|
von Sebastian Sonntag
Andreas Rosenfelder: Digitale Paradiese - Von der schrecklichen Schönheit der Computerspiele Autor: Andreas Rosenfelder Erschienen bei: KiWi Paperback ISBN: 978-3-462-03955-9 Preis: 8,95 € Digitale Paradiese bei Amazon.de In der heutigen Zeit sind Video- und Computerspiele längst nicht mehr das Freak-Hobby, für das sie oft gehalten werden. Die Branche hat mittlerweile die Umsätze Hollywoods überholt und genießt den Ruf der ernsthaften Freizeitbeschäftigung – vor allem in Ländern wie Japan oder Frankreich haben sich Videospiele als anerkanntes Kulturgut etabliert. Deutschland zieht in dieser Hinsicht nicht zuletzt aufgrund der ständigen Killerspieldiskussionen noch hinterher, Events wie die kürzlich stattgefundene Gamescom (mit 245.000 Besuchern) zeigen jedoch, dass auch hierzulande langsam die Anerkennung steigt.FAZ- und Vanity Fair-Autor Andreas Rosenfelder hat es sich mit seinem Buch Digitale Paradise zur Aufgabe gemacht, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und das Phänomen der Videospiele einmal tiefergehend zu beschreiben. Das Ergebnis seiner Arbeit sieht folgend aus: In 10 Kapiteln sowie einem Vorwort widmet er sich den unterschiedlichsten Themen unseres Hobbies und spricht darin teils interessante, teils eher nebensächliche Aspekte an. So analysiert der – wie er sich selbst bezeichnet – „ehemalige“ Tomb Raider-Zocker beispielsweise den Auf- und Niedergang des Onlinespiels Second Life, begleitet einen weiblichen Counter Strike-Clan zu einem Match und reist gar bis in die Ukraine, um das dort ansässige Entwicklerteam Frogware zu interviewen. Betrachtet wird die Thematik dabei vor allem mit der Fragestellung, warum uns die digitalen Welten derart begeistern und vereinnahmen – was oft in interessanten psychologischen Analysen resultiert. Im Zusammenhang mit dem in Deutschland immer noch hochgehypten Killerspielthema relativiert Rosenfelder zum Beispiel die Diskussion um Amokläufer Robert Steinhäuser durch einen Vergleich mit dem Roman Anton Reiser und erklärt fachfremden Lesern auf diese Art, dass besagte Amokläufe kein Phänomen sind, das nur im Zusammenhang mit „Killerspielen“ exisitiert. Auch interessant sind die Vergleiche von World of Warcraft, welche auf amüsante Weise zeigen, dass man sich ja eigentlich doch freiwillig einem System unterordnet, das ziemlich genau der realen Welt entspricht. Bei all den spaßigen Beschreibungen fallen jedoch auch einige Aspekte des Buches negativ auf. Zum Einen wird sehr schnell deutlich, dass Rosenfelder aus dem Zeitungsmetier stammt, denn die Distanz, die er durch seine Formulierungen erzeugt, lässt doch erkennen, dass seine Zielgruppe eher die Leserschaft der eingangs erwähnten Blätter ist. So kann man ihm oft einfach nicht abnehmen, dass er wirklich hinter seinen Schilderungen steht – es macht eher den Anschein, als wolle er den Leuten zeigen, dass er sich „früher mal damit befasst hat“ und ihnen seine Erlebnisse aus der „anderen Welt“ mitteilen möchte. Dies lässt seine Position zur Sache etwas undifferenziert erscheinen – ein klares „ich bin ein Zocker und kläre euch auf“ wäre hier nicht fehl am Platze. Zum Anderen kämpft man als Leser mit dem Problem, dass die Texte ständig (und ich meine ständig) von eigentlich total nebensächlichen Vergleichen zu berühmten deutschen Autoren und Werken der letzten 200 Jahre unterbrochen werden. Hier kommt der Literaturwissenschaftsstudent deutlich zum Vorschein, was zunehmend wie eine unterschwellige Selbstbeweihräucherung wirkt und mit der Zeit recht nervig ist. Überhaupt vermisst man ein wenig einen roten Faden, denn letzten Endes wird nicht wirklich ein Schluss aus der Sache gezogen. Im Großen und Ganzen liest sich das Buch mehr wie eine Diplomarbeit und hat den Charakter einer Ansammlung von Essays, die einfach irgendwann aufhört. Etwas mehr Zusammenhang hätte also nicht geschadet. Nichtsdestotrotz erfasst Rosenfelder den Kernpunkt der Thematik sehr gut: Die Erfahrungen, die wir in Spielen machen, sind trotz ihrer digitalen Natur Erfahrungen, die wir sonst nie hätten haben können. Wer sich an den genannten Faktoren nicht stört, der kann also getrost zugreifen. Vielleicht gibt es ja sogar den Anreiz zur Veröffentlichung weiterer ähnlicher Werke – gerade in Deutschland können wir derartige Literatur gut gebrauchen. Text Copyright Sebastian Sonntag 2009 Cover Copyright KiWi |