von Thomas NickelSystem: PlayStation 3 Japan (2008) Entwickler: Compile Heart Erschienen bei: Koei / THQ Preis: ca. 47€ Cross Edge bei Amazon.de Es gab mal eine Zeit, lange bevor Final Fantasy VII alles veränderte, da wurden Rollenspiele noch von niedlich animierten, großäugigen 2D-Sprites bevölkert, Helden waren optimistische Draufgänger oder gleich stumme Avatare und die Fans konnten sich freuen, wenn pro Jahr mehr als zwei RPGs ihren Weg in den Westen fanden. Heute ist das freilich anders: Rollenspiele protzen auf den großen Konsolen mit wuchtiger Grafik, epischen Plots und filmischer Inszenierung. Aber die kleinen Kulleraugensprites haben sich trotzdem ihre Nische erhalten: Fans der guten, alten Zeit werden heute von Firmen wie Gust und Nippon Ichi bedient. Disgaea, die Atelier-Serie oder Mana Khemia knüpfen inszenatorisch an vergangene Sprite-Zeiten an. Und jetzt findet in Cross Edge das Gipfeltreffen der 2D-Helden und Heldinnen statt. Und die kommen aus aller Herren Länder. Eine mysteriöse Macht saugt Seelen in eine geheimnisvolle Traumwelt um sie sich genussvoll einzuverleiben. Und in dieser Welt erwachen auf einmal auch York und Miko. Aus irgendeinem Grund wurden nicht nur die Seelen, sondern auch die Körper der beiden Teenager in die andere Welt versetzt. Und jetzt liegt es an York, Miko und May, einem kleinen Mädchen das die beiden nach kurzer Zeit treffen, den Seelen-Klauern das Handwerk zu legen. Zum Glück sind sie dabei nicht alleine, sondern bekommen tatkräftige Hilfe von zahlreichen 2D-RPG-Veteranen.  Fans der ebenso einschlägigen wie buntigen Nischen-Titel Made in Japan bekommen beim Figuren Line-Up große Augen. Helden und Schurken aus Atelier Marie, Ar-Tonelico: Melody of Elemia, Disgaea – Hour of Darkness, Mana Khemia 2 und Spectral Souls geben sich die Klinke in die Hand und als spezielle Stargäste gibt sich auch der ein- oder andere Handkanten-Held aus Capcoms Monster-Prügler Darkstalkers die Ehre. Und vielleicht sollte man der Vollständigkeit halber auch noch erwähnen, dass Entwicklerteam Compile Heart vor allem die jungen, weiblichen und gut gebauten Aushängeschilder der entsprechenden Titel für Cross Edge rekrutiert hat. Denn Fanservice wird hier groß geschrieben. Nicht nur, dass ihr mit einer primär aus attraktiven Mädels zusammengesetzten Party ins Abenteuer zieht, ihr dürft die ganzen aparten Damen auch gleich noch in verschiedene Outfits stecken. Vom Cheerleader-Kostüm, über die klassische Yukata, bis hin zu Gothic Lolita-Outfits, Schuluniformen und natürlich den obligatorischen Badeanzügen und Bikinis reicht das Spektrum, praktisch jeder gängige Anime-Fetisch wird bedient. Diese Kostüme ändern für männliche und weibliche Charaktere die Kampfwerte, nur die Mädels bekommen beim Kostümwechsel aber auch neue Portraits spendiert – da ist es recht offensichtlich, wo die Prioritäten der Entwickler saßen.
 Tatsächlich wurden in Sprites und Charakterportraits eine Menge Arbeit gesteckt. Denn wie Eingangs bereits erwähnt, kommt Cross Edge in 2D daher. 2D im klassischen Stil wohlgemerkt, nicht im Zeichentrick-Look eines Wario Land: The Shake Dimension oder eines Guilty Gear. Die Sprites sind klein, gnubbelig und nicht allzu hoch aufgelöst, die Animationen sind hübsch, aber letzten Endes doch eher zweckmäßig. Und das ist okay, denn das ist der eigene Stil von Cross Edge und auch genau der Stil, den die Fans wollen. Und seinen Charme hat dieser Look allemal. Künstliches Meckern über den Low-Tech-Ansatz ist hier schlicht und ergreifend unangebracht. Technik, Auflösung und Darstellungsart setzen die Designer genauso bewusst als Stilmittel ein, wie der Filmemacher, der seinen neuen Streifen mit besonders körnigem Filmmaterial oder in Schwarz-Weiß schießt. Natürlich wird der Look von Cross Edge den eingefleischten Fan von PornographieMarke Call of Duty abwechselnd zu hysterischen Lachanfällen und ungläubigem Spott hinreißen. Aber Anhänger von üppigen High-Res Vorzeigeobjekten sind halt auch nicht die Zielgruppe von Cross Edge. Das gilt nicht nur grafisch, sondern vor allem spielerisch.
Cross Edge hat nicht das geringste Interesse daran, neue Fans an Bord zu holen oder gestressten Spielern ein paar angenehme Stunden entspannter Unterhaltung nach Feierabend zu beschehren. Cross Edge ist Arbeit. Entwickler Compile Heart hat das Spiel derartig mit komplexen, oder besser gesagt komplizierten Systemen und Spezialregeln vollgestopft, dass zunächst wirklich nur noch Oldschool-Veteranen durchblicken, die weder vor Lernkurven so steil wie die Eiger-Nordwand, noch vor dem mühseligen Aneignen all der Spezial- und Sonderregeln zurückschrecken. Die Oberwelt wird nicht einfach nur durchlaufen, es gilt permanent mit Mays Scan-Fähigkeit nach entführten Seelen zu suchen um sie zu befreien. Gegenstände werden nicht einfach gekauft, sie werden aufwändig mit gefundenen Rohstoffen synthetisiert. Und manchmal wird es dann auch völlig abstrus: Wenn ihr neue Waffen für teures Geld bei euren eigenen Mitstreitern kaufen müsst, dann wundert ihr euch zurecht. Und wenn ihr minutenlang in den unglaublich verzweigten Menüs nach einem essenziellen Punkt wie der Speicherfunktion suchen müsst, dann drängt sich unweigerlich das böse Gefühl auf, dass beim Entwicklungsprozess von Cross Edge irgendwann der reine Exzess Einzug gehalten hat. Und nirgendwo wird das deutlicher als in den Kämpfen.  Warum einfach nur den Angriffsbefehl geben, wenn man auch von Hand Kombinations-Angriffe und Team-Attacken auslösen und kombinieren kann? Warum nur auf Lebensenergie und Magiepunkte-Vorrat achten, wenn man genauso gut vier verschiedene Energieleisten und dazu noch ein paar Aktionspunkte- und Kombo-Anzeiger im Auge behalten kann? Cross Edge sieht bunt und harmlos aus, ist es aber nicht. Die entscheidende Frage ist nur, wie viel Komplexität einem Kampfsystem gut tut, und wann der Punkt erreicht ist an dem die Spezialregeln zum Selbstzweck werden. Und wenn ihr mich fragt: Cross Edge hat diesen Punkt überschritten. Die besten und motivierendsten Spiele zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf ein eingängiges, nicht zu kompliziertes Spielprinzip setzen, das im Laufe der Zeit nach und nach seine tatsächliche Tiefe und seinen wahren Anspruch offenbart. Bei Cross Edge scheint dieses Prinzip genau auf den Kopf gestellt worden zu sein. Es gibt viel, viel zu lernen und die Beherrschung der komplexen Systeme wird gerade im späteren Spielverlauf auch mit ordentlich Pyrotechnik und nützlichen Item-Drops belohnt. Das befriedigende Gefühl, dass sich bei einem guten RPG aber einstellt, wenn ihr die Zusammenhänge im Kampfsystem verstanden habt bleibt bei Cross Edge aus.
 Aber vielleicht will mich Cross Edge ja auch gar nicht so wirklich ansprechen. Vielleicht bin ich gar nicht Teil der engen Zielgruppe, an die dieses seltsame, überfrachtete und irgendwie viel zu komplizierte Spiel sich richtet. Cross Edge ist ein Spiel, in das ihr euch tief, tief hineinfressen müsst. Ein Spiel für lange, dunkle, durchzockte Nächte. Für ein Abtauchen in eine durch und durch seltsame Welt, aber auch für ein Wiedersehen mit alten Bekannten, mit denen ihr früher schon Abenteuer erlebt hat. Und deswegen kann ich von Cross Edge auch nicht so richtig abraten. Faszinieren euch komplexe Kampfsysteme mit langer Einarbeitungszeit, habt ihr ein Faible für kleine Niedlichsprites und verschlingt ihr die kleinen, unbekannteren Nischentitel wie Ar-Tonelico oder Mana Khemia 2 mit Begeisterung, dann werdet ihr auch mit Cross Edge weitaus mehr Spaß haben als ich. Denn wie gesagt: Cross Edge ist Fanservice, und als solcher eben auch für die eingeschworenen Fans bestimmt. Und Außenstehende müssen das dann auch nicht unbedingt begreifen.
Text Copyright Thomas Nickel 2010 Bilder, Video Copyright Compile Heart |