v on Anna-Selina Sander Autor: Cory Doctorow Erschienen bei: Rowohlt ISBN: 978-3-499-21550-6 Preis: € 14,95 Little Brother bei Amazon.de Wenn man denn bereit ist, mal wieder einen absolut unverschämten Preis für ein Taschenbuch zu bezahlen! Ich könnte mich schon in der Fantasyabteilung jeden Tag aufs Neue aufregen, dass die Verlage für ihre sogenannten Tradepaperbacks Preise verlangen, die nur wenige Euro von gestandenen Hardcovern entfernt liegen. Jetzt zieht Rowohlt mit einer ähnlichen Aktion los, und Little Brother ist nicht einmal eine Trade-Ausgabe, sondern ein stinknormales Taschenbuch. Darüber hinaus lohnt es sich, Doctorows Arbeit im Netz ein wenig intensiver zu verfolgen. Wer nicht möchte, muss das teure Geld nicht investieren und erhält sogar eine deutsche Übersetzung. Marcus Yallow aus San Francisco ist noch keine achtzehn, aber ein begnadeter Hacker vor dem Herrn. Er ist blitzgescheit, kritisch und interessiert an allem, was auf der Basis von Technik und Elektronik funktioniert, das man auseinandernehmen und wieder zusammenbauen kann. Dementsprechend hat er schon einige halbkrumme Dinger gedreht und steht bei seinem Schuldirektor schon lange auf der schwarzen Liste. In Marcus' Schule muss man sich seine Freiheit allerdings auch erkämpfen: In sämtlichen Räumen zeichnen Videokameras angeblich zur Sicherheit das Unterrichtsgeschehen auf (für die übrigens die Eltern, nicht die Schüler, gestimmt haben), auf den Gängen erkennen Sensoren jeden, der sich dort aufhält, an der Gangart, und die Gratislaptops von der Schule entpuppten sich schnell als totalüberwachte Computer, auf denen keinerlei freie Nutzung möglich ist. Kein Wunder, dass Marcus schnellstmöglich alles außer Kraft gesetzt hat, um wenigstens ein bisschen Privatsphäre in der Schule zu haben. Unter anderem, um mit seinen Freunden das Alternate Reality Game „Harajuku Fun Madness“ zu spielen, einer geekigen Schnitzeljagd für Technikfreaks, bei dem als Hauptpreis eine Shoppingtour durch Tokyos Elektronikparadies Akihabara mit anschließendem Abhängen auf der Jingu Bridge in Harajuku steht. Schlimm genug, wenn man bis dahin mit allem, was einem an (J-)Popkulturreferenzen um die Ohren gehauen wird, wirklich was anfangen kann. Ich zumindest kam aus dem Grinsen und den Jugenderinnerungen gar nicht mehr raus – welcher Mangafan hat nicht jemals davon geträumt, sich an diesen Orten herumzutreiben? Beim Harajuku-Spielen (meinem derzeitigen Lieblingshobby Geocaching übrigens nicht unähnlich) geraten Marcus und seine Clique allerdings urplötzlich in die Nachwehen eines Terroranschlags: Unbekannte haben die Bay Bridge, einen der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der Stadt, in die Luft gejagt. Ehe die Freunde sich versehen, werden sie von Militärs des Department of Home Security aufgegriffen und verhaftet, und keiner weiß, warum. Man verschleppt sie in ein Gefängnis auf Treasure Island, wo sie tagelang verhört und erniedrigt werden, und noch immer erklärt ihnen keiner, was man ihnen vorwirft. Als sie schließlich nach der Herausgabe aller Passwörter und Zugangsdaten ihrer technischen Geräte wieder freigelassen werden, stellt sich heraus, dass San Francisco zu einer schwer überwachten Zone geworden ist. Den Einwohnern erklärt man, es sei zu ihrer eigenen Sicherheit, doch Marcus stellt schnell fest, dass im Prinzip jeder wie ein Terrorist behandelt wird: Unzählige Lesegeräte verfolgen die Spuren eines jeden Menschen, Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf führen sofort zu Verhaftungen und Verhören. Marcus, die Paranoia durch die Drohungen des DHS noch immer im Nacken, macht sich an die Arbeit: Er nutzt eine Xbox-Konsole, um ein Underground-Internet aufzubauen, das sogenannte Xnet. Unter dem Nickname M1k3y beginnt er, Stück für Stück das System zu unterwandern, dabei ist er permanent der Gefahr einer erneuten Verhaftung ausgesetzt. Doch er hat sich in den Kopf gesetzt, diese perverse Regierung mit allen Mitteln zu stürzen, zur Not auch allein. Da fängt die Geschichte eigentlich erst richtig an, aber ich will mal lieber nicht zu viel erzählen. Doctorow weiß, wovon er schreibt. Jahrelange Erfahrung als Mitarbeiter diverser Datenschutzorganisationen, Autor zahlreicher Artikel und Romane und Inhaber mehrerer (Gast-)Lehrstühle haben ihn zu einem Experten auf dem Gebiet des Schutzes persönlicher Freiheit besonders auf elektronischem Wege gemacht. Seine ganze Bio- und Bibliographie, beides hochinteressant, können auf seiner Website http://craphound.com nachgelesen werden. Was er auch kann, ist, all sein technisches Wissen in einen spannenden Roman für Jugendliche und Erwachsene zu verpacken. Selbst ich als vollendete Techniknulpe hab hier und da den Erklärungen folgen können, aber selbst wenn man die Details nicht begreift, werden die größeren Zusammenhänge und Auswirkungen des ganzen so spannend und einfach dargestellt, dass man auch als Computerlaie problemlos dem Geschehen folgen kann. Das ganze wurde darüber hinaus in eine hochspannende Story verpackt, die ein Thema aufpustet, das gerne totgeschwiegen wird und dessen Dramatik sich die wenigsten Leute bewusst sind. Ist es okay, überall überwacht zu werden, wenn es dem Schutz vor dem Terrorismus dient? Und wer gibt einem die Garantie, dass die Daten nicht noch zu ganz anderen Dingen benutzt werden? Wie erkennt man überhaupt Terroristen und unterscheidet sie von ganz normalen Menschen? Wo hört Sicherheit auf und fängt Freiheit an? Auf der einen Seite ist Little Brother natürlich ein ultimativer Nerdroman. All die geekigen Referenzen, von denen ich schon erzählt habe, wird so mancher Leser aus dem eigenen Leben wiedererkennen. Es geht viel um Mathematik und natürlich um Computer, aber so verständlich und praxisnah in die Geschichte eingebunden, dass man keine Angst haben muss. Ich hab an den ganzen popkulturellen Details jedenfalls meine helle Freude gehabt, und ich glaube, jeder, der hier auf dieser Seite regelmäßig vorbeischaut, wird diese Freude mit mir teilen. Andererseits ist der Roman hochpolitisch und brisant und leistet einen Beitrag zu einer Diskussion, die in jedem Land anders geführt wird und die noch lange nicht zu einem Ende gekommen ist. Im Gegenteil. Stets kommen neue verschwurbelte Gesetzesvorschläge hinzu, die irgendwann eskalieren und die Freiheit der Menschen erheblich beeinträchtigen können. Marcus ist als Held unheimlich cool und liebenswert, auch wenn er mir manchmal für seine 17 Jahre etwas zu altklug daherkommt. Auf der anderen Seite – wer als Kind schon jedes elektronische Gerät auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt hat, dem gesteht man auch eine gewisse Überheblichkeit in Technikfragen zu. Man hängt an seinen Lippen und bangt mit ihm um seine, oh Ironie, Sicherheit, ebenso wie die seiner Stadt. Insgesamt, wie schon im Teaser rausposaunt, Pflichtlektüre für jeden, dem Datenschutz was bedeutet und vor allem für die, die annehmen, es ist schon alles in Ordnung, so wie es ist. Hinterher will man unbedingt mehr wissen, und Doctorow hat sich die Mühe gemacht, neben kurzen Aufsätzen von zum Beispiel Andrew Huang (der wo die Xbox gehackt hat) eine phantastische kommentierte Bibliographie als Anhang beizufügen, die ein praktischer Wegweiser durch Blogs, Zeitschriften und Bücher ist. Little Brother öffnet Augen, würde ich mal so sagen. Wem die deutsche Ausgabe zu teuer ist, die englische sollte schon für bummelig 10 Euro, oder vielleicht auch weniger, zu kriegen sein.
Text Copyright Anna-Selina Sander 2010 Cover Copyright Rowohlt |