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von Bettina Herbig
Großbritannien (2006), Regie: Kenneth Branagh, Musik: Wolfgang Amadeus Mozart, Libretto: Emanuel Schikaneder, Übertragung des Librettos: Stephen Fry, adaptiert von: Kenneth Branagh, Stephen Fry, Darsteller: Joseph Kaiser, Amy Carson, Benjamin Jay Davis, René Pape, Lyubov Petrova, Orchester: Chamber Orchestra of Europe unter der Leitung von: James Conlon, Chor: Apollo Voices unter der Leitung von: Chris Foster Originaltitel: The Magic Flute Verleih: Salzgeber und Co. Medien GmbH Die Zauberflöte bei Amazon.de
An Mozarts Zauberflöte kann man in vielfältigen Interpretationsweisen herantreten. Eine beliebte Lesart ist, dass Mozart und Schikaneder hier in märchenhafter Verpackung den Initiationsritus in eine Freimaurerloge verraten sollen. Andere sehen in ihr einen Vorreiter der Aufklärung, da Vernunft und Weisheit über die Alten Mächte und den Aberglauben triumphieren. Kenneth Branagh und Stephen Fry inszenieren sie als große Auseinandersetzung zweier Mächte, in der es um nichts Geringeres als die Zukunft der Menschheit geht. Tamino (Joseph Kaiser) ist Offizier im Krieg der Königin der Nacht gegen Sarastro. Er dient auf Seiten der Königin als ihm unversehens von ihren drei Spioninnen ein Geheimauftrag anvertraut wird: Pamina, die Tochter der Königin wurde von Sarastro entführt und wird nun von ihm in seinem Hauptquartier gefangen gehalten. Tamino soll sie retten. Und Tamino willigt ein, nicht nur nach dem verzweifelten Hilferuf der Königin (Lyubov Petrova, wundervoll klare Koloraturen) selbst, sondern auch, weil er sich unsterblich in Pamina verliebt, nachdem er ein Bild von ihr gesehen hat. Als moralische Unterstützung soll ihn bei diesem Auftrag Papageno (Benjamin Jay Davis) begleiten, der in den Stellungsgräben mit seinen Vögeln nach Giftgas sucht. Außerdem überreichen die drei Damen der Königin den beiden eine Zauberflöte und ein magisches Glockenspiel. So gerüstet machen sich Tamino und Papageno unter der Führung von drei Knaben auf, um in Sarastros Hauptquartier einzudringen.  
Dort wird Pamina (Amy Carson) von Monostatos, einem Offizier Sarastros, verfolgt, der sie in blindem Liebeswahn vergewaltigen will. In diese Szene platzt Papageno, vor dem der überraschte Monostatos Hals über Kopf flieht. Papageno berichtet Pamina vom Rettungsplan ihrer Mutter und auch, dass Tamino sich in sie verliebt habe. Beide machen sich auf, um Tamino entgegen zu eilen. Auch der hat inzwischen Sarastros Hauptquartier erreicht und findet dort zunächst wieder Erwarten nur Zivilisten und Verwundete vor, um die sich ein hemdsärmeliger Mann kümmert. Dieser bestätigt ihm, dass Sarastro hier lebe und auch Pamina sich hier aufhalte. Hin und her gerissen vom durch jahrelangen Krieg genährten Hass auf Sarastro und dem, was er hier sieht, weiß Tamino nicht recht, was er von dieser Sache halten soll, erst recht nicht, als er in dem hemdsärmeligen Mann Sarastro (René Pape, der beste Sarastro der Gegenwart) erkennt. Währenddessen bringt Monostatos (Tom Randle), der Pamina und Papageno auf ihrem Fluchtversuch erwischt hat, die beiden zu Sarastro. Doch statt der erwarteten Belohnung wird er von Sarastro degradiert, als dieser von Monostatos Vergewaltigungsversuch erfährt. Auch Pamina wird nicht bestraft und Tamino nicht als Kriegsgefangener eingesperrt. Nein, Sarastro hat andere Pläne: sie sollen, gestärkt durch Prüfungen ihres Charakters, endlich den ersehnten Frieden bringen.  Auch wer nur entfernt mit Mozarts Zauberflöte vertraut ist, wird gemerkt haben, dass Branagh und Fry den Stoff in einer modernisierten Umsetzung angehen. Als Setting der Handlung haben sie einen fiktiven Krieg gewählt, der ganz bewusst an den 1. Weltkrieg erinnern soll. Der Grund des Krieges bleibt im Dunkeln, doch ist er eine Allegorie auf die Zerrissenheit der Menschheit schlechthin, auf Neid, Missgunst und Hass aus emotionaler Enttäuschung heraus. Die Soldaten auf beiden Seiten – man kann sie nur anhand der Farbe ihrer Uniformen zuordnen – sind dieses Krieges müde, das wird nicht zu letzt in der Szene deutlich, in der Tamino und Papageno ihre magischen Instrumente erhalten, und die an den Weihnachtsfrieden von 1914 erinnert. Ganz anders die Königin der Nacht. Als Herrscherin, die es zu fürchten gilt, tritt sie auf einem Panzer stehend auf. Und auch ihre Worte sind furchtbar, werden sie doch in ihrer ersten Arie selbst zu todbringenden Panzern. Sie, die bitter in ihrer Liebe zu Sarastro enttäuscht wurde, der sie verlässt, als sie schwanger wird, sinnt einzig und allein auf Rache. Niemals soll Sarastro Macht über ihre Tochter gewinnen. Doch auch die Königin zeigt Schwäche, denn sie konnte ihre geliebte Tochter nicht beschützen und kann ihr nun auch nicht mehr aus eigener Kraft helfen. Sarastro hingegen hat begriffen, dass dieser Krieg zwischen den einstmals Liebenden nie enden wird. So tritt er auch kaum als Anführer einer Kriegspartei auf, so wie seine Gegenspielerin. Er baut an einem Schloss, einer Kathedrale und gleichsam an der Erneuerung der Gesellschaft basierend auf den Kardinalstugenden. Ausdruck dieser neuen Harmonie ist die Musik. Und hier zeigt sich ein weiterer Grund für die Wahl des Settings, denn nachgewiesener Weise war für die Menschen im 1. Weltkrieg Musik ein wichtiger Überlebensfaktor, der ihnen half, den Wahnsinn des Krieges zu überstehen.
 
Doch noch einmal zurück zur Modernisierung von Schikaneders Libretto. Stephen Fry hat hier eine Neuadaption des Stoffes geschaffen, nicht nur eine bloße Neuübersetzung. So ruft etwa Tamino nicht zu Anfang die Götter um Hilfe, auch Sarastros große Arie „O Isis und Osiris“ wird zu einem Gebet um Frieden und Weisheit, das an einen ungenannten Gott gerichtet ist. Und die Königin der Nacht berichtet in ihrer „Rache-Arie“, die um eine Strophe ergänzt wurde, von ihrer Beziehung zu Sarastro. Weitgehend gleich im Inhalt blieben dagegen die anderen Arien und Lieder. Teilweise schimmern hier und da wörtlich übernommene Sätze aus Schikaneders Libretto durch. Was dabei herauskam ist eine ungemein poetische und zugleich sehr sangliche Adaption, die in den deutschen Untertiteln (leider gibt es auf der DVD keine englischen Untertitel) sehr gut wiedergegeben wird. Die Ausstattung von Branaghs Zauberflöte kann man nur in jeder Hinsicht als opulent bezeichnen. Seien es die großen Massenszenen, die wunderbaren Kostüme, die in ihrer Schlichtheit überzeugen, oder die schiere Weite der Kriegsfelder im Gegensatz zur beklemmenden Enge der Schützengräben. Mit tiefem Einfühlungsvermögen für die Tragik der handelnden Figuren und auch für den Witz, der auch Schikaneders Zauberflöte auszeichnet, inszeniert Branagh seine Version und setzt damit Maßstäbe für Opernumsetzungen auf der großen Leinwand.
Für Interessierte gibt es hier noch einen Link zu einem kleinen Interview mit Kenneth Branagh . Und ein hübscher Trailer findet sich hier . Text Copyright Bettina Herbig 2009 Bilder Copyright Salzgeber und Co. Medien GmbH |