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Nick Hornby – Juliet, Naked
julietvon Anna-Selina Sander

Autor: Nick Hornby
Erschienen bei: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04139-2
Preis: ca. 19,95 Juliet, Naked bei Amazon.de

Nick Hornby hat irgendwie was richtig gemacht. Mit seinen mittlerweile über 50 Jahren kann man ihn altersmäßig eigentlich nicht mehr als jungen Autoren bezeichnen, doch seine Bücher sind niemals „alt“ geworden. Im Gegenteil, man ordnet sie, glaubwürdig wie sie seit eh und je sind, noch immer in die Kategorie ein, die man wohl am ehesten als Popliteratur bezeichnen würde – wobei das keinesfalls abwertend gemeint ist. Das mag unter anderem daran liegen, dass Hornby sich in seinen Büchern, mal am Rande, mal als Hauptthema, mit populärer Musik beschäftigt. Juliet, Naked ist ein weiteres Paradebeispiel für einen gelungenen Popmusikroman.

High Fidelity-Leser, die mit dem Autoren gewachsen und vielleicht auch weiser geworden sind, klassifiziere ich daher hiermit als die Zielgruppe, die am meisten Freude an Juliet, Naked haben wird. Es ist eine Dreiecksgeschichte mit wunderbaren Teilnehmern. Annie und Duncan sind seit 15 Jahren so etwas wie ein Paar, wobei sich das ganze seit Jahren gemütlich auf einer platonischen Ebene eingependelt hat, man möchte fast von einer Zweckgemeinschaft sprechen. Die Beziehung der beiden ist eigentlich auch eine Dreierbeziehung, als unsichtbarer Dritter schwebt immer Tucker Crowe im Raum. Tucker ist ein amerikanischer Sänger und Songschreiber, der in den 1980er Jahren seine Blütezeit hatte, 1986 jedoch auf dem Gipfel seines Erfolges für alle überraschend seine Tour abbrach und der Popmusik den Rücken kehrte. Seitdem hat man nichts mehr von ihm gehört, nur Duncan und, Web 2.0 sei dank, eine kleine weltweite Bloggergemeinde von bummelig 20 Mann halten ihrem Star noch heute die Treue. Jedes Fitzelchen an Musik, das Crowe einst hervorgebracht hat, wurde akribisch auseinanderanalysiert, interpretiert und katalogisiert, vor Dunan und seinem Fanmob ist nichts sicher, was den Stempel des Meisters trägt. Duncan ist mit seinen knapp über 40 Jahren also ein Musiknerd par excellence, einer von der Sorte, vor dem der Angebetete sofort reißaus nehmen würde.

Um Tucker und seinen Verbleib ranken sich Legenden, und wir begegnen Duncan und seiner schon etwas mitgenommenen Lebenspartnerin gleich zu Beginn des Romans auf einer Pilgerfahrt durch die Staaten, auf dem der Besuch einer Clubtoilette durchaus zu einer seligen Andacht werden kann.
Wieder daheim in England angekommen, taucht eine Demo-CD von Tuckers Erfolgsalbum Juliet auf, und Duncan (der sich, nachdem er erfahren hat, dass Annie sie vor ihm angehört hat, fast von ihr getrennt hätte – ja, so einer ist das!) lobt sie auf seiner Crowe-Website in den Himmel, wohl wissend, dass er der erste ist, der seine Meinung kundtun kann. König für einen Tag sozusagen.
Annie dagegen ist gar nicht so angetan von der Musik, verfasst kurzerhand eine Gegendarstellung und erhält kurze Zeit später eine E-Mail von Tucker höchstpersönlich.

Der unsichtbare Dritte in ihrer Beziehung hat sich nun, zunächst mal nur als E-Mail-Partner, tatsächlich materialisiert und bringt Annies verschlafenes Leben endlich mal ein bisschen durcheinander. Da grinst man sich eins, denkt ein bisschen an Daniel Glattauers wundervolle Liebesgeschichte Gut gegen Nordwind, und sinkt in Erwartung der Dinge, die da kommen mögen ein Stück tiefer in den Lesesessel. Tucker und Annie? Und was ist mit Duncan, soll sie ihm von ihrer neuen Bekanntschaft erzählen? Auf wen von beiden wäre er überhaupt eifersüchtig, auf Tucker, der, tausende Meilen entfernt, seiner, nun ja, Freundin, den Kopf verdreht, oder doch eher auf Annie, die seit über zwanzig Jahren die erste Person ist, zu der sein Idol Kontakt aufnimmt? Und will Annie überhaut so einen großen Schritt aus ihrem Leben hinaustun? Immerhin haben Tucker und sie jeweils eine lange Geschichte. Gut, Annies ist vielleicht etwas schneller erzählt als Tuckers, aber trotzdem sind beide keine Teenager mehr.

Juliet, Naked ist eine herrliche Darstellung von, ach, so vielem. Musiknerdtum, Eifersucht in all ihren Formen, Egoismus, dem Wiederaufwachen nach langen verschlafenen Jahren, der Bedeutung, die ein Mensch für den anderen haben kann, meinetwegen auch von Liebe, auch wenn das hier sehr vorsichtig nur angesprochen wird. Jede der drei Figuren reißt einen einerseits mit und lässt einen andererseits über sie den Kopf schütteln, Duncan mit seinem ungebrochenen Idealismus und der gleichzeitigen Arroganz, Annie mit ihrer Neugier und dem dankbaren Ausbrechen aus dem Trott auf der einen, ihrer Trägheit und Unentschlossenheit auf der anderen Seite, und natürlich Tucker, der schrägste von allen, über den ich hier eigentlich gar nichts verraten möchte.

Juliet, Naked hat nicht mehr die Wucht und Quirligkeit eines High Fidelity, About a Boy oder Fever Pitch. Hier merkt man vielleicht doch, dass der Autor gealtert ist, aber auf eine wache und kreative Art und Weise. Man kann das Buch irgendwo in der Mitte zwischen diesen Romanen und den dunkleren Werken wie A Long Way Down ansiedeln. Nicht nur in der Geschichte geht es um die Gratwanderung zwischen Neuem und Althergebrachtem, auf der sich die Figuren befinden, die sich auf der einen Seite zu alt glauben, um ihr Leben nochmal zu ändern, es auf der anderen aber gar nicht abwarten können, endlich auszubrechen. Das ist auch auf die Wirkung des Buches selbst zu übertragen, denke ich. Ich hab das sehr gerne gelesen und bin mir sicher, dass jeder für sich etwas da rausholen kann. Schönes Ding!

Text Copyright Anna-Selina Sander 2009

Cover Copyright Kiepenheuer & Witsch
 
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