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Thomas Plischke: Die Ordenskrieger von Goldberg
ordenskriegervon Anna-Selina Sander

Autor: Thomas Plischke
Erschienen bei: Piper Verlag
ISBN: 978-3-492-26673-4
Preis: ab 8,95 € Die Ordenskrieger von Goldberg bei Amazon.de

Man muss sich bei einem solch umfangreichen Werk von vorn herein darüber im Klaren sein, dass sich sie Handlung viel Zeit nimmt und nicht bereits im zweiten Band so voranprescht, dass den Helden keine Pause gegönnt wird. Entsprechend kleine Schritte vorwärts machen die vielen Figuren des Romans auch.

War der Auftakt der Serie, Die Zwerge von Amboss, ein vielseitiger und hochpolitischer Genremix aus Krimi, Thriller und Abenteuerroman, so steht die erste Fortsetzung im Zeichen des Kriegsromans mit vielen unterschiedlichen Schauplätzen auf beiden Seiten der Schlacht, die am Ende des Romans erst richtig losbricht. Die Zwerge sind gegen die Menschen in die Zerrissenen Reiche gezogen, wo sich in der Stadt Goldberg eine Art oberster Rat mit vier Konziliaren aus allen Himmelsrichtungen über die nächsten Schritte berät. Der Bund steht auf tönernen Füßen und droht bald zu zerbrechen, einzig der wackere Glaube an die Herren, die Götter der Menschen, bietet der obersten Bewahrerin noch eine Stütze im drohenden Kampf gegen die technisch haushoch überlegenen Zwerge mit ihren Mörsern und Gewehren, die die Stadt belagern.

Unter jenen befinden sich Siris, der mürrische Bestienjäger, und sein zwergischer Gefährte Himek Steinbrecher, mit dem er es gemeinsam aus der Heilanstalt in Stahlstadt geschafft hat. Doch wer Die Zwerge von Amboss noch in Erinnerung hat, weiß, dass sie zumindest im Geiste nicht allein sind. Ab der zweiten Hälfte des Buches meldet sich plötzlich die Seele Ulahas, der Halblingin, an der Anstaltsleiter Kolbner seine halblingsunwürdigen Experimente durchgeführt hat, und treibt die Handlung durch Himeks Körper in die Richtung ihrer eigenen Pläne – ein äußerst spannender Handlungsstrang!

Der tragische Held des ersten Bandes, Garep Schmied, strandet auf seiner Flucht aus dem Dampfland gemeinsam mit Arisascha von Wolfenfurt auf einer sehr seltsamen Insel, und sofort kommt unweigerlich Lost-Feeling auf. Sie treffen auf den Wissenschaftler Gozzoldini, der sie in ein sogenanntes Paradies führt, einen Palast auf der Insel, den die Herren selbst erschaffen haben, und der von einem Alten Diener bewacht wird, einem riesenhaften offenbar eigenständig handelnden Geschöpf, das jeden Eindringling gnadenlos dahinmetzelt. Der Diener erinnert besonders Garep mehr an eine Maschine als an ein göttliches Wesen, und erstmalig werden Spekulationen über die Beschaffenheit der Herren angestellt. Sind sie den Zwergen womöglich in anderer Form bereits bekannt? Einer Form, die konträr zu der gütigen Darstellung der Menschen liegt und den Stummeln seinerzeit nichts als Angst und Schrecken gebracht hat? Die Vorgänge auf der Insel treiben Gareps Sucherinstinkt an, und stellen gleichzeitig Arisaschas Glauben auf eine harte Probe.

Bleibt Karu Schneider, die nach dem Verlust ihres Geliebten den Dienst als Anwärterin quittiert hat und sich im Auftrag ihres Onkels nach Hammer ins Stadtarchiv begibt. Kaum, dass sie sich von dem letzten Schicksalsschlag erholt hat, wird sie in die nächste brenzlige Situation verwickelt. Sie lernt Rinul Plattenstemmer kennen, der vorgibt, an seiner Meisterarbeit als Geschichtskundler zu schreiben, jedoch tatsächlich einer Verschwörung auf der Spur ist, deren Aufdecken nicht nur das komplette System des zwergischen Staates umwerfen würde, sondern, als Folge davon, ihn und Karu mal wieder in Lebensgefahr bringt. So sehr man mit der armen Frau auch mitleidet, das ist einer der faszinierendsten Fäden in dieser Geschichte. Die Tatsache, dass bereits im zweiten Band an den Grundfesten beider Systeme, die der Leser inzwischen kennengelernt hat, ordentlich gerüttelt wird, weist auf viele, viele schöne kommende Stunden hin, in denen die Helden noch ordentlich gebeutelt und spaktakuläre Geheimnisse aufgedeckt werden.

Obwohl die Figuren in diesem Band weitgehend an ihren Plätzen bleiben, passiert im Kleinen an den Schauplätzen und auch in ihren Köpfen eine Menge. Um sie herum werden interessante neue Charaktere eingeführt, einige von ihnen überleben das Buch leider nicht, andere aber sind sehr vielversprechend für den weiteren Verlauf der Geschichte. Aufgrund der Menge der Figuren und der ständig wechselnden Szenarien und Erzählperspektiven fällt es schwer, sich auf den einen oder anderen Charakter zu konzentrieren, aber schürt umso mehr die Vorfreude darauf, wie das ganze wohl irgendwann zusammengeführt wird. Einen kleinen Vorgeschmack darauf bietet der Schluss des Romans, in dem endlich dieser nette Kunstgriff eingeführt wird, ein Ereignis aus zwei Perspektiven zu erzählen und die Handlungen der unterschiedlichen Figuren am gleichen Ort einander beeinflussen bzw. aufeinander reagieren zu lassen.

Die Sprache des Buches ist erfreulich flüssig und längst nicht mehr so sperrig und gestelzt wie im ersten Band. Die Autoren haben sich inzwischen gut in der großen, hochinteressanten Welt eingelebt, die sie erfunden haben, und gehen immer selbstverständlicher damit um. Daher liest sich Die Ordenskrieger von Goldberg auch flott, aber es fehlt nicht an sprachlichem Anspruch. Die Wortgewalt Plischkes ist natürlich der Schilderung von Ekelszenen, wie sie im Krieg nunmal vorkommen, man schaue sich da nur mal Im Westen nichts Neues an, äußerst zuträglich. Ich musste da ein paar Mal angewidert das Gesicht verziehen, aber das könnte auch daran liegen, dass ich durch meinen überdurchschnittlichen Kinder- und Jugendbuchkonsum vollends verweichlicht bin.

Im Winter wird Plischke zunächst den Mystery-Thriller Kalte Krieger veröffentlichen, ehe es im nächsten Jahr mit den zerrissenen Reichen weitergeht. Ich kann das nicht abwarten! Ich bin, entgegen des Eindrucks, den ich durch meine Rezensionen erwecken muss, eigentlich kein begeisterter Fortsetzungsleser, diese Ehre erfahren nur ausgewählte Autoren. Wie zum Beispiel Thomas Plischke.

Text Copyright Anna-Selina Sander 2009

Cover Copyright Piper Verlag
 
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