von Thomas NickelSystem: PlayStation 3 Japan (2009), Sprecher: Michelle Ruff, Sandy Fox, Sam Riegel, Bryce Papenbrook, Mela Lee, Kate Higgins Entwickler: Compile Heart, Gust Erschienen bei: Nippon Ichi Preis: ca. 50€ Trinity Universe bei Amazon.de Erinnert sich hier jemand an den Artikel zum PS3-Crossover-Rollenspiel Cross Edge? Damals hab ich mich noch gefragt, wer denn nun eigentlich genau die Zielgruppe für den seltsamen Mix aus japanischem Lolita-Kitsch-Design und Kämpfen mit gefühlten 32 Balken, Zählern und Energieleisten darstellen soll. Tja, offenbar gibt’s die wirklich. Nicht nur, dass Cross Edge offiziell in Deutschland veröffentlicht wurde, jetzt ist auch der spirituelle Nachfolger Trinity Universe hierzulande erschienen. Hätte man gar nicht für möglich gehalten! Inhaltlich und spielerisch hat der nichts mit Cross Edge zu tun, auch wenn so manche Figur schon im vorherigen Crossover auftauchte. Gaben sich in Cross Edge noch die Figuren aus sechs Nischen-RPGs die Klinke in die Hand, wird der Crossover-Aspekt bei Trinity Universe zurück geschraubt. Neben den vornehmlich neuen Figuren beehren nur eine handvoll bekannter Gesichter aus Nippon Ichis Disgaea und Gusts Atelier-Serie die Welt von Trinity Universe mit ihrer Anwesenheit. Eines muss man der Welt von Trinity Universe lassen, originell ist sie allemal. Im Netheruniverse tauchen all die Dinge auf, die anderswo verloren gehen. Alles mögliche treibt dort durch den Raum: Bowlingkugeln, riesige Sushi-Stückchen, ganze Bibliotheken. Gelegentlich gehen diese Objekte auch auf Kollisionskurs mit dem Zentrum dieser Welt. Da liegt es dann an den Dämonengöttern, sich zu opfern und zu magischen Kristallen zu werden, um die Heimat zu schützen.  Kanata hat da aber keine Lust drauf: Gemeinsam mit der etwas zwielichtigen Tsubaki tritt er die Flucht an um sich seinem großen Hobby – dem Essen – zu widmen. Und nähert sich ein gefährliches Objekt, dann wird das einfach betreten, flugs seiner Schätze beraubt und schließlich wird der Gravitationskern zerstört. Und schon entfernt sich die Bedrohung wieder. Aber Kanata hat ein Problem: Die zweite spielbare Figur, Rizalea. Die sieht gar nicht ein, dass sich Kanata so einfach seiner Verantwortung entzieht und will ihn zurückbringen. Vor Spielbeginn habt ihr die Wahl zwischen beiden Figuren, und die entscheidet nicht nur über die Story, sondern auch über die verwendeten Systeme zur Charakter-Entwicklung. Einen guten Teil des Spiels verbringt ihr mit dem Anschauen der Story-Sequenzen und dem stöbern in Menüs. Nur in den Dungeons bewegt ihr eure Party direkt in 3D durch die Gegend. Dort wird ganz klassisch gesucht, gestöbert und gekämpft. In den rundenbasierten Zufallskämpfen reiht ihr schnelle, harte und magische Attacken per Knopfdruck aneinander und löst so Spezialmanöver aus. Jede Attacke kostet ein paar Punkte, wollt ihr ein besonders mächtiges Manöver vom Stapel lassen kann es durchaus vorkommen, dass ihr erst einmal eine oder zwei Kampfrunden pausiert um den nötigen Vorrat zu akkumulieren. Spielsystem, Charakterentwicklung und Kampfsystem sind allesamt nach etwas Eingewöhnungszeit recht verständlich. Trotzdem legt euch das Spiel gerne große Hindernisse in den Weg. Wollt ihr das beste, und einzige wirklich befriedigende, Ende erreichen, dann dürft ihr euch keine Fehler leisten und nichts verpassen. Nur wenn ihr die entsprechenden Sidequests absolviert könnt ihr der Handlung wirklich auf den Grund gehen. Einziger Trost: Habt ihr Trinity Universe durch, könnt ihr dank New Game + -Modus jede Menge Ressourcen mit in den nächsten Anlauf nehmen.
Die Präsentation von Trinity Universe ist weitaus aufwändiger als noch bei Cross Edge. Nippon Ichi, Gust und Idea Factory haben sich von den knuffigen SD-Sprites verabschiedet und schicken jetzt ähnlich knuffige Polygon-Helden in den Kampf: Figuren wie Disgaea-Dämonin Etna erleben so zum ersten Mal die dritte Dimension. Auch die Portraits in den Dialogen wurden aufgewertet: Hoch aufgelöst und stets subtil in Bewegung machen sie weit mehr her als die starren Bitmap-Standbilder von Cross Edge und Konsorten. Viele Faktoren die manch westlichem Spieler bei Trinity Universe die Tränen in die Augen treiben, sollte man ganz objektiv unter Geschmackssache verbuchen. Der eingefleischte Gears of Duty oder Call of War-Spieler ist ebenso wenig ein Freund von piepsigen Stimmen und bunten Haaren, wie der gängige Anime-Fan sich für stiernackige Space-Marines begeistern kann. Es sind eben zwei völlig unterschiedliche Welten und letzten Endes ist es gut, dass man die Wahl hat und alle Fangruppen bedient werden. Ein Aspekt von Trinity Universe geht aber nun wirklich überhaupt nicht und wird selbst hartgesottene Anime-Verfechter an die Grenzen ihrer Geduld bringen. Das Spiel ist unfassbar, exorbitant laberig, es leidet unter akutem Sprechdurchfall. Die Figuren kauen euch die Ohren ab, ohne Unterlass füllen sie Textkasten um Textkasten mit klebrig-süßlichen Nichtigkeiten. Jeder Dialog wird bis zum Erbrechen ausgewalzt, jedes Fitzelchen Plot totgeredet, jeder Gag wird von der verbalen Diarrhoe erschlagen.  „Aber Thomas“, werdet ihr jetzt zurecht sagen, „hast du nicht erst vor ein paar Monaten das ebenfalls bei Nippon Ichi erschienene Sakura Wars trotz oder gerade wegen seiner hohen Textmengen so gelobt?“ Ja, das habe ich. Aber zwischen den Dialogen von Sakura Wars und Trinity Universe liegen Welten. Die Figuren von Sakura Wars wirken auf den ersten Blick eindimensional, gewinnen aber schnell an Tiefe und haben vor allem tatsächlich etwas zu erzählen. Die Dialoge sind nicht zuletzt durch ihre enge Verknüpfung mit den Kampfsequenzen und die komplexen Antwortmöglichkeiten ein wichtiger Bestandteil des Spiels. Bei Trinity Universe dagegen wirkt ein Großteil der Gespräche wie reiner Selbstzweck. Wenn sich Kanata und Tsubaki um Kanatas endlosen Hunger kabbeln, dann hat das noch einen gewissen Charme, aber wenn man euch selbst für absolute Selbstverständlichkeiten wie das Übernachten im Inn oder die Ein- und Verkaufs-Möglichkeiten im hiesigen Shop endlose, nicht abbrechbare Laber-Tutorial-Textkästen reindrückt, dann steigt euer Blutdruck langsam aber sicher in gefährliche Regionen, nicht zuletzt weil euch das Spiel in seiner ersten Stunde auch gnadenlos die Speicher-Option vorenthält. Spätestens wenn ihr dann in den Kämpfen mehr Angst vor einem erneuten Auftauchen von Tutorial-Mädel Macaroon, als vor den eigentlichen Gegnern habt, dann liegt hier definitiv etwas im Argen. Schade – mit einer etwas flotteren, knackigeren Inszenierung hätte Trinity Universe ein ganzes Stück mehr Spaß gemacht. Denn sieht man von der Laberei und dem Zwang zum Lösungsbuch einmal ab, dann macht Trinity Universe doch so einiges richtig. Das Kampfsystem fühlt sich weit direkter und zugänglicher an als das von Cross Edge, es macht auch Spaß die 3D-Dungeons zu durchforsten und das wirklich originelle Setting hebt sich angenehm vom sonstigen RPG-Einerlei ab. Schön auch, dass Trinity Universe mit jeder Menge Komplixität unter der Haube daherkommt, euch aber stets die Wahl lässt, wie sehr ihr euch auf die anspruchsvollen Systeme einlassen wollt. Leider erweist sich Trinity Universe aber gerade in den ersten Stunden als arge Geduldsprobe. Doch übersteht ihr erst einmal die lahmarschige Anfangsphase, bekommt das das Charakter-Entwicklungs-System in den Griff und holt euch im Idealfall ein wenig Hilfe auf dem Weg zum bestmöglichen Ende, dann entpuppt Trinity Universe als interessante Spielart des des RPG-Genres in das ihr euch ganz vorzüglich über Wochen hinweg vergraben könnt. Eine eindeutige Empfehlung kann ich dem farbenfrohen Rollenspiel nicht aussprechen, zumindest kann ich aber Rollenspielern und Japan-Fans das Anspielen nahe legen. Ich kann nicht garantieren, dass es euren Nerv trifft. Tut es das aber, dann habt ihr spielerisch für die nächsten Wochen ausgesorgt.
Text Copyright Thomas Nickel 2010 Bilder, Video Copyright Compile Heart, Nippon Ichi |