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Gorilla des Monats

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Isabel Abedi – Lucian
lucianvon Anna-Selina Sander

Autor: Isabel Abedi
Erschienen bei: Arena Verlag
ISBN: 978-3-401-06203-7
Preis: ca.18,95 Lucian bei Amazon.de

Es sind ja inzwischen nicht mehr nur Vampire. Paranormal Romance ist das Stichwort, unter dem Liebesbeziehungen von Menschen (meistens weiblichen Geschlechts) mit allerlei übernatürlichem Gewimmel firmieren. Dass da eine Menge Schrott dabei ist, wissen wir inzwischen zur Genüge. Aber dass dabei auch eine ernste, aufwühlende Geschichte herauskommen kann, beweist, mal wieder, Hamburgs Perle Isabel Abedi. Wobei ich gleich mal eingangs sagen muss, dass Lucian nicht an die Vorgänger Whisper und Isola heranreicht. Das liegt meiner Meinung nach eindeutig an der Länge des Buches, mit 560 Seiten liegen hier definitiv einige zuviel vor.

Die Geschichte dreht sich um die 17 Jahre alte Rebecca, die mit ihrer Mutter, einer Psychologin namens Janne, und deren Lebensgefährtin Spatz (was ich übrigens sehr gutheiße. Schwächliche Vaterfiguren gibt es in diesem Herbst im Kinder- und Jugendbuch genug) zusammenlebt. Diese Beziehung der drei wird gleich zu Anfang als etwas ganz besonderes beschrieben, mit einer Szene, in der sie den Dachboden ausmisten und der Leser mit ihnen in all den Erinnerungen schwelgt, die sich in den Kisten so angesammelt haben. So entsteht eine Vertrautheit, die Rebecca wie eine sichere Burgmauer zu umgeben scheint.

Dass diese Mauer zwangsläufig bröckeln muss, wird bereits wenige Seiten später impliziert, als Rebecca einen fremden Jungen unter ihrem Schlafzimmerfenster sieht und kurz darauf einen schrecklichen Albtraum von ihrem eigenen Tod hat. In den folgenden Tagen taucht der Junge immer wieder auf und als die beiden sich miteinander unterhalten, stellt sich heraus, dass er keinerlei Erinnerungen an seine Vergangenheit hat. Daraufhin gibt Rebecca ihm den Namen Lucian, und damit kann er ganz gut leben. Die beiden verbindet ein eigenartiges Band, Lucian hat ständig Visionen von Rebeccas Kindheit, weiß Dinge über sie, die er eigentlich gar nicht wissen kann – zumal er in etwa so alt ist wie sie, also zum Beispiel ebenfalls ein Kleinkind gewesen sein muss, als Rebecca mit drei Jahren einen lebensgefährlichen Unfall auf einem Spielplatz hatte.

Dazu kommt, dass sich Janne plötzlich sehr eigenartig verhält und versucht, sie zu kontrollieren und in ihrer Nähe zu behalten. Was weiß sie über sie und Lucian? Da Rebeccas Faszination für Lucian längst in Liebe umgeschlagen ist, ist Jannes Kontrolle natürlich etwas, das sie keinesfalls tolerieren kann. Als Janne es nach einem dramatischen Zwischenfall endgültig übertreibt und Rebecca zu ihrem Vater nach Los Angeles schickt, beginnt für sie und Lucian eine Tortur, die beide nur knapp überleben. Und von diesem Zeitpunkt an wird die Geschichte immer seltsamer. Das ist kein gewöhnlicher Liebeskummer mehr – Lucian und Rebecca verbindet irgendetwas anderes, für das es keine wissenschaftliche Erklärung gibt. Und warum taucht Rebeccas seltsamer Englischlehrer aus Hamburg plötzlich in Los Angeles auf? Was hat es mit dem Kindermädchen von Rebeccas Vater auf sich, die anscheinend wesentlich mehr über die ganze Sache weiß, als sie anfangs preisgibt? Ist Rebeccas Todesvision womöglich kein einfacher Traum? Und vor allem: Wo ist Lucian?

Es wird dramatisch in diesem Roman, und ich mag die Auflösung der ganzen Geschichte nicht verraten, weil das einen Großteil der Spannung wegnehmen würde. Isabel Abedi kämpft tapfer an allen Fronten, denkt sich keine Entschuldigungen aus, um Konfrontationen ihrer Charaktere zu vermeiden. Da wird eine Familie bis aufs Fundament zerstört und auf den Trümmern notdürftig wieder aufgebaut, da werden Fragen über die Existenz gestellt, über höhere Mächte, über das Mensch- und Erwachsensein. Was als eine merkwürdige und etwas gruselige Liebesgeschichte beginnt, wandelt sich schnell in etwas nahezu philosophisches, das den Leser in der Tat nachdenklich zurücklässt.

Was ich diesem Roman ankreiden muss ist die eingangs schon erwähnte Länge. Sie ist an manchen Stellen gerechtfertigt, da die Geschichte Zeit braucht, um sich zu entwickeln. Schließlich ist das kein Actionkracher wie Isola oder ein Krimi wie Whisper. Allerdings gibt es den einen oder anderen Handlungsstrang, der für die eigentliche Geschichte nicht wichtig ist. Sie sorgen natürlich für Atmosphäre, aber tendieren zur Langatmigkeit. Shoppingtouren durchs Schanzenviertel zum Beispiel. Das ist für Hamburger natürlich wunderschön, die Figuren durch vertraute Gegenden laufen zu sehen. Man kennt viele der Schauplätze aus dem eigenen Leben und kann sich umso besser in die Geschichte reinversetzen. Für Menschen, denen die Stadt nicht bekannt ist, könnte das langweilig werden.

Die Längen sind aber nichts, was einen abschrecken sollte. Ich fand Lucian in seiner Gesamtheit wunderschön, gefühlvoll und voller gut gemachter Teeniedramatik, gemischt mit einer wirklich berührenden Auflösung. Whisper und Isola haben natürlich mehr Wumms und sind packender und vor allem pointierter geschrieben, ich würde auch fast sagen, dass bei den früheren Werken diese beeindruckende Beschreibung von Stimmungen besser gelungen ist als bei Lucian. Allerdings hat Lucian auch etwas andere Schwerpunkte und ist insgesamt ein eher leises Buch, leise aber bitte in Anführungszeichen.

Auch hier muss man, wie so oft in diesem Herbst, sagen, dass es eher ein Frauen- und Mädchenbuch ist. Ich suche noch nach einem richtig schönen Jugendbuch für Jungs, gerne Non-Fantasy. Es kann doch nicht sein, dass die Verlage für die Herren nur Geschichten mit Biowaffen, Schulhofmesserstechereien und Gefangenenlagern vorsehen! Wer da einen Tipp hat, bitte melden, ja?

Text Copyright Anna-Selina Sander

Cover Copyright Arena Verlag

 
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