschichte ist, fließen auch eigene Erfahrungen ein oder ist das Ganze reine Fiktion?

Ryang Ryu: Ich denke, dass jeder Zeichner auch eigene Erfahrungen in seine Comics einbringt und auch ich habe hier eigene Erlebnisse verarbeitet. Von anderen habe ich gehört und sie mit etwas Phantasie noch erweitert und eingebaut.
 
virus2 Thomas Nickel: Wie stehen Sie zu Ihren Figuren? Mögen Sie Ihre Charaktere? Oder sind Ihnen manche wirklich unsympathisch?

Ryang Ryu: Oh, das ist eine schwierige Frage... Es ist natürlich so, dass ich meine Figuren sympathisch finde. Aber so etwas läuft nicht immer planmäßig. Ich hatte am Anfang meine Ideen, aber so etwas ändert sich immer wieder – die Figuren nehmen ein Eigenleben an. Und ich muss sagen, ich persönlich mag Norma am liebsten. Sie ist sehr sympathisch und vielschichtig.

Thomas Nickel: Sie haben einen sehr feinen Zeichenstil mit fast schon zerbrechlich wirkenden Figuren. Wie hat sich Ihr Stil entwickelt?

Ryang Ryu: Persönlich mag ich eher einen groben Stil mit dicken Linien. Aber der Stil, den ich verwende zeigt wohl meinen Charakter – anders als sehr fein und detailliert kann ich nicht zeichnen...

Thomas Nickel: Welche Medien konsumieren Sie denn selbst? Andere Comics? Zum Beispiel amerikanische oder japanische? Was inspiriert Sie?

Ryang Ryu: Früher habe ich sehr viel gelesen, aber seit ich jetzt professionell zeichne habe ich leider keine Zeit mehr.

Thomas Nickel: Sie haben wohl einen sehr langen Arbeitstag - wie sieht denn ein solcher bei Ihnen aus?

Ryang Ryu: Soll ich ehrlich sein? Also, wenn ich einen Monat betrachte, zeichne ich erst mal zwei Wochen lang sehr intensiv – ich schlafe und zeichne.. Und die anderen zwei Wochen verbringe ich dann anders, allerdings bin ich auch dann geistig immer bei meiner Geschichte und denke über neue Handlungsstränge und ähnliches nach.

virus1 Thomas Nickel: Wie entwerfen Sie denn Ihre Geschichte? Haben Sie den Ablauf bereits komplett im Kopf oder hangeln Sie sich eher von Geschichte zu Geschichte?

Ryang Ryu: Also, Anfang und Schluss habe ich schon im großen und ganzen im Kopf. Auch die wichtigen Elemente in der Mitte habe ich schon im Kopf, einzelne Verästelungen sind dagegen noch nicht so ausgearbeitet. Zu Beginn ist es vor allem wichtig, die Figuren zu entwickeln. Und meistens höre ich dann selbst auf, die Geschichte zu erzählen und meine Figuren machen ganz automatisch weiter – sie nehmen tatsächlich ein Eigenleben an.

Thomas Nickel: Love Virus spielt in unserer Lebenswelt. Ist das Ihr Lieblings-Métier, oder sind Sie in alle Richtungen offen und haben auch zum Beispiel an phantastischen Geschichten Interesse?

Ryang Ryu: Meine nächste Geschichte ist tatsächlich eine Fantasy-Geschichte.

Thomas Nickel: Und was ist Ihnen lieber? Realismus oder Fantasy? Oder je nach Stimmung?

Ryang Ryu: Eigentlich ziehe ich Fantasy vor.

Thomas Nickel: Wie ist denn Ihre redaktionelle Arbeit? Haben Sie freie Hand oder bekommen Sie von Ihren Redakteuren viele Vorschläge oder Richtlinien?

Ryang Ryu: Bei der Handlung hab ich recht freie Hand und kriege wenig Bemerkungen. Aber ich frage gerne mal meine Redakteurin um ihre Meinung, wie sie manche Dinge sieht. Die letzte Entscheidung liegt aber bei mir.

Thomas Nickel: Und haben Sie Kontakt zu Ihren Lesern? Haben Sie schon mal einige von ihnen getroffen oder per E-Mail Kontakt gehabt? Wie sehr beeinflusst Sie die Lesermeinung?

Ryang Ryu: Ich bekomme oft Post von Lesern, eine Internet-Seite habe ich selbst nicht. Die meisten Leserbriefe kommen ja von Fans, daher sind die meist sehr positiv. Und darüber freue ich mich natürlich. Aber wenn ich zufällig im Internet etwas über meine Comics lese, zum Beispiel dass jemand sie eben nicht mag, dann werde ich sehr nachdenklich und nehme das auch oft etwas persönlich...
 
Thomas Nickel: Schon im ersten Band von Love Virus passiert sehr viel – manch anderer Autor würde damit gleich drei Bände füllen...

Ryang Ryu: Das ist ja lustig, manchmal höre ich genau das Gegenteil!

Thomas Nickel: Was ist Ihnen denn lieber? Lange Endlos-Serien mit 20 und mehr Bänden? Oder ziehen Sie kürzere, abgeschlossene Geschichten vor?

Ryang Ryu: Ich glaube, um die sieben bis zehn Bände für eine Geschichte sind am besten. Längere Serien mag ich nicht wirklich. Das ist mir dann doch etwas zuviel Arbeit.
 
Thomas Nickel: Haben Sie Interesse an anderen Medien? Zum Beispiel an TV-Serien oder Illustrationen für Videospiele?

Ryang Ryu: Och, ich würde mich schon freuen, wenn es zum Beispiel ein Videospiel nach meinem Entwürfen gäbe, aber ob das so passt? Eine TV-Serie, vielleicht auch mit echten Schauspielern -  das wäre nett!

Thomas Nickel: Na, dann sind wir mal gespannt! Ich bedanke mich auf jeden Fall für das Interview und hoffe, Sie haben noch ein paar nette Tage in Deutschland.

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Text Copyright Thomas Nickel 2006
Love Virus Copyright Tokyopop
 
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