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Muse - The Resistance

resistance

von Anna-Selina Sander

Muse - The Resistance
Plattenfirma:
Warner Music
Tracks: 11
Erscheinungsdatum:
11. September 2009
ASIN: 825646874347
Preis: 17,95 € The Resistance bei Amazon.de

14. Juli 2009. Die Muse-Fangemeinde ist eh schon seit Monaten hibbelig wegen des für den Herbst angekündigten Albums The Resistance. Dass jene Gemeinde plötzlich explosionsartig anwächst, ist das Ergebnis einer beeindruckenden viralen Marketingkampagne namens Ununited States of Eurasia, deren Start Muse-Frontmann Matthew Bellamy via Twitter für diesen Tag angekündigt hat. In einem Zeitraum von einer knappen Woche werden zu bestimmten Zeiten und an ganz bestimmten Orten auf der Welt USB-Sticks an Fans übergeben, die anhand von gelösten Rätseln auf der zugehörigen Microsite den Aufenthaltsort der sogenannten „Agenten“ermittelt und sich zu ihnen auf den Weg gemacht haben. Ein auf dem Stick gespeicherter Code schaltet kleine Teile des neuen Songs United States of Eurasia frei – und die Hölle bricht los. Die Fans machen sich in Scharen auf, um einen der begehrten Sticks zu ergattern (dafür gibt's dann nämlich Gratiskonzertkarten), Twitter läuft heiß, das offizielle Forum bricht regelmäßig unter der Last der neuen Einträge in sich zusammen. Es gibt einen neuen Muse-Song aufzudecken, und nichts und niemand kann das stoppen.

United States of Eurasia kommt mit den osteuropäisch bzw. russisch anmutenden Tonleitern im Riff, dem eindeutigen Queen-Tribut am Strophenende und dem skandierten Schlussteil schon sehr experimentell daher – in sich ist der Song ein großer Schritt auf musikalisches Neuland zu, von dem man auf dem Album schließlich noch einiges mehr hören wird. Inspiriert ist der Song übrigens von dem Buch The Grand Chessboard des Politikwissenschaftlers Zbigniew Brzezinski und dessen (inzwischen allerdings wieder revidierter) Theorie eines eurasischen Staates. Ein Exemplar dieses Buches war bei der Jagd nach den USB-Sticks auch das Erkennungszeichen der Agenten.

3. August 2009. Uprising, die erste Singleauskopplung aus The Resistance, wird zum ersten Mal im britischen Radio gespielt, über einen Monat vor dem offiziellen Release. Zusammen mit United States of Eurasia lässt sich fast sowas wie ein Sound des neuen Albums ermitteln – glaubt man. Die Lyrics sind schonmal entweder überzogen ironisch oder einfach mit Pauken und Trompeten misslungen. So gewollt politisch hat man Bellamys Texte selbst auf dem Vorgängeralbum Black Holes and Revelations nicht erlebt, und auch da musste man schon so manches Mal das Gesicht verziehen. In der Musik erkennt man klassische Muse-Riffs und -Melodien, an sich also nichts wirklich neues. Doch wenn man sich schließlich The Resistance in seiner Gänze anhört, wird man mit so viel Experimentierfreude konfrontiert, dass man sich wirklich fragt, warum ausgerechnet das mit traditionellste Stück als erste Single ausgewählt wurde. Angst?

11. September 2009. Nun endlich wird dem Hörer auch der Rest des Albums präsentiert. Ich muss ehrlich zugeben, nach dem ersten Hören ganz schön enttäuscht gewesen zu sein. Jedoch, wie das bei guten Alben so ist, sie haben mehrere Chancen verdient, und The Resistance braucht viel Zeit, um zu einem durchzudringen.
Nach der zwar gut nach vorn gehenden, aber doch etwas glattgebügelten Black Holes and Revelations haben sich Muse diesmal ordentlich aus dem Fenster gewagt. Die Songs sind abwechslungsreich, langsame Passagen auf klassischen Instrumenten wechseln sich ab mit schnellen, rockigen Melodien, die sich ins Ohr fressen und es sich da gemütlich machen. Kaum ein Song braucht weniger als vier Minuten Länge, alle sind sie sorgfältig arrangiert und jede Stimme hat ihre Berechtigung.

The Resistance, der titelgebende Song, ist ein tragischer Lovesong, und so wenig Bellamy politische Texte schreiben kann, so unglaublich gut sind die Lyrics seiner Liebeslieder. Erkennungszeichen ist hier neben dem einleitenden Klavierthema die Bridge mit ihrer schnellen HiHat und dem präsenten Bass, die in einen klassischen Muse-Refrain mündet. Zum Schluss wurde noch ein kleines, wieder ganz anderes Schlussriff angestückt. Diese Variation von Songteilen macht einen Großteil der Platte aus, und lässt die Lieder unendlich lang erscheinen. Daher kommt auch dieses Unverständnis, was man ihnen am Anfang entgegenbringt. Die Songs sind nicht rund, haben zwar ein grobes Schema, aber die einzelnen Teile sind so unterschiedlich, dass man das zuerst gar nicht richtig erkennt.

Noch halbwegs unspektakulär ist der Aufbau von Undisclosed Desires, einem ebenfalls lyrisch recht guten Liebeslied, in dessen Text auch hin und wieder ein bisschen Ash drinsteckt. Was diesen Song ausmacht ist der völlige Verzicht auf die Gitarre, ein für diese Band mutiger Schritt. Das ganze Lied besteht aus einem Stakkato aus Drums und Slapping Bass sowie Synthesizer-Streichern für die Harmonien, die mit Backgroundgesang ein wenig variiert werden. Sehr spartanische musikalische Ausstattung also, die aber die Wirkung des Songs keineswegs schmälert. Auf der Seaside Rendezvous-Tour Anfang September wurde der Song live mit einer Keytar gespielt – große Dinge erwarten das The Resistance Tour-Publikum!

Guiding Light dagegen wurde förmlich den gigantischen Arenen, in denen Muse ihre Konzerte zu geben pflegen, angepasst. Bereits auf der Aufnahme wird Bellamys Stimme von einem Hall unterstützt, der einen Raum von Stadiongröße simuliert, die Gitarre ist breitbeinig, die Melodie einfach und eingängig – das ideale Gröhlstück, zu dem ich schon massenweise Feuerzeuge (oder wahlweise Mobiltelefone, heutzutage ist man ja recht unromantisch geworden) in der Menge vor meinem geistigen Auge sehe. Solchermaßen manipulieren Muse ihr Publikum übrigens öfter auf der CD. Wohlüberlegt eingespielte „Hey!“-Chöre in dem einen oder anderen Song zeigen dem Hörer, an welchen Stellen er sich während eines Gigs entsprechend zu äußern hat. Raffiniert, aber wer macht das nicht?

Guiding Light ist, ebenso wie MK Ultra, eher als traditionelleres Muse-Stück anzusehen – eine der bemerkenswert wenigen Stellen übrigens, an denen Bellamy sein berühmt-berüchtigtes Falsetto zum Einsatz bringt! Hat er sich früher bei Knallern wie Plug in Baby in irrer Lautstärke die Seele aus dem Leib gefistelt, ist er inzwischen fast schon enttäuschend zahm geworden. In Unnatural Selection, einem weiteren Beispiel für diese Patchwork-Songs inklusive Hey-Chören, meint man fast zu hören, wie er seine Grenze nach unten erreicht und sich in den tiefen Tonlagen etwas abmüht. Allerdings muss man sich ja auch als Muse-Frontmann weiterentwickeln.

I Belong To You muss ich ja mal, ebenso wie Undisclosed Desires, als eines meiner Lieblingsstücke auf der CD preisen, gerade weil es so komplett anders ist. Der Rhythmus ist funkig, mit Schlagzeug, Bass und einem Klavier als Harmonieinstrument. Auch hier ist der Text wieder herzerweichend geschrieben und gesungen, es wäre alles so schön, wenn das ganze nicht in der Mitte in eine Interpretation eines Ausschnitts aus der Arie Mon Coeur S'Ouvre A Ta Voix (Sieh, mein Herz erschließet sich) umgewandelt würde. Sie stammt aus der Oper Samson und Dalila von Camille Saint-Saens und wird von Dalila gesungen, um Samson endgültig zu verzaubern und letztlich an die Philister auszuliefern. Interpretiert werden darf nach Lust und Laune, musikalisch ist das eine etwas merkwürdige Einbettung, zu der Bellamys Stimme auch irgendwie nicht so recht passen will.

Das Finale des Albums ist die dreiteilige Symphonie Exogenesis, dessen erster Teil Overture mit einem langsamen Streicherpart beginnt und sich, untermalt von (endlich!) Bellamys Falsettogesang und langen Gitarrenakkorden immer weiter aufbaut und im zweiten Teil, Cross-Polination, fortgesetzt wird mit einer gewohnt pathosgeladenen Melodie und dramatischer Orchestrierung. Mit Redemption, dem dritten Teil, klingen Symphonie und Album gemächlich und nachdenklich aus, und am besten fängt man dann gleich wieder von vorne an.

Es dauert wirklich etwas, sich über diese CD eine Meinung zu bilden. Die einen sprechen von einem Meisterwerk, die anderen sind vollkommen entsetzt über das, was diese Band da abgeliefert hat. Ich finde es musikalisch hochinteressant, und es war höchste Zeit für Muse, sich mal in eine andere Richtung zu bewegen bzw. auf dem, was sie über die Jahre hinweg etabliert haben, aufzubauen. Sie haben das Geld, sie haben die Möglichkeiten und die Ideen, es musste nur einfach mal gemacht und gewagt werden. Eine weitere Sammlung von Gassenhauern, das hat man am Vorgängeralbum gesehen, ist zwar nett anzuhören, aber es hätte die Band nicht weiter nach vorn gebracht. Insofern stelle ich meinen Stuhl zwar in die Mitte, aber ich gucke in Richtung der Meisterwerksfraktion.

Text Copyright Anna-Selina Sander 2009
Cover Copyright 
Warner Music

 
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