von Alexander Lachwitz USA (2009), Regie & Drehbuch: James Cameron; Produktion: James Cameron, Jon Landau; Musik: James Horner; Kamera: Mauro Fiore; Schnitt: John Refoua, Stephen E. Rivkin, James Cameron; Darsteller: Sam Worthington, Zoë Saldaña, Sigourney Weaver, Stephen Lang, Michelle Rodriguez, Giovanni Ribsi, Joel David Moore, CCH Pounder, Wes Studi erschienen bei: Twentieth Century Fox Zuerst sind da diese skeptischen Zweifel. Stört die dickrandige 3D-Brille beim Film nicht, ist Cameron noch so versiert und begabt wie einst, oder ist er inzwischen auch dem Technikwahn anheimgefallen? Immerhin hat man 12 Jahre lang außer einigen, durchaus interessanten, Dokumentationen nicht mehr viel von ihm gehört. Sowieso ist die Liste mit Cameron's Werken erschreckend kurz, obgleich davon jeder Film ein Kassenschlager war, mehrere sogar Kultstatus erlangten. Wir wollen die offensichtlichen und naheliegenden Punkte schnell klären. Die oben genannte Skepsis ist großteils unbegründet. Nicht-Brillenträger werden sich vielleicht zuerst etwas am Gestell stören, aber es ist in keinster Weise unangenehm und spätestens nach einer Viertelstunde ist man so sehr in die Traumwelt Pandora eingetaucht, dass man an die Brille keinen Gedanken mehr verschwendet. Das bringt uns zum zweiten Punkt. Cameron ist zwar ein bekennender Fan der 3D-Technik (was er bei keinem Interview vergisst zu erwähnen), aber er hat es geschafft die Technik als handwerkliches und erzählerisches Werkzeug zu meistern. Gerade letzteres macht den besonderen Reiz des Films aus, aber dazu später.  Die Story ist nicht neu. Als Rohstofflieferant für die ausgelaugte Erde, wird der Planet Pandora von einer privaten Firma als Abbaugebiet genutzt. Marine-Söldner Jake Sully ist an den Rollstuhl gefesselt und hat sich entschlossen für seinen verstorbenen Bruder bei einem Wissenschaftsprojekt auf Pandora teilzunehmen. Im Rahmen dieses Projekts wird Jake's Bewußtsein in einen künstlich geschaffenen Körper eines Eingeborenen versetzt. Neben einer üppigen Flora und Faune lebt auf Pandora nämlich auch das Volk der Na'vi, das über die unwilkommenen Gäste nicht sehr erfreut ist. Natürlich geht nicht alles so wie die Leiterin der Wissenschaft (überzeugend auch im CGI-Kostüm einer Na'vi: Sigourney Weaver) es sich vorstellt. Zuerst geht Jake verloren und schafft es wie durch ein Wunder mit den Na'vi tieferen Kontakt zu schließen. Dann verliert das Militär langsam die Geduld und beschließt die Umsiedelung der Na'vi mit Gewalt durchzudrücken, damit man endlich an die reichhaltigsten Adern gelangen kann, die Dummerweise unter dem Heiligtum der Eingeborenen leben. Wenn man bedenkt dass Cameron an dem Stoff länger gearbeitet haben soll als Peter Jackson für die Herr der Ringe-Trilogie brauchte, kann man eine gewisse Enttäuschung bezüglich der schlichten Handlung nicht verbergen. Etwas weniger Vorhersagbarkeit hätte dem Film nicht geschadet. Auch die Figurenzeichnung ist in keinster Weise überraschend, allerdings noch gekonnt genug um klebrige Klischees zu vermeiden.
Ein großes Lob ist aber für die Tiefe der dargestellten Welt fällig. Pandora atmet und lebt aus jeder Pore, obgleich hier auf den ersten Blick Welten aufeinandertreffen die kaum zueinanderpassen scheinen. Schwebende Berge, fliegende Quallen, Korallenbäume mitsamt passender tierischer und zweibeiniger Bewohner. Während in Star Wars die Menge der Welten und ihrer kreativen Gestaltung auf Dauer langsam mehr erheiternd, denn begeisternd wirkt, hat man sich hier nur auf eine einzige Welt konzentriert. Und doch merkt man dass hier noch eine gewaltige Menge Platz ist in der sich die Macher schöpferisch austoben können.  Nun aber zu dem interessanten Punkt. Im Vorfeld wurde behauptet der Film nutze die 3D-Technik auf völlig neue Art und Weise (hörte man das nicht von fast jedem 3D-Film der letzten Jahre?) und schaffe dadurch eine gänzlich neue Tiefe. Moment mal? 3D-Technik ist doch genaugenommen nichts weiter als eine Methode um das Erleben des Filmes zu erweitern. Also wenn man statt Stereo Surround hören würde. Ergo ein nettes Bonbon das einen Filmabend gewiss aufwertet, aber doch nicht den Film selbst. Filmenthusiasten würden mich für diesen Vergleich zwar lynchen, aber genau an diesem Punkt setzt Cameron auf zweierlei Art an. Zum einen wird der 3D-Effekt nicht auf Teufel komm raus ausgereizt. Natürlich fliegen einem bei Explosionen und Kämpfen schonmal einige Einzelteile um die Ohren, aber man wird davon nicht erschlagen. Zum anderen ist die Handlung des Films mit einigen dezenten aber tragenden Merkmalen ausgestattet, die den technischen Aspekt des 3D-Kinos hervorragend aufgreifen. Nur ein kurzes Beispiel: Wenn Jake Sully in seine Kapsel steigt, um sich mit seinem Avatar zu verbinden, und die Augen schließt, erwacht er kurz darauf im Körper seines Na'vi, seines Avatars. Wenn sein Avatar müde wird und einschläft, erwacht er wieder in seinem menschlichen Körper. Nicht umsonst stellt er sich im Laufe des Films selbst die Frage welches Leben sein reales ist, und welches bloß noch ein Traum.  Durch den 3D-Effekt wird beim Zuschauer selbst der Eindruck erweckt, man würde sich, zusammen mit Jake Sully, durch eine surreale Traumwelt bewegen. Erst nach und nach gewöhnt man sich an den Rausch aus Farben und Formen, bis man die 3D Welt als fast greifbar wahrnimmt. Dies ist kein überwältigender Effekt, eher ein feiner Zusatz der ein schon gutes Menü noch weiter verfeinert und ihm ein besonderes Aroma verleiht. In diesem Fall heißt dass, das das Erleben des Fremden Avatarkörpers und das Entdecken der neuen Welt, ein Stück weit auf die Wahrnehmung des Zuschauers ausgeweitet wird. Unter einem Avatar verstehen wir nicht erst seit diversen Computerspielen und dem Boom des Internet einen übermenschlichen Körper der uns über die normale Welt hinaushebt. Schon vor mehreren Jahren wurde der Begriff aus seinem hinduistischen Kontext gelöst und hat viele neue Interpretationen erhalten. Für die heutige Jugend ist es etwas ganz alltägliches im Internet oder in Videospielen einen Avatar zu haben, angefangen vom schlichten Bild das ein Forenmitglied kennzeichnet, bis hin zu mehr oder minder frei gestaltbaren Personen in digitalen Welten. So sehr man sich freuen mag dass diese einst utopische Vorstellung (siehe Neuromancer oder SnowCrash) heute Realität ist, die Schattenseiten sind uns nicht ersparrt geblieben. Mehr und mehr beginnen wir dem virtuellen Leben in digitalen Welten Vorrang vor unserer realen Welt zu geben. Verfettung und Verdummung sind da noch die eher harmlosen Folgen. Cameron hätte also statt eines an den Rollstuhl gefesselten, jungen Mannes, auch einen übergewichtigen Jugendlichen mit sozialen Kommunikationsproblemen nehmen können.
Wir alle träumen immer wieder davon einige oder auch alle Fesseln unseres normalen Lebens, unsere körperlichen Schwächen, die finanziellen Sorgen, Mitmenschen die einem Schmerz zufügen, und dergleichen mehr abzulegen um uns frei entfalten zu können. Heute haben wir die Möglichkeit uns zumindest eine solche Illusion zu erschaffen. Schon in Mamouro Oshi's Avalon – Spiel um dein Leben, wurde dies bis zu einer wichtigen Frage weitergeführt: „Was ist das bessere Spiel? Jenes bei dem der Spieler glaubt er könne jederzeit aufhören, obwohl er dies nicht kann, oder jenes bei dem er glaubt, er kann nicht mehr aufhören, obwohl die Möglichkeit jederzeit besteht?“ Cameron führt diese Frage leider nicht so weit aus, aber das kann man verschmerzen bei dem was er ansonsten noch alles serviert. Immerhin, und das ist der springende Punkt bei diesem Film, nutzt er die 3D-Technik um das Gefühl zu v erstärken in die fremde, als Mischung aus Urwald und Unterwasserbiotop angelegte, Welt von Pandora im wahrsten Sinne des Wortes einzutauchen. Radikaler hätte man nur sein können, wenn die Scenen mit Jake Sully als Mensch in 2D wären, aber das ist technisch wohl (noch) nicht möglich. Natürlich kann man statt obiger Deutungsweise den Film auch einfacher und direkter betrachten. Anspielungen und Verweise gibt der Stoff in rauer Menge her, angefangen vom Massaker an den Indianern, über Umweltschutz bis hin auf den heutigen Krieg um Ressourcen.  Man sollte den Film nicht als Actionspektal betrachten, wer das tut könnte nämlich durchaus enttäuscht werden, sondern als großen fantastischen Abenteuerfilm. Eine gewisse Bereitschaft sich darauf einzulassen fordert der Film, aber dafür bietet der Film auch ein ergreifendes Ereignis für dass sich dieser eher geringe Aufwand definitiv lohnt. Dahingehend war der erste Trailer, in dem kein Wort zur Handlung verraten wurde, sondern nur Bilder mit spährischer Musik unterlegt wurden, ein kluger Marketingkniff. Schade nur, dass die Zuschauer sowas nicht wollten, kurzerhand bekamen sie einen typischen 0815-Trailer nachgeliefert, in dem Avatar ein wenig zu sehr nach „Actionfeuerwerk“ aussieht. Wer mit obigem kein Problem hat, der sollte mit Avatar vollkommen auf seine Kosten kommen. Die optischen Schauwerte, werden nie als Bombast serviert, sondern immer in mundgerechten, leicht bekömlichen Häppchen, ehe es dann wieder ein wenig mit der Handlung vorangeht. George Lucas, Michael Bay und Konsorten schauen sich diesen Film hoffentlich an und fangen an zu begreifen, wie man Tricktechnik richtig handhabt!
A propos Tricktechnik. Im Vorfeld und auch nach Start des Films wurden von einigen Seiten die digitalen Make-Ups der Darsteller kritisiert. Dem kann ich nur vehement wiedersprechen. Die Schauspieler leisten alle so ziemlich ihr Bestes (auch wenn bei manchen Nebendarstellern das Beste nunmal nicht besonders ist) und wirken auch als Na'vi äußerst glaubwürdig. Der von Final Fantasy und anderen CGI-Filmen bekannte Effekt der wächsernen Gesichter tritt hier nie auf. Dahingehend hat sich Cameron's lange Arbeit an dem Film bezahlt gemacht. Man mag sich kaum vorstellen was uns nun, da diese Technik langsam gemeistert ist, in Zukunft noch alles bevorstehen mag.  Schauspielerisch ist der Film nun keine große Herausforderung für die Darsteller, doch eine gute Besetzung zahlt sich hier zweifellos aus. Sam Worthington hat nun, nach Terminator Salvation, ein weiteres mal sein Talent unter Beweis gestellt. Man sollte ihn definitiv im Auge behalten. Zoë Saldaña als Neytiri, die Jake Sully in die Kultur der Na'vi einführen soll, füllt ihre Rolle dabei gut aus, schafft es aber leider kaum über ihre eher stereotype Funktion hinauszukommen. Dennoch ist es eine Freude ihr bei der Arbeit zuzusehen, was zugegebenermaßen auch an dem digitalen Make-Up liegt. Über Weaver muss man wenig sagen, die jahrelange Erfahrung vor der Kamera und auf der Theaterbühne merkt man ihr an. Als moralisches Gewissen auf Seiten der Menschen und zänkische Kollegin überzeugt sie tadellos und verleiht dem Film eine wohltuende Bodenhaftung. Musikalisch liefert James Horner mit seinem Score solide Wertarbeit ab, die den Film gut unterstreicht, sich aber nicht zu stark in den Vordergrund drängt. Der in Na'vi-Sprache gesungene Choral prägt sich zuerst weniger stark ein als man vorher erwartet hätte, im Nachhinein gibt es der Musik aber die nötige Ernsthaftigkeit. Ein Score a la Zimmer oder Silvestri hätte dem Film nur geschadet. Avatar – Aufbruch nach Pandora ist längst nicht so sphärisch geraten wie der erste Trailer, aber dazu würde ihm auch die inhaltliche Tiefe fehlen. Vielmehr ist es ein unterhaltsamer und optisch hervorragender Allerweltstraum dem man sich gerne hingeben mag. Kinogenießer sollten sich den Film auf jeden Fall in 3D gönnen. Diejenigen die nur ein einfaches unterhaltsames Abenteuer wollen können ihn auch in 2D sehen. Seinen Mehrwert, der tatsächlich auch inhaltlich greift, zieht der Film aber wirklich erst in 3D.
Ob eine Fortsetzung Avatars als Trilogie, wie Cameron sie in Aussicht stellte, nun nötig oder sinnvoll ist, muss jeder für sich entscheiden. Thematisch und von der Ausarbeitung her ist Avatar – Aufbruch nach Pandora ein sehr rundes Werk mit nur wenigen Mängeln. Wie schon mit Abyss oder Terminator 2 ist es ihm auch dieses mal gelungen die Tricktechnik, genauer gesagt ihre Handhabung, ein gutes Stück nach vorne zu bringen. Ob es einen ähnlichen Status wie Terminator oder Aliens erlangt ist fraglich. Ich vermute eher nicht. Ein bemerkenswerter, handwerklich makelloser Film ist es aber alle mal. Ein typischer Cameron also. Text Copyright Alexander Lachwitz 2009 Bilder Copyright Twentieth Century Fox |