von Anna-Selina Sander
Autor: Colleen Gleason Erschienen bei: Blanvalet ISBN: 978-3-442-37270-6 Preis: ab 9,95 € Bleicher Morgen bei Amazon.de Ich war in der Stimmung für eine gute Vampirgeschichte. Einer, in der die Blutsauger keine funkelnden Volvos fahren und Menschenfrauen mit seltsamen Kinderwesen schwängern bzw. sich in sie verlieben. Ich wollte was, wo die Biester als die fiesen Monster auftreten, die sie nämlich eigentlich sind und für richtig Horror und Action sorgen. Die Gardella Vampire Chronicles (so der englische Titel der Reihe) haben mir das versprochen, und zugleich ist die Handlung auch in meinem heißgeliebten 19. Jahrhundert angesiedelt, wunderschön, dachte ich mir. Insgesamt ist die Idee des Buches auch gar nicht schlecht, man kann das ganze als Buffy im viktorianischen England bezeichnen – nur würde Buffy angesichts dieser Titelfigur mitleidig die Augen verdrehen. Die Heldin ist Victoria Gardella Grandworth, die von ihrer rüstigen Großtante einen traditionsreichen Job als Vampirjägerin übernimmt. Ihre ganze Blutlinie bestand aus solchen Jägern, nur ihre Mutter hatte seinerzeit das Erbe ausgeschlagen und lebt seitdem nach einer Gedächtnismanipulation ruhig und zufrieden das Leben einer Dame im 19. Jahrhundert, begleitet von vielen Keksen und Klatsch und Tratsch mit den Freundinnen. Victoria dagegen darf sich fortan die Nächte um die Ohren und Vampiren Pflöcke ins Herz schlagen, um die Straßen von der Plage zu befreien. Mit dabei ist der arrogante und verbitterte Maximilian Pesaro, neben Victoria der einzige Venator, also Vampirjäger, in London. Jetzt will Victoria aber bitte auch heiraten! Vampire jagen ist ja schön und gut, aber das kann man doch schließlich auch heimlich machen, ohne dass der Mann was davon erfährt. Prompt angelt sie sich den charmanten Marquis Philip von Rockley, der in all seiner Liebe auch in eine Hochzeit einwilligt, als Victoria mehrmals unter fadenscheinigen Begründungen Ballsäle und Theatervorführungen verlässt, um ein paar Langzähne zu pflöcken. Ihrem Verlobten erzählt sie was von einem Schicksal, das sie erfüllen muss, und er ist so verknallt, dass ihm das scheißegal ist. Victoria und Max erkämpfen sich im Kampf gegen die Obervampirin Lilith (seufz) einen Vorteil, indem sie ein Buch voller großflächiger Vernichtungszauber in ihren Besitz bringen, aber die lässt das natürlich nicht auf sich sitzen und holt zum Gegenschlag aus. Victoria hat indessen mit dem überraschenden Problem zu kämpfen, dass sich Ehe und Vampirejagen doch nicht so einfach vereinbaren lassen. Nicht, dass sowohl Max also auch ihre Erbtante das vorher hundertmal gesagt hätten. Die Kulisse ist eine unglaublich tolle, aber sie ist so lieblos ausgestaltet, dass es einem im Herzen wehtut. Eigentlich, so beschleicht einen die Vermutung, wollte die Autorin lediglich ein paar schlüpfrige Szenen schreiben, in denen möglichst oft das Wort „Mieder“ vorkommt, denn so bereitwillig, wie Victoria nahezu jedem männlichen Reiz verfällt, nimmt man ihr das (nun gut, äußerlich) prüde viktorianische Zeitalter beim besten Willen nicht ab. Darüber hinaus ist die Heldin ein völlig flacher Charakter, dessen Entwicklung die Autorin offenbar nicht die Bohne interessiert. Lieblos manövriert sie diesen Ausbund von Naivität und Langeweile durch ihr Doppelleben, verschluckt Szenen, die für die Darstellung von Victorias Persönlichkeit und den tiefen Zwiespalt, den sie sich eingebrockt hat, zwingend notwendig gewesen wären. Doch auf diese Weise bleibt lediglich Max als interessante Figur übrig, alle anderen kann man relativ schnell nicht mehr leiden. Rockley tut einem schon bei der ersten Begegnung mit Victoria leid, und man ahnt auch sofort, wie das ganze enden wird. Das schlimme ist, dass man Recht hat. Eine originelle Wendung hätte mich in der Tat überrascht, und so blättert man gegen Ende seufzend durch das, was Jim Butcher seinen unschlagbaren Harry Dresden als „clichéd villainy at its worst“ bezeichnen lässt. Als erfahrener Leser, der einen gewissen Anspruch an Geschichten mitbringt, sollte man, trotz des zumindest im Deutschen wirklich wunderschönen Covers, von The Gardella Vampire Chronicles besser die Finger lassen und stattdessen was anderes lesen. Wenn's denn unbedingt Vampire sein sollen, lohnt sich vielleicht ein Blick in So finster die Nacht. An sich ist die Idee der Geschichte wirklich gut, ich mag auch diese Mischung aus Ballkleidgeraschel und blutigen Fressorgien mit ordentlichen Prügeleien, aber so ganz ist das nicht gelungen. Da wäre wirklich mehr dringewesen. Wer mal Bock auf ein bisschen unterhaltsames Fast Food hat, in dem die raschelnden Ballkleider auch gerne mal etwas gelupft werden, nur zu, haut rein. Das hier ist mitnichten Trash aus der Warengruppe Schulterfrei, aber leider auch keine großartige Geschichte. Text Copyright Anna-Selina Sander 2009 Cover Copyright Blanvalet |