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Proof / Der Beweis
Proof KinoposterUSA (2005), Regie: John Madden, Buch: David Auburn, Kamera: Alwin H. Kuchler, mit: Gwyneth Paltrow, Anthony Hopkins, Jake Gyllenhaal

 
Genauso wie den meisten anderen Kinogängern wäre es mir nicht unmittelbar in den Sinn gekommen, mir Proof anzusehen: Gwyneth Paltrow gibt eher selten eine echte Schauspielerin ab, Anthony Hopkins hat in letzter Zeit viel zu oft in drögen Verfilmungen von guter Literatur mitgespielt (siehe beispielsweise The Human Stain etc.), und John Madden hat den allseits überschätzten Shakespeare in Love gemacht (der zugegebenermaßen nett war, aber nicht sonderlich viel mehr).

Der Leser ahnt wahrscheinlich das "aber" schon: Aber. In Proof feuern bei Regie, Schauspielern (besonders [!] der Paltrow) und dem Autoren David Auburn alle Zylinder. Es findet ernstzunehmende, berührende, wunderbar dringliche Schauspielerei statt, und klare, selbstbewusste, klassisch-elegante Regiearbeit.

Von vorne: Gwyneth Paltrow spielt die Tochter eines genialischen Mathematikprofessors (Anthony Hopkins, in einer interessanten Variation seiner Persona des tragischen Berserkers), der leider völlig durchgeknallt ist - und irgendjemand muss sich ja um den irren, unangenehm müffelnden Alten kümmern. Bis er dann stirbt, und Gwyneth im Trümmerhaufen seines und ihres Lebens steht. Die Frage ist jetzt: Was ist innerhalb der Jahre von Hopkins' Siechtum in seinem Haus passiert? Hat er vielleicht doch nochmal einen revolutionären mathematischen Beweis zu Papier gebracht? Und was hat Gwyneth die ganze Zeit über gemacht?
 
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Die Parkbank ist eines der wiederkehrenden Elemente von Proof - ein Ort unangenehmer moralischer Entscheidungen.

Um das näher zu ergründen, braucht es natürlich Außenstehende, die dann auch in Form eines Doktoranden Hopkins' (sehr ordentlich: Jake Gyllenhaal) und Gwynnies penetranter Schwester (ein bisschen zu karikaturenhaft: Hope Davis) auftauchen.

Diese Grundlagen der Handlung gebe ich hier linear wieder, aber tatsächlich ist der Film strukturell hochinteressant verschachtelt und achronologisch gebaut, mit gemeinen kleineren und größeren Cliffhangern an allen Ecken und Enden. Ein gutes Beispiel: Die erste Szene des Films zeigt Paltrow und Hopkins, die eine Flasche Sekt zur Feier von Paltrows Geburtstag köpfen und locker, mit großer Vertrautheit über Paltrows Liebesleben reden. Bis Hopkins irgendwann darauf hinweist, dass er schon seit ein paar Tagen tot ist. Das klingt banal und schon-mal-dagewesen, funktioniert aber trotzdem fantastisch, weil die Chemie zwischen den beiden stimmt, ihr Dialog so intim und persönlich ist, und weil Hopkins das Ganze überaus dynamisch und auf den Punkt spielt.

Das lockere Puzzlespiel aus nur vage angetäuschten, oft angenehm verwirrenden Flashbacks passt auch ganz gut zum zentralen Thema des Films, nämlich Paltrows Identität(-sfindung): Sie hat den größten Teil ihrer Jugend mit der Pflege ihres Vaters verbracht und hat jetzt keine Ahnung, wer sie selbst ist. Die Aufdeckung ihrer Vergangenheit geht einher mit ihrer eigenen Re-Konstruktion: Je mehr wir über sie verfahren, desto mehr weiß sie auch über sich selbst. Diesen langen Prozess spielt die Paltrow sehr eindringlich, unglamourös, wunderbar wütend und mit leicht autistischen Zügen. Auburn hat da natürlich auch eine sagenhafte Rolle zu Papier gebracht, aber trotzdem: Wer hätte ahnen können, dass die Frau so spielen kann?
 
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Hope Davis' Schwester-Figur ist ziemlich ambivalent gezeichnet: Die Hilfsversuche gegenüber der Paltrow sind wohlgemeint, aber leider auch sehr plump.
 
Proof ist dabei ein well-made play, unternimmt nur sehr zaghafte Ausflüge in die offene Form - natürlich kann es Gwyneth am Ende des Films nicht total super gehen, aber ein gerüttelt Maß an closure findet schon statt. Über weite Strecken komponiert Madden den Film ziemlich streng. So gibts am Ende sogar einen formalen Rundschluss, als er Einstellungen und ganze Szenen mit leichter Veränderung wiederholt und sehr effektiv mit neuer Bedeutung auflädt: Gwyneth vor der Kirche nach der Beerdigung ihres Vaters, Gwyneth auf dem College-Hof, und ihr stehen alle Wege offen.

Maddens und Auburns Formalismus ist dabei nicht aufdringlich verkopft-intellektuell, sondern für jeden Zuschauer sofort erkennbar und durchschaubar: Das ist ganz klassisches, überaus cleveres Erzählkino, das nur in wenigen Szenen stolpert, wenn die Dialoge mal nicht wunderbar sind (so wie meistens), sondern ein bisschen zu lang, ein bisschen zu offensichtlich. Wem Tony Kushners Skript zu Spielbergs München zugesagt hat, bekommt hier beinahe denselben leisen, abgeklärten Humanismus (kein Widerspruch in sich!), denselben Willen zur Transparenz, die klassische Schönheit eines alten William Wyler-Films ohne pseudo-intellektuelle Abstrahierung oder Verkünstelung. Bitte ansehen.
 
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Selbst der harmonischste Moment des Films wird noch von allzu menschlichen Schwächen gebrochen: Hier ist Jake Gyllenhaal gleich dafür zuständig, das postkoitale Glühen verschwinden zu lassen.
 
Text Copyright 2006 Jochen Ecke
Film, Poster, Screenshots Copyright Miramax
 
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