von Michael Steber Frankreich (2009), Regie: Anne Fontaine, Drehbuch: Edmonde Charles-Roux, Anne Fontaine, Camille Fontaine, Kamera: Christophe Beaucarne, Musik: Alexandre Desplat, Darsteller: Audrey Tautou, Benoît Poelvoorde, Alessandro Nivola, Marie Gillain, Emmanuelle Devos Originaltitel: Coco avant Chanel erschienen bei: Warner Bros. Pictures Germany Hier ist der cineastische Traum von der großen Karriere zur Abwechslung einmal französisch: Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft inszeniert den Aufstieg der gleichnamigen französischen Modeschöpferin vom Waisenkind zur ersten Ikone der Haute Couture. Mit Audrey Tautou als moderne Galleonsfigur des französischen Films scheint Regisseurin Anne Fontaine dabei eine Hauptdarstellerin gefunden zu haben, die Coco Chanel nicht nur verblüffend ähnlich sieht, sondern einen ähnlich unkonventionellen Charme versprüht wie man ihn Chanel selbst andichtet. Der französische Originaltitel des Films Coco Avant Chanel verrät bereits, dass hier nicht der Glitzer der Pariser Modewelt im Mittelpunkt steht, sondern der vorherige Lebensweg von Gabrielle Chanel, die sich nach einer Jugend im Waisenhaus zunächst mit kleinen Tanz- und Gesangseinlagen ihr Geld verdient und erst so zu ihrem Spitznamen kommt. Ihre Leidenschaft gilt schon hier dem Nähen, ihr Job im Nachtclub wird lediglich als Türöffner zu adeligen Kreisen genutzt. Gerade ihre Beziehung zu dem Offizier Balsan stellt dabei klar, dass es sich bei Chanel um einen Renaissancemenschen handelt, der vor kaum etwas zurückschreckt, um seine hoch gesteckten Ziele zu erreichen.
In eben dieser Welt des Adels wird auch besonders deutlich, dass Coco Chanel ein Film ist, der die Gesellschaft seiner dargestellten Zeit, dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts, hervorragend wiedergibt. Der Adel stellt hier nur noch die Statisten einer längst zum Anachronismus verkommenen Parallelwelt. Eine übersättigte Welt, in der es zum guten Ton gehört, keiner geregelten Arbeit nachzugehen. Eine Welt, der Coco mit ihrem unbändigen Ehrgeiz und später ganz besonders auch mit ihrer revolutionär-dezenten Mode geradezu diametral entgegensteht. Wenn barocker Pomp von burschikoser Einfachheit abgelöst wird, dann wird schnell klar, dass hier längst überfällige ästethische Veränderungen bereits manifestierten gesellschaftlichen Veränderungen folgen. So rigoros dieser Kraftakt auch verlaufen mag, so einsam lässt er doch seine Protagonistin zurück. Abgesehen von einigen Momenten in der kurzen Beziehung zu dem Engländer Boy, dem einzigen Mann, zu dem Coco echte Liebe zu entwickeln scheint, bleibt sie stets außerhalb einer in sich geschlossenen Gesellschaft. Dabei trägt Audrey Tautou mit ihrer fast ätherischen Präsenz den Film mühelos allein. Der Zuschauer bleibt so stets auf der Seite der Vorreiterin Coco Chanel und kann in der erhabenen letzten Szene, als die Laufstege von Paris erstmals angedeutet werden, verstehen, dass die Kunst und damit die Mode die einzige Katharsis dieser Frau ist.
Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft stellt nicht nur für seine Titelfigur, sondern auch für Regisseurin Anne Fontaine und ganz besonders für Audrey Tautou eine beeindruckende und längst überfällige Emanzipation dar. Mit diesem Film gelingt es Tautou endgültig, sich von ihrer Paraderolle der Amélie zu loszuspielen und neue Wege zu beschreiten. Wege, die sie gerade in Frankreich in zu ungeahntem und nachhaltigem Ruhm führen werden. Text Copyright Michael Steber 2009 Bilder Copyright Warner Bros. Pictures Germany |