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Asterix und sein Einfluss: Ein kurzes Innehalten zum Geburtstag

asterixvon Knut Brockmann

Das Jahr geht zu Ende und damit wird auch ein langer Geburtstag voller Glückwünsche ad acta gelegt. Nein, an dieser Stelle wird nicht von der Borussia aus Dortmund gesprochen, sondern, thematisch passender, von dem vielleicht einflussreichsten und wichtigsten mitteleuropäischen Comic der Nachkriegszeit: Asterix

Bei vielen Comic-Afficionados hat Asterix einen eher mäßigen Ruf. Dabei haben die meisten derer, die heute mit Begeisterung Comics lesen mindestens genau so viel Asterix genossen, wie sie es mit einer oder mehrerer der heute häufig missachteten amerikanischen Superhelden-Serien getan haben. Aber, wie bei allen, die sich irgendwann als eingefleischte Fans sehen und auch vor sich selbst inszenieren, so wird das, was bei allen anderen Mitmenschen populär ist, als zu trivial oder einfach zu sehr Mainstream angesehen. Vergessen wird hierbei, dass jeder Mainstream irgendwann von einem Vordenker, einem wahren Avangardisten ersonnen wurde. Asterix ist, ohne überschwänglich werden zu wollen, einer der wichtigsten für die Entwicklung des Comics in Europa.

goscinny uderzo

Als die beiden Freunde René Goscinny und Albert Uderzo 1959 ihre gallischen Helden ersannen, war es nicht der Griff nach etwas Großem, sondern einfach der Versuch, eine interessante französische Thematik für ihre Comics zu finden. Denn um sie herum amerikanisierte es sich spürbar, wenn auch auf sehr französische Art und Weise. Goscinny schrieb für Morris den Lucky Luke (ab 1955), zusammen mit Uderzo hatte er zudem mit dem Indianer Umpah-Pa (ab 1958) ordentlichen Erfolg. Asterix sollte nun zur römischen Besatzerzeit spielen, direkt nach der von Julius Cäsar in seinem De Bello Gallico festgehaltenen Eroberung. Die beiden Helden, Asterix und Obelix, benannten sie nach wissenschaftlichen Lektoratszeichen, wobei die Idee wohl bei Asterix selbst kam, der nach dem Asterisk (*) benannt wurde, auch weil die Serie damit aufgrund des Anfangsbuchstabens A immer am Anfang in Listen auftauchen würde. Obelix bezieht sich dagegen auf den heute kaum noch gebräuchliche Obeliskus, ein Balken, später auch ein Kreuz, der beim Redigieren eine kritische Stelle markiert. Beide Zeichen haben eine lange gemeinsame Geschichte. Das Asterisk stand nicht nur handschriftlich für eine Anmerkung, während der Obelsikus für schwerverständliche Passagen stand. Als Fußnote war das Sternchen das erste genutzte Zeichen, das Kreuz (eben auch Obeliskus) das darauf folgende. Zuletzt wird auch das christlich wirkende Kreuz als Obeliskus bezeichnet, wo bei hier wohl eigentlich graphisch ein Dolch stilisiert werden sollte. Beide Zeichen stehen für Geburt und Tod. Natürlich hat Obelix auch eine doppelte Bedeutung, wie viele der gallischen und römischen Namen aus der Feder Goscinnys. So kann der Name des korpulentesten aller Gallier auch auf den Obelisken zurückgeführt werden, jener nach oben hin sich verdünnenden Steinsäule, die so nahe Verwandtschaft zu den heute berüchtigten Hinkelsteinen hat.

Wie die Namen schon andeuten, lebte Asterix von Anfang an von seinen Wortspielen und Andeutungen aus der Feder Goscinnys, die durchaus auch gerne die aktuelle Weltpolitik, die französische Gesellschaft oder auch zeitlose Probleme der Menschheit zum Thema hatten. Gleichzeitig arbeitete er mit einem kongenialen Zeichner zusammen, der sich über die verschiedenen Abenteuer enorm in seinem Stil verbesserte und heute als einer der besten Zeichner der franco-belgischen Schule bezeichnet werden kann, und das, obwohl der Gute farbenblind ist. Da aber Asterix eigentlich als Fortsetzungsgeschichte in dem Wochenheft Pilote und damit als Schwarz-Weiß-Comic konzipiert war und erst für die Alben in sehr unterschieldicher Qualität coloriert wurde, war diese Schwäche kein Problem.

Überholung auf Rechtsaußen und späte Brillanz: Asterix und Deutschland

Schon problematischer war der Weg des Asterix nach Deutschland, denn hierzulande hatten die Helden einen katastrophalen Start. Comics, die bis zu Asterix auch in Frankreich keinen besonders hohen Stand hatten, waren im Deutschland der 60er Jahre nicht mehr als Schund und wurden fast schon als eine Art jugendfreie Pornographie wahrgenommen. Der Erfolg des Mediums war aber, nicht zuletzt wegen Disney, kaum aufzuhalten. Der deutsche Verleger Rolf Kauka hatte sich mit seinem Magazin Lupo schon länger etabliert und kaufte die Rechte an Asterix, lies von dem Original-Text aber nichts mehr übrig. In Deutschland wurde aus Asterix der Germane Siggi und aus Obelix sein Freund Barbaras. Damit nicht genug, das gallische Dorf wurde Bonnhalla, einer nicht sehr erheiternden Anspielung auf Bonn, der später im Deutschen Mirakulix getaufte Druide Panoramix wurde mal kurz zur konservativen Kanzler-Anspielung Konradin (für Konrad Adenauer). Feindbild waren kaum noch die gerne verprügelten und etwas nervig angesehenen „Boys“ / Römer, stattdessen wurde ein Feldzug gegen manche demokratische Unsitten (der Barde Parlamet sollte seinen parlamentarischen Quärulanten-Mund doch bitte geschlossen halten, damit man mit eiserner Hand regieren kann), sowie das linke politische Lager und vor allem die DDR geführt.

bonnhalla

Bestes Beispiel war der Umgang mit Goscinnys Satire auf unser eigenes Land: Als zweite Geschichte veröffentlichte Kauka die brillante Satire Asterix bei den Goten, welche aus der bekannten Spaltung zwischen West- und Ostgoten einen internen Kampf inszenierte, den eigentlich niemand richtig verstehen konnte. Die köstliche Satire auf den kalten Krieg wurde unter Kaukas Anleitung ein Propaganda-Stück schlimmster Fasson: Siggi, der Westgote, musste den von Agenten aus der Ostgotenzone geraubten Konradin retten. Die dortigen Goten waren alle verblendet, redeten statt in Frakturschrift lieber rot unterlegt und nannten sich selbst Genossen. Dies brachte die beiden Asterix-Schöpfer so sehr in Rage, dass sie, endlich, einschritten und Asterix an den Ehapa-Verlag übergaben. Bis heute muss jede deutsche Übersetzung wieder von einem französischen Germanisten rückübersetzt und dann überprüft werden. So ein Fiasko sollte nie wieder vorkommen.

Vorteil dieser Geschichte war vielleicht nur, dass mit Gudrun Penndorf nun endlich eine ausgezeichnete Übersetzerin Hand an die Asterix-Geschichten anlegte und viele unserer heutigen Erinnerungen an die Gallier prägte. Das vor Wortwitz und intelligenten Anspielungen nur so überbordende Original wurde mit ebenso viel Liebe zum Detail umgesetzt, nicht übersetzbare Elemente durch wunderbare eigene Witze ersetzt, eine enorme Leistung, die leider nur wenige Comic-Übersetzungen so mitbekommen haben. Leider wird Pennsdorfs Name im Kontext der deutschen Asterix-Rezeption viel zu wenig erwähnt, dabei ist sie das positive Gegengewicht zu Kaukas rechtspopulistischer Vergewaltigung.

MV

Ehapa veröffentlichte Asterix von nun an in seinem Magazin MV. Zudem wagten sie es schon bald, die neue Veröffentlichungsform der Alben auszuprobieren, mit denen ein Abenteuer endlich am Stück gelesen werden konnte. Der Erfolg stellte sich erst mit etwas Abstand ein, aber nun wurden Alben die bevorzugte und bis heute gebräuchliche Form der Veröffentlichung von franco-belgischen Comics. Aufgrund der langwierigen Geschichte erschien Asterix mit seinem ersten Band Asterix, der Gallier hierzulande 1968, dafür aber endlich in der formidablen Übersetzung. Dies führte aber zu einem anderen Problem, denn gleichzeitig stand schon der zweite Asterix-Film in den Startlöchern, beruhend auf dem sechsten Abenteuer der gallischen Widerständler: Asterix und Kleopatra. Die Wahl war durchaus clever, denn visuell war das Abenteuer sowieso eine Hommage an das Hollywood-Epos Cleopatra mit der großen Elizabeth Taylor. Da bisher nur das erste Abenteuer auf Deutsch in vernünftiger Form veröffentlicht worden war, musste das im Original 1962 begonnene Werk vorgezogen werden. Asterix und Kleopatra wurde zum zweiten Abenteuer, dabei störte es die Entwicklung der Figuren empfindlich. So erschien der feine Hund Idefix eigentlich erst im fünften Band Tour de France . Die Vorgänger Die goldene Sichel, Asterix bei den Goten und Asterix als Gladiator wurden nachgelagert, sowohl der Zeichenstil, als auch die Einführung der Figuren wurde dadurch im Deutschen schwer nachvollziehbar.

Ein unsterblicher Klassiker....


Von Perspektiven: Das Erbe des Asterix

Was Asterix bis heute so besonders macht, ist die Tatsache, dass er eigentlich immer genau auf der Höhe der aktuellen Politik war. Die widerspenstigen Dörfler waren zudem voller moderner Fehler – und dennoch liebenswert. Manche Figuren waren stock-konservativ, selbst Asterix blökte manchmal gegen moderne Bauten und verschandelte Natur, wobei sich Goscinny und Uderzo selten seine doch manchmal beschränkte Sichtweise zur eigenen Perspektive machten. Sie spielten mit der Tatsache, dass der Leser eben eine andere Perspektive auf die Geschichte einnehmen kann. In dem sonst eher mäßigen, wenn auch sehr erwachsenen Band Der Seher kommt dies besonders gut rüber. Die Dörfler glauben gerne aber, solange es nur ihren Vorstellungen von der Zukunft entspricht. Als ein Seher die Zukunft als graue Wohnsilos im typischen Stil des sozialen Wohnungsbaus beschreibt, wird er als Spinner abgelehnt. Die Villa im Grünen, die der nächste Seher beschreibt, wirkt da schon viel sympathischer und realistischer. Solch soziale Kommentare zur Entwicklung der Lebensumstände sind dabei gar nicht mal einzigartig, Goscinny kommt auch in Asterix als Gladiator auf sie zu sprechen, wenn er die insulae in Rom aufs Korn nimmt, oder aber in der Handlung der Trabantenstadt, wobei die deutsche Übersetzung hier einiges noch forciert.

obelix

Auch direkte politische Kommentare waren durchaus üblich. Obelix GmbH & Co. KG zeigte die Gefahren der frühen neoliberalen Marktentwicklung in Frankreich auf. Der Vordenker Technokratus ist dabei eine Karikatur von Jaques Chirac, der eine Intrige gegen die eher durch Tauschgeschäfte geprägte dörfliche Wirtschaft ausheckt, um so die Gallier von der Weltmacht abhängig zu machen. Der daraus entstehende Hinkelstein-Überfluss führt in eine Rezession, aus der so mancher Banker auch aktuell hätte Schlüsse ziehen können. Dabei kann nicht behauptet werden, dass Goscinny und Uderzo durch Asterix in eine bestimmte politische Richtung gedrängt werden können. Zum Beispiel zitiert Majestix häufiger den eher klassisch konservativen Politiker Charles de Gaule, Sebigbos, eine Karikatur auf Winston Churchill, bevölkert Asterix bei den Briten ganz ohne politischen Hintersinn.

Auch wenn wir einige Witze vielleicht nicht mehr verstehen können oder der historische Kontext fehlt, Asterix ist und bleibt eine der wichtigsten popkulturellen Einflüsse auf mehrere Generationen sowohl in Frankreich, als auch in Deutschland. Ohne Asterix wäre der Comic in beiden Ländern nicht aus der Schmuddelecke herausgekommen. Fast nebenbei haben der listige Gallier und sein ungleich sympathischerer rundlicher Freund und Hundebesitzer auch viel anderen Einfluss auf die Kultur und seine –treibenden ausgeübt. Und wenn es nur den Schreiber dieser Zeilen dazu veranlasste, Latein als erste Fremdsprache am Gymnasium zu wählen. Eigentlich sollte er Asterix dafür hassen. Dass er es dennoch nicht tut, beweist, wie charmant und brillant dieser Gallier ist. Seit nunmehr 50 Jahren. Lasst uns einen darauf trinken, latürnich!

 

*…und erzählt eine eigene Geschichte: ab der ersten Station der Gallier folgt der unbekannte Hund bis in das Dorf zurück. Erst dort meldet er sich bei Obelix. Eigentlich sollte der Hund nur kurz in dem einen Bild vorkommen. Der Running-Gag entstand bei Uderzos Umsetzung des Scripts und war ein enorm erfolgreicher Einfall. Idefix ist ein Star und Liebling der vor allem jungen Fans

Text Copyright Knut Brockmann 2009

Bilder Copyright Les Editions Albert-René/Goscinny-Uderzo

 
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