Advertisement

Gorilla des Monats

bernie 
Coraline
coralinevon Jochen Ecke

USA (2009)

Regie: Henry Selick, Drehbuch: Henry Selick, Neil Gaiman, Kamera: Pete Kozachik, Musik: Bruno Coulais, Sprecher: Dakota Fanning, Teri Hatcher, Jennifer Saunders, Dawn French, Keith David, John Hodgman

erschienen bei: Universal Pictures

Vor einiger Zeit machte im Internet ein Artikel der Webseite Postmodern Barney die Runde: „uncomfortable plot summaries“ hatte der Autor seine Liste genannt, in der er in einem knappen Satz bekannte Filme zusammenfasste. Pointiert und zynisch waren diese Kommentare, aber vor allem sehr komisch. Besonders Verfilmungen von Neil Gaiman-Romanen bekamen ihr Fett weg. Das las sich dann so:

MIRRORMASK: Misfit discovers she is special person in secret world just beside our own.

NEVERWHERE: Misfit discovers he is special person in secret world just beside our own.

STARDUST: Misfit discovers he is special person in secret world just beside our own.

CORALINE: Misfit discovers she is special person in a secret world just beside our own.

Man kann nicht anders als grinsen, weil man tatsächlich zunächst meint, der Autor hätte Gaiman ertappt. Aber dann kommt man ins Grübeln. Zuerst, weil man sich fragt, ob man selbst in Gaimans Romanen immer wieder nur auf der Suche nach naiver Wunscherfüllung ist. Und dann, weil sich die Vermutung verfestigt, dass es gerade in Coraline tatsächlich um Wunscherfüllung geht – aber ganz bestimmt nicht auf die simple Art und Weise, die dem britischen Autor in diesen zynischen Zusammenfassungen vorgeworfen wird. Das gilt erst recht für Henry Selicks wunderbare Verfilmung des Stoffs, die vieles, was bei Gaiman recht skizzenhaft bleibt, thematisch verfestigt und ausformuliert.

coraline

Aber betrachten wir doch zunächst einmal, warum man der „uncomfortable plot summary“ anfangs derart spontan Recht geben wollte. Coraline, sowohl im Film als auch im Roman, ist tatsächlich ein „misfit“, ein geek girl mit Tendenzen zu harmlosen Hexen-Praktiken, zur eigenen Geheimsprache und zum beißenden Sarkasmus, den das Vorstadium zur Pubertät so mit sich bringt. Und selbstverständlich hat sie auch jede Menge Wünsche, wie der Autor von Postmodern Barney völlig zutreffend festgestellt hat. Das sind die üblichen Sehnsüchte, die Kinder in Kinderfilmen so haben: mehr Aufmerksamkeit von den Eltern; besseres Essen (mit höherem Zuckeranteil); und generell eine Welt, die weniger öde und grau, sondern hübscher, unterhaltsamer, bunter, ornamentaler ist. Sprich, eine Welt, in der die eigene Imagination überflüssig wird. Oder um noch ein bisschen akademischer zu werden: eine Welt, die nicht mehr aus einer überwältigenden Anzahl von fremden Diskursen besteht, die nicht zusammenpassen wollen. Stattdessen soll der Kosmos nur eine einzige Geschichte erzählen, und die soll heißen: Coraline.

Natürlich hat man solcherlei Darstellungen von Narzissmus in der Kindheit schon zuhauf im Kino gesehen, aber selten bis nie so charmant wie bei Henry Selick. Der Regisseur von A Nightmare before Christmas und James und der Riesenpfirsich weiß genau, welche perspektivischen Möglichkeiten der Puppentrick bietet, und so besteht von Anfang an ein scharfer Kontrast zwischen Coralines Wahrnehmung und unserer Sicht der Dinge als Zuschauer. Wenn das Mädchen die Nachbarinnen im Keller besucht, sieht sie zwei vertrocknete alte Schachteln mit einem Fetisch für ausgestopfte Hunde und flüchtet alsbald vor dem, was sie als traurige, graue Realität wahrnimmt. Uns Zuschauer verführt Selick aber bereits hier mit wunderbar imaginierten Figuren, herrlichen Karikaturen in Puppenform, lange bevor Coraline das Zauberreich jenseits der kleinen Tür im Wohnzimmer betreten hat.

 

Dem Publikum ist also von Anfang an klar, dass auch die „Realität“, die Coraline so sehnsuchtsvoll verlassen möchte, an sich schon eine Wunderwelt ist. „Coming of Age“, das Erwachsenwerden, um das es in dieser Art von Film immer geht, heißt hier entsprechend, dass Coralines Wahrnehmung sich verändern muss. Sie muss eins werden mit der Wahrnehmung des Zuschauers, der auch die „Realität“ schon in höchst vergnüglicher imaginativer Verwandlung wahrnimmt. Natürlich hat diese Art Definition von „Erwachsenwerden“ auch eine moralische Dimension; schließlich muss Coraline eine gehörige Portion Narzissmus ablegen (womit, das nur nebenbei, Postmodern Barney auch schon widerlegt wäre: Coralines Erfahrung im Verlauf des Films ist eben, dass sie ganz und gar nicht „special“ ist). Dennoch erscheint dieser klassisch märchenhafte Zug eher nebensächlich. Der Grundgedanke des Films ist eher romantisch und läuft auf die Frage hinaus: Was ist das Verhältnis von Realität und Imagination? Wie verändert sich die Vorstellungskraft, wenn man erwachsen wird, und kann man diese Veränderung gut heißen?

Es ist eine besondere Stärke von Henry Selicks Film, dass er mit diesen Fragen ringt, sie immer wieder neu verhandelt, aber gar nicht zu einer endgültigen Antwort finden will. Man kann nicht umhin festzustellen, dass es Selick nicht nur um Coralines Erfahrungswelt geht, sondern auch um das Kino an sich, so pompös das auch erst einmal klingen mag. Wenn Coraline durch das unvermeidliche „rabbit hole“ des Films schlüpft – in diesem Falle eine kleine, verborgene Tür im Wohnzimmer des alten Hauses, in das sie mit ihrer Familie gezogen ist – betritt sie eine Zauberwelt, die den imaginierten Realitäten anderer Kinderbücher zwar ähnelt, deren Bauprinzipien aber viel transparenter macht. Gaimans und Selicks Märchenreich ist ganz explizit ein Spiegel der „objektiven Realität“ auf der anderen Seite der kleinen Tür. Alle Figuren, die Coraline dort bereits kennengelernt hat, treten in der Fantasiewelt erneut auf. Aber sie sind schöner, aufregender, freundlicher; die alten Schachteln aus dem Keller schlüpfen wie Schmetterlinge aus dem Kokon ihrer alten Leiber und werden als junge Frauen wiedergeboren; der irre, schmuddelige Russe, der unter dem Dach wohnt, wird zum begeisternden Zirkusdirektor. Und alles, wirklich alles, ist auf Coraline und ihren Genuss ausgerichtet. Immer wieder bildet die Welt ganz ornamental ihren Namen, ihr Gesicht ab.

coraline

Coralines narzisstisches Vergnügen ist dabei auch unser Vergnügen. Auch das (gerade das?) ist Kino: Wunscherfüllung; wohliges Baden im Schönen, im Liebreiz. Unglaublich ist, welche Energie und welche Vorstellungskraft Selick und seine Animatoren auf diese Sequenzen verwenden – auf einen atemberaubenden Tanz im Mäusezirkus mit wundervoller Musik von Bruno Coulais oder einen grandiosen lebenden Garten etwa. Wir werden gemeinsam mit Coraline vom Kino und der Imagination verführt, und für etwa eine halbe Stunde schwelgen wir mit dem Film im l’art pour l’art, im Schönen, dessen einziger Sinn die Freude darüber ist, wie alles nur für mich geschaffen scheint.

Und dann stellt Selick brutal die Frage, ob es das überhaupt gibt oder geben sollte, eine zwecklose, ganz und gar Ich-bezogene Kunst. Denn natürlich ist diese Zauberwelt eine Falle, ein furchtbares Spinnennetz, das sich immer wieder selbst als solches verrät. In einer Akrobatiknummer beispielsweise zitieren die beiden alten Damen aus dem Keller ausgiebig aus Hamlet: „What a piece of work is a man! How noble in reason! How infinite in faculties!“ Aber die letzten Sätze des Monologs lassen sie geflissentlich aus – die, wo Hamlet darauf hinweist, dass der Mensch für ihn trotzdem nur die „quintessence of dust“ ist. Etwas fehlt also in dieser rein ästhetisch begriffenen Welt – ein Gegengewicht, die Melancholie, menschliches Leid, überhaupt ganz und gar der Andere.

coraline

Coraline wird sich ohne Frage aus dieser Falle befreien, wird in perfekter Imitation klassischer Märchenstrukturen das Böse mit Unterstützung einiger Helfer überlisten, um am Ende schließlich begriffen zu haben, dass die vermeintlich graue Realität nicht nur akzeptiert werden muss, sondern genauso imaginativ begriffen werden kann wie die Zauberwelt jenseits des Spiegels. Auf dem Weg zu dieser Erkenntnis verformt sich das Märchenreich noch einmal aufs Wundervollste und Grauenhafteste und wird zu einer der schauerlichsten Alptraumwelten der Filmgeschichte.

Und dann, der Abspann läuft, bleiben diese Fragen, vor allem, weil auch der Alptraum solchen Spaß gemacht hat. Wenn Coraline am Ende die bisweilen monströse Imagination wegschließt und bannt, ist das wirklich ein Happy Ending? Befriedigt es uns tatsächlich, dass wir uns mit der Realität abgeben müssen, so imaginativ formbar und in Maßen schön sie auch sein mag? So sehr uns der Film auch vermitteln möchte, dass Coralines Initiationsritus erfolgreich war, dass sie nun in der Welt der Erwachsenen funktionieren kann – man weiß doch im Grunde seines Herzens, dass jeder Moment losgelassener Vorstellungskraft zuvor befriedigender war. Film als Rückfall in narzisstischere Entwicklungsstufen; Film als Portrait und Wiedererleben einer alles andere als idealisierten Kindheit: das ist lange keinem mehr so wunderbar gelungen wie Henry Selick in Coraline.

„Misfit discovers she is special person in a secret world just beside our own“, das stimmt schon, oberflächlich gesehen. Aber Coraline handelt auch von der Unmöglichkeit dieses Traums, vom Sich-Arrangieren damit, dass wir alle das Monster unserer Kindheit in einem alten Brunnen wegsperren mussten und uns nur noch im Kino oder im Roman ab und an für kurze Zeit die Regression erlaubt ist. Diesen Sommer wird es keine schönere Gelegenheit dazu geben als Selicks Film.

Text Copyright Jochen Ecke 2009
Bilder Copyright Universal Pictures
/ Laika

 
< zurück   weiter >
© 2012 www.g-wie-gorilla.de
Joomla! is Free Software released under the GNU/GPL License.