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Gorilla des Monats

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Neuromancer

neuromancervon Alexander Lachwitz

Autor: William Gibson
Erschienen bei: Heyne Verlag (Buch), Der Audio Verlag (Hörbuch)
ISBN: 3453526155
Preis: 15 Die Neuromancer-Trilogie bei Amazon.de 

Hörbuch: 23 €  Neuromancer bei Amazon.de

Keine Frage, ein Buch mit einer großen Anhängerschar zu verfilmen, ist nie leicht. Und wir reden hier nicht von aktueller Literatur, sondern um ein Buch das, trotz teils zwiespältiger Kritiken, seinen Kultstatus schon lange zementiert hat. Dass ein ganzes Rollenspiel auf der Romantrilogie fußt, ist da noch das kleinste Merkmal. Beeindruckender ist da schon der Einfluss auf zeitgenössische Filme, angefangen von BladeRunner (selbst eine der wenigen herausragenden Buchverfilmungen eines anderen Sci-Fi-Klassikers), über den eher schwachen Vernetzt – Johnny Mnemonic (basierend auf einer Kurzgeschichte aus Gibsons Neuromancer-Kosmos), David Cronenbergs "eXistenZ" bis hin zu der Matrix-Trilogie und fast allen modernen Sci-Fi Filmen die sich mit dem Thema alternative Realität befassen.

Umso erstaunlicher und aufregender ist es, was man aus dem ersten Buch gemacht hat. Alfred Behrens hat den Namensgebenden ersten Band der Neuromancer-Trilogie genommen, gekürzt und mit fast durchweg sehr engagierten Sprechern in ein fantastisches audiophiles (Kopf-)Kinoerlebnis umgesetzt. Mit Wort, Musik und Ton wird der Höhrer unwiderstehlich in die 80er Jahre der Sci-Fi-Ära gezogen und kann selbst erfahren was den enormen Reiz des Cyberpunk ausmacht und wieso sich aus diesem Buch ein ganzes Subgenre der Sci-Fi erfand.

Case, ein Hacker der sich einst in die Weiten der Matrix einklinkte um für Geld Industriespionage und Datendiebstahl zu begehen, wird von einem geheimnisvollen Mann namens Armitage für einen hochgefährlichen Auftrag angeheuert. Als Belohnung versorgt man ihn schon im Vorraus mit einem neuen Nervensystem, da ihm dieses ein früherer Auftraggeber so zerstörte, so dass er nichtmehr in die Matrix kann.

Zusammen mit einem kleinen Team von Spezialisten macht sich Case also an den Auftrag und ehe er es sich versieht, steckt er schon mitten in einem Kampf zwischen zwei Künstlichen Intelligenzen, die dabei sind die Strukturen der Matrix, und damit auch die reale Welt, gehörig auf den Kopf zu stellen. Dabei nimmt Gibson den Leser mit auf eine surreale, leicht augenzwinkernde Reise durch die popkulturelen Höhen und tiefen des letzten Jahrhunderts, die er zu seinem eigenem, sehr dreckigen, aber charmanten Kosmos verwoben hat.

Natürlich ist das nur ein Kurzabriss. Der Plot ist, obgleich das erste Buch nicht zu den seitenstärksten gehört, sehr komplex und Gibson hat nicht gerade mit abstrakten Fachbegriffen für seine Matrixwelt gegeizt. Neben dem Entwurf einer düsteren nahen Zukunft, die aus heutiger Sicht immer realer zu werden scheint, reißt er die Frage auf, wie das menschliche Bewußtsein sich wandelt, in einer Welt die sich immer weiter von der physischen Realität entfernt. Zugegeben, Neuromancer ist nicht das tiefschürfendste Werk in diesem Bereich. Aber es hat eine enorme Ideenfülle und Kreatitivität die gleich ausgestreutem Saatgut, den Boden legte für eine ganze Schar weiterer Werke die sich eingehend damit beschäftigen.
Unter uns Gorillas z.B. wird noch diskutiert ob Neil Stephensons Snow Crash womöglich das tiefschürfendere Kultbuch dieses Subgenres sein könnte. Nichtsdestotrotz, ohne die entfesselnde Wirkung von Neuromancer, hätte es viele spätere interessante Werke wohl kaum in ihrer heute bekannten Form gegeben.

Wie nun soll man sich so einem Stoff nähern? Zu recht gilt Gibsons Prosa als schwer verfilmbar. Der Stoff lebt von seiner schrulligen Formulierung die einen guten Teil der Atmosphäre ausmacht. Es ist nunmal ein starker Unterschied wenn ein Mann wie Gibson eine Büroeinrichtung mit Augenzwinkern beschreibt, als wenn man sie bloß auf der Leinwand fertig eingerichtet serviert bekommt. Doch gerade in diesem Punkt kann ein Hörspiel mit dem Erzähler seine Stärke hervorragend ausspielen. Dennoch kein leichtes Spiel für Behrens und sein Team, auch weil der Plot im Laufe der Handlung sehr verworren und fast schon surreal wird.

neuromancer

Die gefundene Lösung ist daher, wenig überraschend, gleichzeitig der Grund für Lob und Kritik an der Umsetzung. Anstatt die Handlung stringent vom Start bis zum Ende zu erzählen, gibt es immer wieder kurze Unterbrechungen, in denen die nächsten Handlungspunkte in äußerst kurzer Form abgerissen werden. Zudem kriegt man immer wieder mal Erklärungen zu einzelnen Stichworten serviert, als würde man ein Lexikon befragen. Quasi ein kleines Neuromancer-Wiki. Manche Erklärungen kommen äußerst früh, aber allein ihre Erwähnung hilft dem Hörer sehr dabei eine Übersicht über den gesamten Plotrahmen zu behalten.

Diese beiden Elemente greifen zwar immer wieder auf kommende Handlungselemente voraus, aber der dadurch zu befürchtende Spannungsverlust ist kaum messbar, die Orientierung für Nicht-kenner im Verlauf der Handlung hingegen, steigt äußerst stark an. Einzig sollte man eine gewisse Grundsymphatie mit dem Thema techniklastiger Sci-Fi mitbringen um die Grundbegriffe zu verinnerlichen mit denen der Plot arbeitet. Da ein Großteil davon aber in ähnlicher Form heuztage schon Realität geworden ist, sollte das für die meisten Hörer kein großes Problem sein.

Die Musik und Hintergrundgeräusche tragen einen Großteil zur gelungenen Atmosphäre bei. Egal ob in den Slums von Chiba, in der Türkei oder einer Steuerfreien Sonderzone auf einer Raumstation, man hat immer das Gefühl dass diese Umgebung "funktioniert" und nicht, dass da bloß jemand auf dem Synthesizer rumgedudelt hat. Gerade der wechselhafte und stellenweise fast stakkatoartige Musikeinsatz, vermischt mit dem deutsch-englisch-chinesischem Stimmengemurmel im Hintergrund, treibt den Puls in den spannenden Momenten mindestens genau so hoch als wenn man den Plot im dunklen Kino erleben würde.

Als letztes wären da die Sprecher. Für die vielen kleinen und größeren Nebenrollen hat man sich sehr viel Mühe mit der Besetzung gemacht und viele Einzelsprecher besetzt, anstatt einem Sprecher gleich ein halbes Dutzend Nebenrollen aufzudrücken. Die unterschiedlichen Akzente, Sprechweisen und Betonungen machen die Identifiguren einwandfrei identifizierbar.
Da ist es schon meckern auf höchstem Niveau wenn ich anmerke dass einzig Marion von Stengel als Molly, hier etwas leblos wirkt. Sie macht ihren Job zwar einwandfrei und kann die zweite Hauptrolle durchaus stemmen. Aber man muss nur einigen Minuten den Finnen, McCoy Pauley oder Wintermute lauschen, um zu erkennen dass hier leider eine gewisse Diskrepanz in der Schauspielkunst vorhanden ist.

Nun eben zu den Fantasyanhängern, ich hoffe ihr habt bis hierher durchgehalten, oder lest wenigstens diesen Absatz. Sci-Fi hat generell eine hohe Affinität zu Fantasy. Beide arbeiten mit ähnlichen Elementen, auch wenn es natürlich eklatante Unterschiede gibt.
Neuromancer aber, weist streckenweise frapierende Ähnlichkeiten zu generöser Fantasykost auf. Was ist Case, der Matrixhacker anderes als ein talentierter Zauberer? Wintermute, die künstliche Intelligenz im Hintergrund, nichts anderes als ein uralter Dämon, Molly als Schwertschwingende Amazone... Die Liste ließe sich endlos weiter fortführen.
Und mit diesen Elementen wird im Hörspiel noch stärker als im Buch selbst gespielt, am Ende wird gar die alte Frage aufgeworfen wie groß der Unterschied zwischen Wissenschaft und Zauberei denn wirklich ist.

Mehr möchte ich jetzt aber wirklich nicht verraten, das wäre unfair der vielen Arbeit gegenüber die Behrens und seine Crew investiert haben. Wenn die Verfilmung nächstes Jahr wenigstens halb so viel Bestreben hat dem Buch Leben einzuhauchen, kann man beruhigt sein. Ich glaube aber nicht so recht dran. Neuromancer ist in seinem wahren inneren ein Produkt der späten 80er Jahre und trägt dementsprechend starke, auf die vergangenen Phasen der Popkultur verweisende, Züge, dass es schwer wird diese aus dem Reich der Worte und Sprache, gekonnt in die Sprache der Bilder zu transformieren. Aber lassen wir uns überraschen.

Bis dahin sollte sich jeder Konselen.... *räuspser* Tastaturcowboy mal mit Gibsons Werk auseinandersetzen. Der Heyne-Verlag hat gerade einen neuen Sammelband mit der gesamten Trilogie veröffentlich, und das Hörspiel von DaV ist mit 3 CD's auch kurzweilig genug um nicht zu einem Höhr-Marathon gezwungen zu werden. Wer nicht genug kriegt, kann es sich ja nochmal anhören, oder die Bücher lesen, oder einen der Genrefilme schauen, oder..... *klick* 'Case steckte ein'....

"Das innere Auge öffnete sich zur abgestuften, knallroten Pyramide der Eastern Seabord Fishing Authority, die leuchtend hinter dem grünen Würfel der Mitsubishi Bank of America aufragte."

Text Copyright Alexander Lachwitz 2009

Cover Copyright Heyne Verlag (Buch), Der Audio Verlag (Hörbuch)
 
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