Begonnen hat das ganze Drama seinerzeit in der schönen Kurmetropole Bad Malente in der holsteinischen Schweiz. Dort, eigentlich fern jeglicher weltlicher Vergnügungen, weilte ich zwecks der schulischen Bildung in meinem Beruf, und eines Tages kam die Klasse in den Genuss einer von einem Lehrer vorgelesenen Geschichte namens Das Glück der Pinguine von einem jungen Autoren namens Frank Goosen. Es ging dabei erstens um Pinguine, zweitens um Paarung und drittens um Trivial Pursuit (die Genius Edition), vielleicht kann sich der ein oder andere Leser den Zusammenhang ja aus eventuellen Theaterbesuchen (Tipp: Ein seltsames Paar) zusammenreimen. Wie auch immer. Bis dahin war Goosen ein Unbekannter in meinem kulturellen Universum, also hörte ich mich ein wenig in der Welt um und stieß schon auf dem Sitzplatz neben mir auf weitere Informationen, die eigentlich nur aus einem Wort bestanden: Tresenlesen. Das sagt einem zunächst mal gar nichts, mir auch damals. Aber am späteren Abend wurden dann die ersten CDs in die Boombox eingelegt (irgendeiner hatte immer eine von denen dabei) und ich machte die Entdeckung meines Lebens. Teilt sie mit mir und lest weiter! Im Jahre 1992 taten sich zwei Herren zu einem, wie sie es selbst nennen „Literaturkabarett“-Duo zusammen. Der eine heißt wie bereits erwähnt Frank Goosen, der andere Jochen Malmsheimer. Beide sind gewissermaßen komödiantisch begabt und ich muss darauf beharren, dass Herr Malmsheimer sogar Buchhändler ist. Studiert haben sie auch alle beide, also ist der intellektuelle Anspruch auch beglaubigt – nur für den Fall, dass hier kritische Stimmen laut werden. Bis zur Auflösung im Jahre 2000 absolvierten sie, zunächst in Kneipen, dann bald auf größeren Bühnen, zwischen 800 und 1000 Auftritte (die Zahlen sind den Homepages der beiden Herren entnommen und sie gehen tatsächlich so weit auseinander...) und nahmen sechs Live-CDs auf. Das Programm besteht nicht nur aus Eigenkompositionen. Zu Anfang wurden einfach witzige Texte von meist noch lebenden deutschen Autoren vorgelesen. Nach und nach wurde das Programm dann fast vollständig zu einem komplett selbst geschriebenen Repertoire umgewandelt, so dass einige CDs gänzlich allein gestaltet sind. Diese Texte beziehen sich dann meist auf Familien- und Alltagserlebnisse der Hauptpersonen oder die von Freunden und Verwandten, wie zum Beispiel die Abenteuer von Goosis Ommma bei C&A. Mit drei M. Und im Hintergrund stets urige Kneipengeräusche. Eines haben die Stücke alle gemeinsam: Sie sind weit entfernt von dem derzeitig anerkannten Comedyprogramm à la Barth, von der Lippe etc. (wobei ich von der Lippe wirklich witzig finde. Aber eben auf andere Art), wenn sie unter die Gürtellinie gehen, dann gekonnt, sie sind so wortgewaltig, dass man beginnt, an seinem eigenen aktiven Wortschatz zu zweifeln und leben von einem Spektrum von subtilster Ironie bis hin zum größten Kalauer. Es geht um Sprache, Sprache, Sprache: In „Ey Digger Alder Boah“-Zeiten wirken die beiden Herren einer totalen Volksverblödung entgegen, indem sie immer wieder die kompliziertere Formulierung für einen eigentlich ganz einfach Satz suchen – und finden. Das hier ist Comedy, über deren Genuss sich auch versnobbte Intellektuelle sich nicht zu schämen brauchen. Besonders wunderbar nach der Fußball-WM sind übrigens diese glorreichen Zitate, die zwar im Moment in jedem dritten „Die besten Fußballsprüche“-Büchlein zu finden sind, die aber aus Malmsheimers Mund einfach einen viel besseren Effekt haben: „Auch ohne Stefan Effenberg hat die deutsche Elf bewiesen, dass sie in der Lage ist, ihn zu ersetzen.“ Natürlich kommt neben dem Sport auch die schöngeistige Literatur nicht zu kurz, zum Beispiel in der Umsetzung von Victor Auburtins Text Mein Vater, bettlergleich geführt, in der ernstzunehmend aufgezeigt wird, was die unmittelbare Nähe zu Schauspielern bewirken kann. Besonders bei Shakespeare. Und selbstverständlich habe ich auch relativ schnell Das Glück der Pinguine wiedergefunden und könnte mich heute noch drüber totlachen. Internationales Renommee erlangte das Duo auch, belegt durch zwei Auszeichnungen. 1997 wurde der Prix Pantheon eingeheimst, 1998 gab es den Salzburger Stier. Die Arbeit hat sich also gelohnt. Im Jahre 2000 endete wie eingangs erwähnt die Tresenlesen-Zeit und die beiden Hauptbeteiligten widmeten sich Solokarrieren.
Frank Goosen ist inzwischen Stammautor beim Eichborn-Verlag. Von seinen drei Romanen Liegen lernen, Pokorny lacht und Pink Moon ist der erste bereits im Kino gelandet und seine autobiographische Erzählungssammlung Mein Ich und sein Leben vereint all die tollen Anekdoten in sich, die es teilweise auch schon damals ins Tresenlesen-Programm geschafft haben. Ja, auch Das Glück der Pinguine!!! Goosen tourte damit auch live durch die Lande und auch wenn ich ihn mit Malmsheimer zusammen nie erleben durfte, so bekam man bei seinen Lesungen doch ein bisschen das Gefühl, wie es seinerzeit gewesen sein muss. Wenn man vor lauter Lachen überhaupt dazu kam, nachzudenken. Sein Beitrag zum deutschen Fußball ist in dem Buch Fritz Walter, Kaiser Franz und wir nachzulesen, wobei er da hauptsächlich als Herausgeber fungiert. Darüber hinaus ist gerade das Kartenspiel Das literarische Quartett auf dem Markt, die kleinste Weltliteratur... naja, der Welt. Ist auch ganz niedlich und kostet 5 Euro, das kammanjamamachen. Eine wunderbare Geschichte, die mein Herz zur Weihnachtszeit erwärmte, ist Jobs, enthalten in dem Buch Alles Lametta vom Piper Verlag, in der Herr Goosen seine Erlebnisse als Bücher-als-Geschenke-Verpacker in einer großen Buchhandlung schildert. Hab mich selten so wiedergefunden. Und natürlich bastelt er fleißig Soloprogramme, die da unter anderem heißen Always kill your Darlings, Echtes Leder – Geschichten aus der Tiefe des Raumes, Indiskret oder Wahnsinn trotz Methode. Jochen Malmsheimer ist ebenfalls der Comedy treu geblieben und startete laut Eigenaussage schon am Tag nach der Trennung sein erstes Solopgrogramm Wenn Worte reden könnten – 14 Tage im Leben einer Stunde. Es folgten seitdem weitere mit klangvollen Namen wie Ich bin kein Tag für eine Nacht oder die etwas weihnachtlicheren Gedanken Jauchzet, frohlocket und Oh Pannenbaum. Wenn man ein bisschen die Augen aufhält, kann man Herrn Malmsheimer auch abseits seiner gewohnten Pfade begegnen, so zum Beispiel als Hörbuchleser zusammen mit einem bekannten Trommler eines deutschen Rocktrios für William Goldmans Klassiker Die Brautprinzessin (aber nur die spannenden Teile). Leider sind von Tresenlesen nicht mehr alle CDs zu kriegen, falls zum jemand unerwartet auf Rohes Fest, die Weihnachts-CD, stoßen sollte und sie nicht braucht, dann kann er sie mir gerne schenken und erhält dafür meinen ewigen Dank! Andererseits können ganz eilige sich die CDs auch bei musicload kaufen. Ist aber irgendwie nicht dasselbe. Ansonsten hamstert, was Ihr noch kriegen könnt, nehmt Euch einen Nachmittag lang Zeit und lacht, was das Zeug hält. In diesem Sinne: Kloidt ze di Penussen! Text Copyright Anna Selina Sander 2006 Bilder Copyright Frank Goosen, Jochen Malmsheimer Diskographie 1995 Günther 1996 Rohes Fest 1997 Das Auge liest mit (Doppel-CD) 1998 Kloidt ze di Penussen! 1999 Würdevoll & Preiswert 2000 Werkschau 1993-2000 Weiterlesen bitte hier: www.frankgoosen.de www.jochenmalmsheimer.de |