von Konrad Feldschmid Autor: Paul Scheerbart Erschienen bei: Directmedia Publishing ISBN: 3866401876 Preis: kostenlos bei Gutenberg.de; 14,90 € Lesabéndio bei Amazon.de Welche Autoren zählen zu den Begründern des Science Fiction Genres? Zumindest diese beiden kennt wohl jeder: Jules Verne und H. G. Wells. Wie steht es aber mit den Anfängen der deutschsprachigen Science Fiction? An welche Namen denkt man da? Denkt man überhaupt an irgendwelche Namen? Vielleicht noch an den: Kurd Laßwitz; immerhin wird seit 1980 jährlich der Kurd-Laßwitz-Preis vergeben, wovon man zwar weder im Fernsehen noch in großen Zeitungen erfährt, aber eingeschworenen Science Fiction Fans sind Autor und Preis sicher bekannt. Und was ist mit Paul Scheerbart? Noch nie gehört? Dann wird es Zeit. Paul Scheerbart (1863-1915) war Humorist, Dichter und Fantast. Seine Bücher gehören zu den ersten Werken, die im neu gegründeten Rowohlt-Verlag erschienen; schon damals galt allerdings: Die breite Masse hat Scheerbart mit seinen Schriften nicht erreicht. Das verwundert nicht, Scheerbarts fantastische Romane sind in der Tat sehr gewöhnungsbedürftig, weil eigen, bizarr und befremdlich; Schade ist es aber trotzdem, weil Scheerbart es ungemein gut versteht, mit schlichten, scheinbar trivialen Geschichten komplexe Gedankengebäude aufzuziehen. Ein Beispiel? Scheerbarts Hauptwerk, der Roman Lesabéndio, spielt auf dem Asteroiden Pallas; allerdings sieht der Pallas etwas anders aus, als man sich Asteroiden gewöhnlich vorstellt: Er hat die Form einer Tonne; oben und unten wird er nicht – wie sonst bei Tonnen üblich – von Deckeln abgeschlossen, stattdessen befinden sich dort zwei hohle Trichter, die sich ins Innere des Pallas ziehen, wo sie immer schmaler werden, bis sie in der Mitte aufeinander treffen und nur einen engen Durchgang lassen zwischen der oberen und der unteren Hälfte des Gestirns. Über dem Nordtrichter schwebt außerdem eine Wolke, die undurchdringlich ist für die Blicke der Pallasianer und sich Nachts herabsenkt. So seltsam wie der Asteroid, so seltsam sind auch die Bewohner: Die Körper der Pallasianer bestehen lediglich aus einem Saugfuß und einem gummiartigen Röhrenbein; sie können zu verschiedenen Größen aufgeblasen beziehungsweise zusammengeschrumpft werden. Außerdem praktisch: Pallasianer sterben nicht; ist ein Pallasianer erschöpft vom Leben, bittet er einfach einen anderen, ihn aufzunehmen – die beiden verschmelzen dann. Und womit beschäftigen sich diese Wesen den ganzen Tag? Vor allem damit, ihren Planeten zu verschönern; die einflussreichsten Pallasianer sind denn auch Künstler. Die beiden Pallasianer Lesabéndio und Biba haben aber noch andere Ziele; beim Beobachten der Sterne stellen sie eines Tages fest: Fast alle anderen Himmelskörper sind Doppelsterne; das legt die Vermutung nahe, auch der Pallas könnte ein Doppelstern sein – man weiß das nur deshalb noch nicht genau, weil die große Wolke die Sicht einschränkt und den Weg zum Kopfsystem des Asteroiden versperrt. Lesabéndio und Biba fassen also den Entschluss: Über dem Nordtrichter muss ein riesiger Turm gebaut werden, der die Wolke durchdringt und die beiden Teile des Pallas vereinigt; dieses Vorhaben hat in ihren Augen absolute Priorität. Im Verlauf des Romans wird von den Schwierigkeiten dieses Projekts erzählt. Lesabéndio und Biba müssen gegen viele Widerstände ankämpfen; vor allem die großen Künstler stellen sich quer, weil die technischen Probleme beim Turmbau die Pallasianer voll und ganz in Anspruch nehmen – die künstlerische Gestaltung hingegen bleibt meist außen vor. So droht das Vorhaben am Ende doch noch zu scheitern. Der Plot mag auf den ersten Blick keine Begeisterungsstürme hervorrufen; davon sollte man sich aber nicht täuschen lassen: Die vielen abgedrehten, wundersamen und – im besten Sinne des Wortes – fantastischen Ideen heben Scheerbarts Roman deutlich ab von anderen Vertretern des Genres. Das verlangt natürlich eine gewisse Offenheit vom Leser; wer diese aber aufbringen kann, wird von den Schrullen dieses Romans sicher gut unterhalten. Dank einer sehr klaren Sprache ist Lesabéndio außerdem auch flüssig zu lesen. Aber Lesabéndio ist nicht nur unterhaltend, es ist vor allem auch ein außerordentlich intelligentes und gewitztes Buch, das auf seine ganz eigene, faszinierende Art große Themen verhandelt: Das Verhältnis von Wissenschaft und Kunst; das Streben nach Größerem; der Einfluss von Architektur auf die Kultur und vieles mehr. Übrigens hat Paul Scheerbart mit seinen Büchern in der Tat großen Einfluss auf einige Architekten ausgeübt. Und sogar Walter Benjamin ließ sich inspirieren von Scheerbart. Wer sich also für etwas andere Literatur begeistern kann, dem sei Lesabéndio ans Herz gelegt. Leider wird man den Roman in Buchhandlungen kaum mehr finden, auch wenn Amazon.de noch ein paar Exemplare im Lager zu haben scheint. Dafür ist er aber im Internet kostenlos zugänglich. Text Copyright Konrad Feldschmid 2009 Cover Copyright Directmedia Publishing |