von Anna-Selina Sander Autor: Thomas Plischke Erschienen bei: Piper Verlag ISBN: 978-3-492-26690-1 Preis: 9,95 € Kalte Krieger bei Amazon.de Das US-amerikanische Portland, Maine ist gemeinhin nicht gerade für kriminalistische Aktivitäten bekannt. Als die Psychologiestudentin Amy Marsten dort ein Praktikum absolvieren will, kommt sie jedoch kaum dazu, sich vorzustellen, als die ersten seltsamen Dinge passieren: Der Psychologe Michael Beaumont hat ihr noch nicht einmal ihr Aufgabengebiet erklärt, da wird er in ein nahes Waldstück gerufen, um eine erfrorene Leiche zu begutachten – mitten im Sommer. Amy bekommt von Beaumont nur Bruchstücke einer Geschichte vorgeworfen, die sie sich schwer zusammenreinem kann. Was sie weiß, ist, dass eine Künstlerin namens Nina Walters, die vor ein paar Tagen verschwunden ist, darin eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Besagte Nina Walters ist die Hauptfigur im zweiten Handlungsstrang, der neun Jahre zuvor in einem Sommercamp, ebenfalls in Maine, spielt. Vor ihr liegen drei Monate Langeweile und ein peinliches Hurra-Programm der beiden Animateure Alex und Melissa, die geradezu nach einem Vergleich mit den beiden Pappnasen, die die Addams-Kinder in Die Addams Family in verrückter Tradition quälen, schreit. Mit ihrem Freundeskreis für die drei Monate hat sie auch nicht gerade die Goldkarte gezogen: Die schwarzgekleidete, zwar witzige, aber meistens durch ihre Dominanz ziemlich unerträgliche Jewel und die beiden eindimensionalen „JJ“ (eine heißt Julia, die andere Jessica – wer kann das schon auseinanderhalten?) sind nicht gerade das, was man eine In-Clique nennen könnte. Dazu kommt Ninas grauenhaftes Schwitzproblem – der Sommer kann ja großartig werden.
Der Leser merkt schnell, dass einige Kinder in dem Camp übersinnliche Fähigkeiten haben. Manche sind aktiv, manche eher passiv, die eine mental, die andere physisch. Zu Nina dringt das ganze noch nicht so durch. Erst als plötzlich eine Leiche aufgefunden wird, geraten sie und ihre Freunde in Alarmbereitschaft. Was zur Hölle wird hier gespielt? Die erfreulich wenigen Handlungsstränge führt Plischke in einem soliden Showdown am Ende zusammen, der eigentlich wenig Wünsche offen lässt. Einzig Amy kommt dabei ein ganzes Stück zu kurz, ihre Hintergrundgeschichte wurde auf Gedeih und Verderb noch auf den letzten Seiten nicht sehr sensibel runtergehechelt und hat daher gewaltige Lücken. Im Laufe des Buches gibt es zwar hier und da schon Andeutungen, die Auflösung dessen ist aber leider nicht sehr gelungen. Dafür, dass sie eine Hauptfigur ist, hätte sie ein wenig mehr Aufmerksamkeit verdient.
Der Rest lässt keine Wünsche offen! Das Thema Superhelden bzw. Superkräfte ist in diesem Jahr im Jugendbuchbereich ja in dem wunderschönen Roman Schimmer von Ingrid Law angeklungen, und Kalte Krieger schließt sich nahtlos an diese Tradition an, wenn auch natürlich an ein erwachsenes Publikum gerichtet. Die Verpflanzung der Geschichte in die Gegenwart hat der Sprache Plischkes sehr gutgetan. Die Zerrissenen Reiche – sorry, ganz andere Thematik, aber der Vergleich ist doch obligatorisch – waren sprachlich ja recht holprig, wenngleich sich der Stil im Laufe des zweiten Bandes doch etwas gebessert hat. Kalte Krieger jedoch fluscht wie Butter, nicht anstrengend, aber auch nicht platt, wenn auch die ständigen Vergleiche hier und da etwas an den Haaren herbeigezogen wirken. Man kann das aber wohlmeinend auch als stilistische Eigenart bezeichnen, ebenso wie die vereinzelt eingesetzten Ekelszenen, die der Autor durchaus gut zu handhaben weiß. Ich sehe ihn böse grinsend vor mir, wie er die Worte in die Tastatur haut und überlege mir innerlich schon, wie ich mich um sein nächstes Werk Die Zombies (erscheint im Frühjahr) herumdrücken kann. Erfreuliche Abwechslung zwischen all dem Vampir/Dämonen/Werwolf/Dingse-Geschreibsel, das eine schöne Brücke zwischen Mystery und Phantastik schlägt. Wer mit den Zerrissenen Reichen nichts anfangen konnte, der möge Plischke bitte nochmal eine Chance geben, das hier ist ein anderes Genre, ein anderer Stil, ein gänzlich anderer Schnack, wie wir in Hamburg sagen. Text Copyright Anna-Selina Sander 2009 Cover Copyright Piper Verlag |