Gorilla des Monats

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Noir, Noir, Noir

von Jochen Ecke

In den dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren drehten die Regisseure des klassischen Hollywood ganz bewusst und überaus kenntnisreich Musicals, Melodramen, Komödien. Aber niemand arbeitete an einem Projekt mit dem Vorsatz, am Ende würde ein "Film Noir" dabei herauskommen. Das liegt (wer's schon weiß, bitte nicht mit den Augen rollen) einfach daran, dass dieses Label den betreffenden Filmen erst im Nachhinein von der französischen Kritik ohne klare Systematik aufgedrückt wurde. Seit Jahrzehnten versuchen Filmkundige seitdem, begrifflich zu fassen zu bekommen, was mit dieser diffusen französischen Idee in die Welt gesetzt wurde. Fest steht, dass die Sammelbezeichnung durchaus gerechtfertigt ist, denn da ist schon "etwas", das sich in so vielen Filmen der Zeit findet: Ein düsterer, pessimistischer, manchmal zynischer Blick auf die Welt; eine bisweilen vage, dann wieder ganz konkrete Bedrohung durch eine überaus feindliche Umgebung, die jede Paranoia rechtfertigt; ein Kamera- und Beleuchtungsstil, der dieser desillusionierten Haltung Nachdruck verleiht. Um dieses finstere Zentrum herum entstanden aber Filme ganz unterschiedlicher Machart, von ganz unterschiedlicher inhaltlicher Stoßrichtung. Drei davon, die verschiedener kaum sein könnten, sollen hier Thema sein.

 

Thieves' Highway / Gefahr in Frisco


Thieves' Highway Cover Large USA (1949) Regie: Jules Dassin, Buch: A.I. Bezzerides, Kamera: Norbert Brodine, mit: Richard Conte, Valentina Cortese, Lee J. Cobb

Erschienen bei: Fox
Preis: ca. 13,- Euro

Jules Dassin, der Regisseur von Thieves' Highway, ist ein Einwandererkind - er wuchs in Amerika inmitten Familien aus allen möglichen Nationen auf. Das merkt man seinen Filmen auch an, ganz besonders diesem hier: Der amerikanische wasp-Mittelstand spielt hier kaum eine Rolle und ist nur durch die hochnäsige, verzogene Verlobte des Protagonisten Nick vertreten. Ansonsten begegnen uns in diesem Film nur Figuren aus dem Arbeitermilieu, Figuren wie Nick - der ist Sohn griechischer Eltern und hat selbst als Mechaniker in der Navy gedient. Sein Vater war Lastwagenfahrer. Die Betonung liegt auf  "war", weil er in einem Unfall mit zweifelhafter Ursache beide Beine verloren hat. Nick tritt jetzt in jedweder Beziehung seine Nachfolge an: Er mag zwar kein "pushover" wie sein Vater sein, aber ein gehöriges Maß an Naivität hat er von ihm geerbt. Zusammen mit einem anderen Trucker macht er sich mit der ersten Ladung Äpfel des Jahres auf zum Markt von San Francisco. Ihre Laster sind altersschwach, und die beiden Fahrer sollen 36 Stunden auf Achse bleiben, damit die Ladung nicht in der heißen kalifornischen Sonne verdirbt.

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Links: Das Leben, ein Wettlauf - hier mit der kalifornischen Sonne. Rechts: Die Außenaufnahmen inszeniert Dassin immer tiefenscharf - im Hintergrund kommen gerade zwei konkurrierende Trucker an.

Natürlich wird die Fahrt ein Höllentrip, auf dem die beiden schnell voneinander getrennt werden. Nick kommt alleine auf dem Markt von San Francisco an, mitten in der Nacht - und ist als freelancer dem Amok laufenden Kapitalismus dort gnadenlos ausgeliefert. Thieves' Highway ist ein Film, in dem es beständig um Geld geht. Da werden Äpfel mit demselben zynischen Grinsen vertickt wie Menschenleben. Nick scheint auf den ersten Blick mit dieser harschen Umgebung zurande zu kommen: Preisverhandlungen führt er geschickt und profitabel; aber gleich mit dem nächsten Satz bringt er sich und seine Ladung mehr in Gefahr als er ahnen kann. Immer wieder ist sein Umgang mit den zwielichtigen Gestalten auf dem Markt höchst unentschieden: Einer Prostituieren namens Rica gibt er zuerst den Laufpass, dann lässt er sich doch in ihr Zimmer schleppen. Wo wir dann Zeuge einer der seltsamsten Szenen der Filmgeschichte werden, hinreißend gespielt sowohl von Richard Conte als auch von Valentina Cortese: Mal küssen sie sich beinahe, mal werfen sie einander vor, wie verloren und kaputt sie doch sind. Irgendwann später lacht Rica Nick furchtbar aus: "Save me! He wants to save me!", ruft sie ungläubig, schüttelt den Kopf darüber, mit welchen männlichen Klischees im Kopf der Trucker durch die Welt spaziert. In Thieves' Highway gibt es die Hure mit dem Herz aus Gold nicht, genausowenig wie der Rest des Marktes berechenbar wäre. Die einzige Konstante: gegen Geld ist hier absolut alles verhandelbar.

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Links: Der entrüstete Obstbauer reißt die Kisten wieder vom Truck, weil ihm zu wenig für die Äpfel gezahlt wurde. Rechts: Erst nach einer guten halben Stunde finden sich die ersten Chiaroscuro-Bilder in Thieves' Highway.

Stilistisch ist Dassins Film auch deswegen herausragend, weil er ein Vertreter der "realistischen" Ausprägung des Noir ist. Thieves' Highway besteht praktisch nur aus Aufnahmen an Originalschauplätzen, was für das klassische Hollywood höchst ungewöhnlich ist. Kameramann Norbert Brodine hatte sich auf Außenaufnahmen spezialisiert, und zusammen mit Dassin bietet er uns einen faszinierenden Blick auf das Amerika der späten Vierziger: Auf Obstplantagen und Städte, Highways und Gebirge, schließlich auf den Markt, der das dunkle Zentrum des Films bildet. Erst als Nick dort in tiefster Nacht ankommt, findet Thieves' Highway zu der stilisierten Licht-Schatten-Ästhetik, die wir so sehr mit dem Film Noir assoziieren.

Ein bis auf das wohl der Zeit geschuldete, vorsichtig optimistische Ende sehr konsequenter, visuell faszinierender Film, ausgezeichnet besetzt. Richard Conte, Valentina Cortese, Lee J. Cobb - allesamt sind das keine hübsch anzusehenden Stars, sondern echte Schauspieler, die sich sichtlich die Seele aus dem Leib spielen. Die Restaurierung von Seiten der Fox geht voll in Ordnung und die Aufmachung in der "Große Film-Klassiker"-Reihe ist wie immer sehr ansehnlich.

 

Pickup on South Street / Polizei greift ein


Pickup on South Street Cover Large USA (1953) Regie & Buch: Sam Fuller, Kamera: Joseph Macdonald, mit: Richard Widmark, Jean Peters, Thelma Ritter

Erschienen bei: Koch Media
Preis:
ca. 15,- Euro 

In Sam Fullers Pickup on South Street ist noch viel deutlicher alles nur noch Verhandlungssache. Der Plot ist hier nicht so furchtbar wichtig: Da geht es um einen Taschendieb namens Skip McCoy (Richard Widmark), der dem Flittchen Candy (Jean Peters) in der U-Bahn die Geldbörse klaut - ohne zu ahnen, dass das Portemonnaie wichtige Pläne der amerikanischen Regierung in Form eines Mikrofilms enthält. Die Pläne waren auf dem Weg zu einigen umtriebigen Kommunisten. Die Herrschaften wollen den Film natürlich zurück; die Polizei ist auch bald hinter Skip her. Bei Hitchcock wäre das jetzt Stoff für eine Verfolgungsjagd durch die Stadt oder wahlweise das ganze Land. Bei Fuller bleibt Skip, Schlitzohr, das er ist, aber einfach, wo es ist: In seiner schäbigen Hütte am East River, wo das kalte Wasser des Flusses den Kühlschrank ersetzt. Und da wartet er. Nach und nach besuchen sie ihn alle. Die Polizei, die ihm aber den Diebstahl nicht nachweisen kann - und wieder abziehen muss. Candy, die den Schurken Skip sehr anziehend findet, aber sich nicht zwischen den Fronten entscheiden kann - wohl auch, weil sie für Loyalität noch nie sonderlich zu begeistern war.

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Links: Als Candy bemerkt, dass ihre Börse fehlt, geht im Hintergrund irgendwo ein Alarmsignal los - Fullers Sound Design ist sehr clever und subtil. Rechts: In Pickup sind die Cops genauso zwielichtig wie die Ganoven.

Was folgt, ist ein bizarres Hin und her der Loyalitäten, die immer wieder eingekauft werden: Die Straßenhändlerin Moe verrät Skip - weil der Preis stimmt, nicht, weil sie ein böser Mensch wäre. Im Gegenteil: Die alte Dame ist die gütigste, warmherzigste Figur des ganzen Films. Dafür bezahlt sie zum Ende des zweiten Aktes teuer. Allein schon Thelma Ritters Darstellung wegen ist Pickup on South Street ein Juwel: Wie sie Abends müde in ihr Zimmer zurückkommt; wie sie die Sinnlosigkeit ihres Lebens beschreibt - "How hard it is to climb the stairs"; wie sie souverän ihren Ehrenkodex formuliert. "You'd sell anybody for buttons", meint da einer zu ihr. "Yeah", antwortet sie. "But not to you."

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Links: Jean Peters war zu Beginn der fünfziger Jahre Königin der schmutzigen kleinen B-Filme. Rechts: Widmark war schon fast vierzig Jahre alt zum Zeitpunkt des Drehs, aber sein Skip McCoy ist eher jugendlich-unverschämt.

Pickup on South Street bleibt außerdem im Gedächtnis als ein Film der ungeheuren Bedrängnis, die nicht nur durch die atemlose Handlung in Parallelmontage zustande kommt. Fuller schießt fast alle Szenen mit sehr vielen Großaufnahmen, die extrem eng gebaut sind. Jean Peters kommt er oft sogar so nahe, dass man die Poren ihrer Haut sehen kann. Die Kamera rast von Halbtotalten oder Halbnahen immer wieder zu Closeups, aufdringlich, reißerisch, aber vor allem drohend und einengend. Wer in den schweißnassen, angespannten Closeups von Fullers Filmen ein Vorbild des Italo-Westerns erkennt, der liegt völlig richtig.

Die deutsche DVD von Koch Media bietet ein sehr ansehnliches Bild (nur zu Beginn der Rollen finden sich wie immer etwas mehr Kratzer und Schmutz) und gerade auf der englischen Spur einwandfreien Ton. 

 

The Big Heat / Heißes Eisen


The Big Heat Cover Large USA (1953) Regie: Fritz Lang, Buch: Sydney Boehm, Kamera: Charles Lang, mit: Glenn Ford, Lee Marvin, Gloria Graham

Erschienen bei: Sony
Preis: ca. 15,- Euro


Und dann ist da noch Fritz Langs ganz eigene Spielart des Film Noir, die er schon mit seinem You Only Live Once / Gehetzt (1936, deutsche DVD bei Arthaus)  definiert hatte. Bei ihm trifft das düstere amerikanische Melodram auf ein gerüttelt Maß altes Europa und deutsche Schwermut - und damit auch auf klassische Motive. Die Geschichte von The Big Heat wurde mittlerweile in unzähligen mittelmäßigen Thrillern verwurstet, aber bei Lang hat sie noch einiges von ihrer ursprünglichen Vitalität. Der erste Akt funktioniert dabei ganz ähnlich wie der von Langs Fury oder eben auch You Only Live Once: Ein Detective Dave Bannion (Glenn Ford) wird vorgestellt, und mit ihm seine unglaublich harmonische Familie - so harmonisch, dass sich Dave und Ehefrau Katie (Jocelyn Brando) sogar reibungslos über den Vorbereitungen zum Abendessen eine Zigarette teilen können.  

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Links: Lang inszeniert die Familienidylle im ersten Akt extrem süßlich - umso furchtbarer, wenn sie dann zerstört wird. Rechts: Der Stein des Anstoßes, fast wie bei einem whodunnit: Der hohe Polizeibeamte ist tot - war es wirklich Selbstmord?

Tragisch wird es erst, als Dave über dem angeblichen Selbstmord eines Polizisten in Konflikt mit dem örtlichen kingpin of crime gerät. Daves großer Fehler - wirklich ganz im Sinne der klassischen Tragödie - ist, dass er die durchdringende Korruption seiner Umgebung nicht akzeptieren will. Kurz darauf explodiert sein Auto. Mit seiner Frau darin.

In diesem Moment wird The Big Heat - wie alle von Langs Noirs - zu einer revenge tragedy. Dave quittiert den Dienst, versteckt sich in einem Hotelzimmer und arbeitet daran, den Gangsterboss zu Fall zu bringen. Bald hat er dabei eine Verbündete: Debby Marsh (Gloria Grahame), die Geliebte eines der Gangster - der sie verstoßen hat, und sich vorher mit einem Schwall heißen Kaffees in ihr Gesicht bedankt hat.

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Links: Debby (Gloria Grahame) enthüllt erst zum Ende des Films ihr entstelltes Gesicht. Rechts: Irgendwann besteht zwischen Dave und den Gangstern kaum mehr ein Unterschied.

Die Frau, die ab diesem Zeitpunkt nur noch mit bandagiertem Kopf  zu sehen ist, wird nach und nach zu einer noch verbisseneren Rächerin als Dave. Das Janus-Gesicht Debbys ist der verstörendste Anblick des Films, und Debbys Geschichte ist auch die konsequenter erzählte von beiden - ihr kommt das Ende zu, das nach den Regeln der Tragödie eigentlich Dave gebühren würde.

Die DVD-Fassung von Sony, seit Mitte dieses Jahres in Deutschland erhältlich, ist leider im Bild stark verschmutzt - aber keinesfalls in einem Maße, dass das Bild völlig inakzeptabel wäre. Ein richtiges digitales Remastering hätte man einem Klassiker dieser Statur aber sicher zugestehen können. Das ist aber völlig vergessen, wenn man den Film sieht - wenn Lang uns Bilder von bedrückender Traurigkeit und Schönheit zeigt wie dieses.

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Text Copyright 2006 Jochen Ecke
Screenshots, Packungsartwork Copyright 20th Century Fox, Koch Media, Sony

 
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