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Director: Charles Cecil, Story: Charles Cecil, Neil Richards, Produzent: Gary Edwards, Artwork: Dominic Hood, Musik: Ben McCullough Originaltitel: Broken Sword – The Angel of Death
Erschienen bei: THQ Entwickler: Revolution / Sumo Digital Preis: ca. 49.99
Ich gebe es zu: George Stobbart und Nico Collard sind mir wirklich ans Herz gewachsen. Eigentlich fast peinlich, wenn man eine dermaßene Zuneigung für fiktive Charakter entwickelt, aber sobald ich das zänkische Abenteurerpärchen sehe, befinde ich mich in vertrauter, liebgewonnener Gesellschaft. Man weiß eben, was man an dem lässigen Patentanwalt und der findigen Fotojournalistin hat: Jede Menge Adventurespaß nämlich! Ein Glück, dass die beiden endlich wieder im Einsatz sind.
Bevor wir aber dem Engel des Todes huldigen, muss ich noch eine kontroverse Aussage zu den modernen Broken Swords loswerden: Baphomets Fluch 3 war, in meinen Augen, eines der besten Adventures der letzten Jahre. Vielleicht sogar DAS Beste. Sicher, es war etwas zu kurz, etwas zu leicht, und hatte – Schockschwerenot – Stealth- und Actionsequenzen. Das ändert aber nichts an der unterhaltsamen Story, den pointierten Dialogen, logischen Rätseln und sauber strukturiertem Spielverlauf. Der schlafende Drache hatte genau den Humor, die Atmosphäre und das Feeling der alten Adventure-Klassiker aus den Neunzigern. Viele andere Spiele haben versucht, diesen klassischen Charme zu kopieren, aber außer dem dritten Baphomet hat es bislang keines geschafft. Nicht einmal das vielgerühmte Runaway. Kistenrätsel hin- oder her, Nummer Drei war einfach toll.
Im vierten Teil, Baphomets Fluch: Der Engel des Todes, hat Adventureguru Charles Cecil gehörig am Status Quo gerüttelt, denn schon in den ersten Spielminuten erwartet uns ein großer Schock in Form der neuen weiblichen Hauptfigur Anna Maria. Von der New Yorker Mafia gejagt, wendet sich die geheimnisvolle Blondine an den guten George, der ihr helfen soll, ein mysteriöses Templer-Manuskript zu entschlüsseln. Und wer Herrn Stobbart kennt, weiß, dass er schönen Frauen und historischen Geheimnissen noch nie wiederstehen konnte. Zeit also für ein neues weltumspannendes Abenteuerepos!   Manchmal muss man sich eben die Hände schmutzig machen: Hier schleicht sich der stoppelbärtige Stobbart in eine morbide Mafia-Metzgerei ein.
Erzählerisch dürfte Der Engel des Todes das bisher ausgereifteste Kapitel der alteingesessenen Serie sein. Das wichtigste Markenzeichen von Baphomets Fluch, der gelungene Gratwandel zwischen Komplexität und Kurzweil, ist auch diesmal erhalten geblieben: Reale geschichtliche Fakten und spannende Spekulationen werden abermals zu einem faszinierenden historischem Rätsel verwoben, das die Basis für eine Handlung in bester Indiana Jones-Manier bildet.
Im Gegensatz zu den Vorgängern ist Teil 4 allerdings etwas erwachsener geworden. Während George sich in Vorgängern kaum verändern durfte, kommt er diesmal nämlich tatsächlich in den Genuss waschechter Charakterentwicklung. Der emotionale Kern der Geschichte ist nämlich, allein wegen der Dreiecksgeschichte, erstaunlich ausgereift. Und, ja, „Dreiecksgeschichte“ bedeutet, dass Nico, allen Vorabgerüchten zum Trotz, immer noch eine tragende Rolle spielt. Es dauert zwar eine ganze Zeit bis sich die fesche Französin endlich blicken lässt, aber sobald Mademoiselle Collard auftritt, ist sie aus der Geschichte nicht mehr wegzudenken. Allen Storyentwicklungen zum Trotz bleiben die wichtigsten Zutaten aber unberührt: George ist nach wie vor der König des gut getimeten One-Liners, Nico beeindruckt immer noch mit ihrem trockenen Sarkasmus, und die Tempelritter haben mehr Leichen im Keller als die komplette Bush-Regierung. Spielerisch hat sich seit dem dritten Teil einiges verändert. Die oft bemäkelte direkte Kontrolle ist den Weg alles irdischen gegangen und hat den Weg für die Reanimation der guten altmodischen Point & Click-Steuerung freigemacht. Und ganz ehrlich? Diese Entscheidung ist nicht immer von Vorteil, denn eine Rückkehr zur Mauskontrolle bedeutet leider auch ein ungewolltes Comeback der guten alten Pixelhunts. Und darauf konnten wir, zumindest im Gorilla-Team, nun wirklich verzichten. Tatsächlich sind die Suchorgien nämlich noch um einiges nerviger als in den ersten beiden Baphomets. Ein zweidimensionales Bild mit dem Mauspfeil abzuscannen ist eine Sache, ein riesiges 3D-Gebiet zu durchsuchen aber eine ganz andere.
Und in Sachen Grafik hat sich, abgesehen von der höheren Auflösung, auch herzlich wenig seit dem schlafenden Drachen getan. Die Optik im neuen Baphomet ist zweckdienlich, viel mehr aber auch nicht. Die Hauptcharaktere sind gut designt, und jede Region hat ihren spezifischen Look, aber im Vergleich zu Konkurrenztiteln wie dem detailverliebten Dreamfall sieht alles ein wenig bieder aus.
  Wie schon im Vorgänger muss man sich auch in Baphomets Fluch 4 oft durch gefährliches Terrain manövrieren.
Aber sollte es in einem Adventure um dermaßen oberflächliche Attribute gehen? Natürlich nicht! Und auf allen anderen Ebenen erweist sich Der Engel des Todes als ein dermaßen liebevoll inszeniertes Abenteuer, dass die oberflächlichen Makel kaum noch ins Gewicht fallen. Die Puzzles sind zwar eine ganze Ecke schwerer als im dritten Teil, aber ebenso logisch und nachvollziehbar. Besonders gelungen ist hier übrigens die Entzifferung der obligatorischen Schriftrolle, bei der es eine Menge kreativer Recherchearbeit zu leisten gibt. Zeitweise erinnern diese Spielpassagen an eine Light-Variante des „Le Serpent Rouge“-Rätsels aus Gabriel Knight 3. Und Gemeinsamkeiten mit besagtem Meilenstein können nur gut sein. Sofern sie nicht die Grafik betreffen, versteht sich.
Auch das Storypacing ist absolut vorbildlich. Gefahrensituationen werden atmosphärisch aufgebaut, Spannungsmomente gekonnt erzeugt, und eine große Portion an Plot-Twists verleiht dem Ganzen diese besondere Würze, die in den meisten gemächlich hinplätschernden Neuzeit-Adventures so schmerzlich vermisst wird. Bei diesem Spiel haben sich die Macher wirklich Gedanken um die Struktur gemacht, und besagte Mühen haben sich doppelt und dreifach ausgezahlt. Am wichtigsten ist aber, dass Baphomets Fluch 4 einfach jede Menge Spaß bringt. Es mag sein, dass Der Engel des Todes visuell nicht den Charme seiner zweidimensionalen Vorgänger rüberbringt, aber inhaltlich gehört es zu den wenigen modernen Adventures, die sich mit den Klassikern aus den Häusern Lucasarts und Sierra messen können. Wer die alltägliche Hausmannskost im Genre-Einheitsbrei satt hat, schuldet sich einen Blick auf dieses ungeschliffene Juwel.
Text Copyright Peter Clausen 2006 Cover, Artwork, Screenshots Copyright Revolution Software |