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von Frederik Wilhelmi
Eine kurze Warnung vorneweg: Natürlich kann ein solches Essay kaum ohne Spoiler auskommen - habt ihr also Batman Begins und The Dark Knight nicht gesehen solltet ihr das vielleicht vor Lektüre des Textes tun. Als ich Batman Begins zum ersten Mal sah dachte ich das Thema des Films sei die Angst. Zum einen verkörpert durch Batman, der die Gestalt der Fledermaus wählt, weil sie seine eigenen Angst repräsentiert und weil sie ihm einen Vorteil im Kampf gegen die Kriminellen (dem abergläubischen Pack) verschaffen kann. Zum anderen ist die perfekte Ergänzung für einen solchen Helden Scarecrow, der ebenfalls mit Angst arbeitet, sie aber „künstlich“ herstellt, also mit Hilfe einer Chemikalie auslöst. Aber die Rolle von Scarecrow war nicht so ausgeprägt und es gab einen zweiten Konflikt mit einem zweiten Gegener, dem sehr viel mehr Raum zur Verfügung gestellt wurde und der auch in „The Dark Knight“ wieder auftauchte. Es handelt sich um den Konflikt zwischen zwei grundlegenden Konzepten der Moralphilosophie: Der deontologischen Ethik und dem Konsequentialismus. Der Konsequentialismus lässt sich populistisch kurz als „Der Zweck heiligt die Mittel“ zusammenfassen, seine berühmteste akademische Manifestation ist der Utilitarismus von Jermey Bentham. Nach dieser Ethik ist immer jene Handlung „gut“, die das Wohlbefinden möglichst vieler Menschen steigert. Die Deontologische Ethik wiederum macht den Wert einer Handlungen nicht an ihren Konsequenzen fest, sondern behauptet, dass jede Handlung einen moralischen Wert an sich hat. Die populistische Vertretung macht in diesem Fall Jesus Christus mit dem Satz, dass man seinen Nächsten wie sich selbst lieben soll. Jede moralische Handlungen muss also danach beurteilt werden, ob man sich selbst gegenüber genau so handeln würde, unabhängig von ihren Konsequenzen. Akademisch aufbereitet hört sich das dann folgendermaßen an: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Der kategorische Imperativ von Kant. Batman ist wohl kaum jemand der sich an den kategorischen Imperativ hält. Ein allgemeines Gesetz, dass jedem Bürger, der Lust und Zeit hat, erlaubt sich Fledermaussachen anzuziehen und auf Verbrecherjagd zu gehen, ist nur schwer vorstellbar und nicht besonders wünschenswert. Insofern ist er ein Konsequentialist. Er erschreckt und foltert und bricht das Gesetz, weil er Gotham für die ehrlichen Bürger sicherer machen möchte. So kann man sagen, Scarecrow des Aspekt der Angst, der auch Batman innewohnt, übertreibt und pervertiert. Der Hauptbösewicht in Batman Begins ist jedoch Ra´s al Ghul, der einem derart radikalen moralischen Konsequentialismus folgt, dass er für Batman zum Gegner wird. Als Anführer einer uralten Sekte, die sich der Verbrechensbekämpfung verschrieben hat, meint al Ghul, dass es das einfachste wäre Gotham City mit all seinen Verbrecher zu opfern und damit ein Exempel zu stationieren und die Welt (die Mehrheit) sicherer zu machen. Die Vernichtung seiner Heimatstadt bewertet Batman aber völlig unabhängig von den Konsequenzen als schlecht und kämpft gegen Ra´s al Ghul, um sie zu verhindern. Batman wird so zum Beschützer aller Menschen von Gotham, auch ihrer Verbrecher. Soweit so simple. Kommen wir zum zweiten Film und zu zwei sehr viel interessanteren Bösewichten: Harvey „Two Face“ Dent und der Joker. Dent ist zunächst ein klarer Vertreter der deontologischen Ethik, er hält sich an die Gesetze und nutzt sie, um auf die „richtige“ Art und Weise gegen das Verbrechen zu kämpfen. Batman erkennt das und sieht in ihm den „weißen Ritter“ der Gotham die Rettung geben kann, die er als moralisch zwielichtige Persönlichkeit nicht geben kann. Welche Ethik vertritt dahingegen der Joker? Keine und Alle. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wolle er nur Chaos verbreiten. Dies ist zu einem gewissen Punkt wahr, aber es handelt sich vor allem um ein moralisches Chaos. Er versucht Menschen zu zwingen ihr moralisches Bewertungssystem zu wechseln, in dem er die Anreize verändert. Um das näher zu erläutern: Ein kleiner Exkurs.
In seinem Einführungsvortrag über Ethik beschreibt der Politikphilosoph Michael Sandel folgende Situation. folgende Situation. Man sitzt am Steuer eines LKWs, man ist bergab unterwegs und die Bremsen gehen kaputt. Auf der Straße stehen fünf Menschen, die man alle überfahren würde, wenn man den LKW nicht auf eine Nebenstraße lenkt auf der nur ein Mensch steht. Die meisten Havard Studenten sind anscheinend bereit den einen Menschen zu opfern. Darauf beschreibt die Sandel die Situation neu: Diesmal steht man auf einer Brücke unter der der bremsenlose LKW durch muss, bevor er die 5 Menschen überfahren kann, neben einem steht ein sehr dicker Mensch und wenn man ihn vor den LKW werfen würde, könnte damit der Tod der fünf Menschen verhindert werde. Die meisten Menschen entscheiden sich gegen den Mord am dicken Menschen, obwohl es prinzipiell die gleiche Handlung wäre. Diese Abänderung der Situation ist genau das was der Joker tut. Bis zu einem gewissen Punkt sind sowohl die Bürger als auch sein Alter Ego Bruce Wanyne zufrieden mit Batmans Tätigkeit. Sie nützt den meisten Menschen. Bis zu dem Zeitpunkt an dem Joker anfängt Menschen zu töten, solange Batman sich nicht offenbart. Gothams Bürger müssen die Situation neu bewerten. Dann entführt Joker Harvey Dent und Batmans Herzallerliebste und baut die Situation so auf, dass Batman nur einen der beiden sicher retten kann. Die Entscheidung sollte klar sein: Die Rettung Dents ist auf jeden Fall „for the greater good“, von ihm ist die Aburteilung der Hälfte aller organisierten Kriminellen in Gotham abhängig. Aber ohne zu zögern macht Batman sich auf den Weg um Rachel Dawes vor dem Flammentod zu retten. Dass der Joker ihm die falsche Adresse gegeben hat und er so doch Dent rettet, macht ihn dann zu einem unfreiwilligen Konsequentialisten. Ein weiteres Beispiel: Der korrupte Mitarbeiter von Wayne Enterprises verkündet öffentlich, dass er das Batman-Geheimnis auflösen würde. Nun ändert der Joker die moralische Beurteilung der gesamten Gothamer Bevölkerung. Würden diese einen Mord normalerweise als absolut falsch betrachten (und damit deontologisch handeln) macht die Drohung des Jokers ein beliebiges Krankenhaus in die Luft zu jagen, alle Bürger mit kranken oder verletzten Angehörigen zu potentiellen Mördern und zu radikalen Konsequentialisten. Zurück zu Harvey Dent. Dessen moralischer Kompass wurde auch vom Joker umgepolt. Von Schmerz und Trauer erschüttert, überzeugt der Joker ihn, dass er seine Handlungen nicht länger an den Gesetzen und seinem reine Gewissen ausrichten kann. Aber Two Face wird kein Konsequentialist, viel mehr bleibt er einer deontologischen Ausrichtung, seiner persönliche Moralphilosophie treu. Weiterhin bewertet er jede Handlungen für sich, ohne Beachtung ihrer möglichen Folgen, aber das Bewertungssystem wird pervertiert, weil er jede seiner moralischen Handlungen nun von einem Münzwurf abhängig macht. 
So kommt es zum großen Finale. Der Joker hat zwei Fähren, die zur Evakuierung Gothams genutzt werden, mit Sprengstoff ausgestattet und auf beiden Schiffen den Zünder für die Bombe des anderen Bootes deponiert. Den Passagieren wird mitgeteilt, dass sie eine Stunde Zeit haben, um den Zünder zu betätigen. Sollte nach Ablauf der Zeit immer noch beide Fähren schwimmen, werden beide in die Luft gesprengt. Um die Situation komplizierter zu machen, sind auf der einen Fähre Häftlinge aus dem örtlichen Gefängnis und auf der anderen „normale“ Bürger. Eine moralische Handlung, die eigentlich die eines Massenmörders ist, nähmlich die Sprengung eines vollbesetzten Bootes, wird so zu einer durchaus vernünftigen Option. Die Bürger handeln als Utilitaristen: Eine Mehrheitsentscheidung soll bestimmten, was für das Wohl aller das Beste ist. Der Fehler liegt darin, dass man bei einer solchen Entscheidung eigentlich alle beteiligt seinen müssten, die davon betroffen sind. Aber wie einer der Bürger sagt, verlieren Häftlinge gewisse Bürgerrechte. Sie sind zum Beispiel nicht länger an Entscheidungen beteiligt, die die Gesellschaft als Ganze betreffen. Dass heißt sie dürfen nicht mehr wählen. Die Bürgerfähre entscheidet sich zum Massenmord, aber niemand wagt es tatsächlich den Zünder zu drücken. Die entscheidende Tat wird nicht durchgeführt. Auf dem Gefängnisschiff läuft es andersherum ab. Ein Gefangener beschließt alleine und deontologisch, was das moralisch richtige ist. Er führt die entscheidende Handlung durch und wirft den Zünder über Bord. So haben beide Boote, das eine weil niemand die Verantwortung für einen Massenmord übernehmen wollte, das andere weil jemand die Verantwortung für ein Massenselbstopfer übernehmen konnte, dem Joker widerstanden. Nicht alle schwören ihrem moralischen Kompass ab, so bald ihr eigenes Leben in Gefahr ist. Was bedeutet das nun alles? Zunächst einmal wage ich die Vorhersage, dass Christopher Nolan wohl keinen dritten Batman Film mehr machen wird. Zumindest wenn die Grundlagen der Moralphilosophie tatsächlich sein wichtigstes Thema war. Zum einen weil es relativ gründlich abgehandelt wurde und zum anderen weil es einfach keinen weiteren Batmanbösewicht gibt, der so mit dem moralischen Aspekt des Batmans spielt, wie Ra´s al Ghul, Two Face und der Joker. Aber vielleicht fällt Nolan ja noch was ein. Die Anreize sind bei einem der ertragsreichsten Filme aller Zeiten schließlich riesig. Außerdem stellt sich für mich die Frage, ob ich die Filme mit Kenntnis der moralphilosophischen Tiefe besser finde? Schwer zu sagen. Ich muss mich fragen was tatsächlich zum Plan des Autoren gehört und was ich nur selbst herein interpretiert habe. Dabei wirkt es allerdings so, als habe Nolan Batman Begins das Thema Moral nur angeschnitten (und leider auch etwas plump), während es in The Dark Knight bestimmend und durchgehend ist. Vielleicht ist es das was The Dark Knight nicht nur zu dem besseren Batman Film macht, sondern auch zu einem guten Film. Text Copyright Frederik Wilhelmi 2010 Bilder Copyright Warner Bros. |